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2026-05-24 16:54:42, Jamal

Turning Danger into Performance – Die strukturelle Unruhe universaler Systeme

„Die katholische Kirche Nordamerikas ist unter den westlichen Kirchen die stärkste. Die Vereinigten Staaten haben mehr oder weniger die Rolle Europas als Führungskraft der Kirche übernommen. Die Länder, die für die Kirche traditionell wichtig waren – Frankreich, Spanien, Deutschland, Polen, Irland – sind verglichen mit der Bedeutung der amerikanischen Kirche nur noch schattenhaft.“ Martin Mosebach

Die katholische Kirche ist in den Vereinigten Staaten stark, weil sie in Einwanderungsrwellen wuchs, einInstitutionennetzwerk aufbaute und heute eine Rolle als politisierende Wechselwählergruppe einnimmt. Dass es erst zwei katholische Präsidenten gab (John F. Kennedy 1960 und Joe Biden 2020), liegt am tief verwurzelten historischen Antikatholizismus der protestantisch geprägten Gründerkultur.

Millionen Iren, Italiener, Polen und Deutsche brachten im 19. und 20. Jahrhundert ihren katholischen Glauben mit. Die anhaltende Zuwanderung aus Lateinamerika (Hispanics) stabilisiert und vergrößert die Mitgliederzahlen bis heute. Mit über 70 Millionen Mitgliedern bildet der Katholizismus die größte einzelne nordamerikanische Religionsgemeinschaft. Die protestantischen Kirchen sind in viele Denominationen zersplittert.

Weiße, traditionelle Katholiken wählen oft Republikaner, Hispanic-Katholiken wählen oft Demokraten. Da sie die gesellschaftliche Spaltung der USA exakt widerspiegeln, entscheiden katholische Wähler in Swing States oft Präsidentschaftswahlen.

Irische Einwanderer dominierten früh die Hierarchie (Bischöfe, Kardinäle) und prägten den US-Katholizismus. Italienische und polnische Einwanderer fühlten sich im 19. und 20. Jahrhundert von den Iren unterdrückt. Um Konflikten zu entgehen, bauten Ethnien eigene Kirchen im selben Viertel.

Die Carroll-Familie - Katholische Gründerväter  

Obwohl Katholiken in fast allen Kolonien rechtlich diskriminiert wurden, stammte die reichste Familie der Revolutionszeit aus dieser Gruppe: Charles Carroll war der einzige katholische Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung von 1776. Er riskierte als vermögendster Mann der Kolonien das meiste Geld für die Revolution und starb 1832 als allerletzter überlebender Gründervater. Daniel Carroll: Er gehörte zu den wenigen Unterzeichnern der US-Verfassung. John Carroll wurde der erste katholische Bischof der USA und gründete mit der Georgetown University die älteste katholische Elite-Universität des Landes.

Ohne katholische Hilfe gäbe es die USA in dieser Form vermutlich nicht. Der militärische Gründungsmythos ist untrennbar mit dem Königreich Frankreich und dem Königreich Spanien verbunden. Erst mit dem Geld, den Soldaten und der Marine katholischer Großmächte konnten die amerikanischen Kolonisten den Krieg gegen das protestantische Großbritannien gewinnen.

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Der Katholizismus in Nordamerika ist ein historisches Paradoxon. Während die Gründungsmythen zutiefst protestantisch geprägt sind und die Nation bis heute erst zwei katholische Präsidenten hervorbrachte, stellt die römisch-katholische Kirche die größte Einzelkonfession des Landes dar. Mosebach bringt eine radikale Verschiebung auf den Punkt. Das Gravitationszentrum des westlichen Katholizismus liegt heute nicht mehr in Europa, sondern auf der anderen Seite des Atlantiks. Die eigentliche Transformation zur demografischen Großmacht begann im 19. Jahrhundert und verlief im Verwerfungsmodus. Die Große Hungersnot in Irland ab 1845 und politische Unruhen in Kontinentaleuropa spülten Millionen irische, deutsche und später italienische und polnische Einwanderer an die US-Ostküste. Die Massenimmigration löste eine gewaltsame Gegenreaktion des protestantischen Amerikas aus, den Nativismus. Politische Bewegungen wie die Know-Nothing Party Mitte des 19. Jahrhunderts machten Stimmung gegen die vermeintliche vatikanische „Überfremdung“. Es kam zu brennenden Klöstern, blutigen Unruhen in Städten wie Philadelphia und Louisville sowie zu offener Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt („No Irish Need Apply“).

