Peggy/Frankfurt 1985
Peggy ist auf dem alarmgefärbten Kurzhaartrip. Sie kämpft mit Wörtern und klaubt den Ramsch der Gegenwart auf. Ihre Feststellungen verbergen die Frage, wieso in ihrem Leben alle Liebestüren klemmen. Sie preist sich an und glaubt sich kein Wort. Obwohl Kurzhaarbunt für mich nicht in Betracht kommt, geschieht es dann doch eines Nachts in der Burgschänke. Stehengeblieben ist Geschirr, ein Dippchen (hessisch für Schale) halbvoll Musik (zum Handkäs). Musik ist ein Zwiebelessiggemisch, man muss das ja euch seltsamen Nicht-Hessen alles erklären. Aus der Küche weht ein kalorienreicher Dunst. Ein Hauch von Remoulade über einem nahrhaften, von Mäusen belebten Bodenbelag.
Stunden später entdecke ich mich in Peggys Einraumhöhle mit Balkon und freier Sicht auf den Hauptfriedhof. Ich kenne allerlei Schreibplätze, den Tisch am Fenster, die geordnete Versammlung von Papier und obsoleten Schreibmitteln auf einem Stehpult, die solide elektrische Schreibmaschine in der Küche. Peggy hat ein Ding, das keinen festen Platz beansprucht. Es sieht aus wie eine Muschel und besitzt einen Speicher. Daran gewöhnt, fest anzuschlagen, laufen mir die Buchstaben in Kolonnen davon. Die Tastatur verlangt eine unvertraut-sachte Weise.
„Bitte, denk nur an dich“, sagt Peggy. Ich verstehe sofort, was sie will. Sie möchte mitgenommen werden auf eine Reise durch die Klimazonen meiner Lust. Wir kennen uns alle so gut, dass niemand unvorbereitet nachts in einer fremden Wohnung den Offenbarungseid seiner Geilheit leistet. Das ist ganz normal in dem Kreis, in dem ich mich drehe. Manchmal denke ich, wir sind alle wahnsinnig, dann finde ich uns wieder vollkommen normal. Jeder ist im Job, jeder kommt klar, einige trinken mehr als ihnen guttut, aber das wird schon wieder.
Ich muss mich herantasten, ich kann nicht einfach so durchstarten. Konnte ich noch nie. Ich will erst mal Fuß fassen auf dem Schwingboden des Vertrauens. Morgen sehen wir uns vielleicht mit anderen Augen an; mit täglichen Begegnungen ist außerdem zu rechnen. Wenn wir uns das nächste Mal in der Burgschänke treffen: wie wird das werden? Was wenn ich mit Lara ankomme oder abziehe? Oder vielleicht doch noch mal mit Ariane?
Du denkst zu viel, ermahne ich mich. Plötzlich wird mir klar, dass ich abgeschleppt wurde. Dass Peggy die Situation herbeigeführt …; dass sie sich mich in ihren Fängen gewünscht hat. Ich kämpfe kurz mit dieser Einsicht, dann ergebe ich mich. Peggy schläft auf einer Matratze. Ich ziehe mich aus, um erst gar keine Romantik aufkommen zu lassen. Peggy scheint nichts anderes erwartet zu haben. Ich kenne ihre Bikinifigur aus dem Freibad und vom Sonnenbaden am Lohrberg. Da wirkt stets eine Anziehungskraft, so ungewiss wie ein gestörtes Ferngespräch (zu Festnetzzeiten. Dies als nachträgliche Feststellung.) Eine sanfte Fülle, die Aufmerksamkeit erheischt. Eine kompakte Arschbirne. Nichts Pfirsichsüßes. Nichts, was sich ignorieren lässt. Ich habe den Hintern schon drei Mal in Händen gehalten, einmal beim Bluestanzen mit fünfzehn und zweimal als Erwachsener im nachbarschaftlichen Exzessmodus. Jedes Mal war ich Peggys Aufforderung gefolgt, im Rahmen einer unverbindlichen Knutscherei, wie sie sich in den irresten Konstellationen ergeben kann, kurz vor den echten Entgleisungen und Kotzorgien. Einmal hatte ich das Gefühl, dass Peggy einen Orgasmus ergattern wollte, in ihrer vertrackten Unkompliziertheit. Ich war mir nicht sicher, sie presste sich an mich, animierte mich, sie tüchtig festzuhalten und heftig zu küssen und nach einer Weile löste sie sich, verschanzte sich hinter Umgänglichkeitsfloskeln und trudelte bald weiter. Nie hatte sie Verbindlichkeit angemahnt, noch nicht mal bei unseren Stammtischkulthandlungen.
Am Ende hat wohl jede jeden schon einmal einem Zungencheck unterzogen. Peggys prall hängende Brüste überraschen mich dann doch in ihrer blanken Beachtlichkeit. Was so ein bisschen Oberteilstoff ausmacht.
„Dir fallen gleich die Augen aus dem Kopf“, sagt Peggy freundlich. „Das freut mich. Du hast keinen Schimmer, wie lange ich mich schon danach sehne, mit dir zu ficken. Keine Angst, ich erwarte kein Gegengeständnis.“
Wie gesagt, wir sind in den 1980er Jahren. Aids ist noch lange nicht ausgestanden, ja noch nicht mal verstanden. Ich bin an Sex ohne Schutz gewöhnt und gerade erst dabei, mich umzustellen. Peggy ist schon weiter. Sie hält Kondome unter ihrer Matratze im Vorrat. Ich ahne eine Routine, die mich überrascht und sogar irritiert.