Als Reaktion auf diese Isolation bauten die Katholiken unter der Führung irischer Bischöfe eine gigantische Parallelgesellschaft auf. Weil die staatlichen Schulen protestantisch geprägt waren, gründete die Kirche das größte private Schulsystem der Welt, flankiert von eigenen Elite-Universitäten (wie Notre Dame und Georgetown), Krankenhäusern und Waisenhäusern. Diese kolossale institutionelle Infrastruktur bildete das Fundament, auf dem die amerikanische Kirche ihre heutige, weltweite Führungsrolle aufbaut.

Während die US-Katholiken sich mühsam behaupten mussten, war Kanada – insbesondere die Provinz Québec –von Beginn an fest im Katholizismus verankert. Selbst nach der britischen Eroberung 1763 begriff die siegreiche Krone, dass sie die französischen Siedler nicht um ihre Religion bringen durfte. Der Quebec Act von 1774 sicherte den kanadischen Katholiken ihre Religionsfreiheit und den Zehnten rechtlich zu.

Das Kennedy-Trauma - Durchbruch ins Zentrum der Macht

Obwohl die Katholiken im frühen 20. Jahrhundert wirtschaftlich und sozial aufstiegen, blieb die politische Spitze für sie verglast. Als der Demokrat Al Smith 1928 als erster katholischer Präsidentschaftskandidat antrat, wurde er Opfer einer beispiellosen Schmutzkampagne; Protestanten warnten vor einer „Unterwerfung der USA unter das Papsttum“ und Smith verlor die Wahl krachend. Erst 32 Jahre später, im Jahr 1960, wurde mit John F. Kennedy ein Katholik Präsident.   

Mosebachs Beobachtung wirkt zunächst wie eine machtpolitische Fußnote der Religionsgeschichte. Europa verliert, Amerika gewinnt. Doch umfasst sie etwas Grundsätzlicheres: die strukturelle Unruhe universaler Systeme.

Der Katholizismus war nie an einen Ort gebunden. Er ist ein wandernder Universalismus: eine Form, die nur dann stabil bleibt, wenn sie sich geografisch verschiebt. Sobald ein Zentrum zu fest wird, beginnt es seine eigene Trägheit zu produzieren – und die Energie wandert weiter.

In diesem Sinn ist der Aufstieg Amerikas kein Sieg über Europa, sondern eine Zirkulation der Form selbst. Europa wird zur historischen Sedimentierung des Glaubens, während Amerika ihn erneut in einen expansiven Zustand versetzt – allerdings unter zeitgenössischen Vorzeichen: Demographie, Institution, Identitätspolitik. Entscheidend ist nicht, dass sich das Zentrum verschiebt, sondern dass das Zentrum überhaupt existiert. Jede Zentralisierung produziert ihre eigene Peripherie – und jede Peripherie entwickelt irgendwann die Fähigkeit, sich als neues Zentrum zu lesen.

Die Stärke ist strukturell paradox. Sie beruht auf Import, Konflikt und Institutionalisierung unter Druck. Der Katholizismus funktioniert als Infrastruktur gegen eine feindliche Mehrheitskultur. Schulen, Krankenhäuser, Universitäten: Der Glaube wird nicht nur religiöse Praxis, sondern Parallelgesellschaft als Überlebensform.

Die liturgische Wiederholung

Die naive Perspektive III. – Wie wir Bataille Jahrzehnte gedeutet haben

Bataille, Laure und das patriarchale Skript der Transgression

Die berühmte Kirchenszene im Umfeld von Georges Bataille und Colette Peignot, genannt Laure, gilt bis heute als eine der radikalsten Gesten literarischer und existentieller Überschreitung des 20. Jahrhunderts. Sex im sakralen Raum, Entweihung des Altars, Angriff auf Religion, Moral und bürgerliche Ordnung - die Szene wurde meist als Höhepunkt jener Transgression gelesen, die das Verbot nicht bloß verletzen, sondern in der Verletzung selbst eine Wahrheit freilegen will.

Was aber, wenn die Szene weniger die Zerstörung einer symbolischen Ordnung darstellt als deren unbewusste Wiederholung? Was, wenn die Akteure glauben, das Ritual zu sprengen, während sie in Wahrheit dessen älteste Struktur erneut aufführen?

Bataille verstand sich als Gegner der bürgerlichen Vernunftwelt. Gegen die funktionale Ordnung der Moderne setzte er Ekstase, Verausgabung, Erotik, Opfer und Sakralität ohne klerikale Konnotation. Gemeinsam mit Laure suchte er nach Erfahrungen jenseits des rationalisierten Lebens. Die Geheimgesellschaft Acéphale, die nächtlichen Treffen im Wald von Saint-Germain, die obsessive Beschäftigung mit Nietzsche - all dies zielte auf die Erschütterung der modernen Subjektordnung.

Doch die Struktur dieser Erschütterung bleibt auffällig vertraut. Im Zentrum steht wieder dieselbe Konstellation: der Priester, der Altar, die Entweihung, der weibliche Körper, die sakrale Überschreitung.

Die Szene behauptet, das christliche Symbolsystem zu zerstören, bewegt sich aber vollständig innerhalb seiner Grammatik. Gerade darin liegt ihr paradoxes Moment. Die Transgression kann das Verbot niemals vollständig verlassen, weil sie ihre Energie aus ihm bezieht. Sie bleibt an die Ordnung gebunden, die sie überschreiten will.

Die Ambivalenz reicht weiter. Die Transgression erscheint nicht nur als Wiederholung religiöser Formen, sondern auch als Reproduktion patriarchaler Rollenverteilungen. Die Frau übernimmt die Opferfunktion, als Medium der Intensität, als Körper, an dem sich die Überschreitung vollzieht. Der Mann dagegen bleibt auffällig häufig Interpret und Chronist. Der moderne Patriarch tritt nicht mehr notwendig als autoritärer Herrscher auf. Er kann avantgardistisch, anti-bürgerlich, philosophisch und transgressiv erscheinen. Er spricht von Befreiung, Intensität und Grenzerfahrung - und bleibt dennoch jener, der die symbolische Ordnung der Erfahrung verwaltet.

Bataille verkörpert die paradoxe Figur in emblematischer Form. Der Bibliothekar der Bibliothèque nationale, der Archivar und Verwalter des Wissens, schreibt über Verausgabung, Opfer und Ekstase. Während die Frauen in seinem Umfeld Krankheit, soziale Gefährdung, psychische Verausgabung und körperliche Grenzerfahrung verkörpern, transformiert er diese Intensitäten in Theorie. Nicht zufällig wirkt die Szene mit Laure deshalb zugleich radikal und schematisch. Die Beteiligten erleben die Situation zweifellos als existentielle Wahrheit. Doch strukturell erinnert sie an ein uraltes Skript. Verstörend ist nicht die Entweihung, sondern die Einsicht, dass sich die vermeintliche Revolte vollständig innerhalb jener symbolischen Ordnung vollzieht, die sie zerstören möchte.

Da zeigt sich die Raffinesse der Macht.

Das Patriarchat verschwindet nicht im Moment der sexuellen oder kulturellen Befreiung. Es verändert seine Sprache. Es wird ästhetisch, philosophisch, psychoanalytisch, avantgardistisch. Die Herrschaft vollzieht sich im Ornament. Der Mann tritt nicht mehr als Tyrann auf, sondern als Kurator weiblicher Intensität. Das erklärt die Kontinuität der Batailles Avantgarde im europäischen Kino. Die Frau erscheint als Projektionsfläche existentieller Wahrheit, während die Ordnung der Darstellung männlich bleibt.

Deshalb ist die phonetische Nähe zwischen Laure und Laura so verlockend. Sie verführt zu einem Gedankenausflug. Zwischen Laure und Laura Antonelli verläuft eine unsichtbare Linie. In beiden Fällen wird weibliche Intensität ästhetisch gerahmt, philosophisch aufgeladen und zugleich innerhalb einer männlich kontrollierten Symbolordnung organisiert. Die Tragik der Transgression liegt in ihrem Erfolg. Sie erreicht tatsächlich jene Intensität, die sie sucht. Dabei reproduziert sie unbemerkt die ältesten Formen sakraler und patriarchaler Dramaturgie.

Die Revolte gegen das Ritual endet in seiner Wiederholung.