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2026-05-24 10:59:14, Jamal

„Mein geschätzter Mentor, Sprachschlosserbauer und Mitverschwörer. Ich wollte mich auf die Zulieferung kleiner Szenen beschränken und es dir überlassen, ob du sie einbaust oder lediglich zu deinem eigenen Vergnügen nutzt. Begeistert, aufgerichtet, elektrisiert und inspiriert streife ich durch dein Sprachschloss und freue mich darauf, auch seine verborgensten Winkel zu erkunden.

Mit welchem Recht verweigert man den Gesetzen der Anziehungskraft ihre freie Entfaltung? Der Moral zu entsprechen, dabei aber die höchsten Erfahrungsräume des Daseins zu meiden – dort, wo Körperlichkeit in Bedeutung übergeht, wo Wahrnehmung sich verdichtet, wo Transzendenz als gesteigerte Präsenz erfahrbar wird. Ist das klug? Immer gedimmt zu leben? Nein, ich stürze mich lieber von den Klippen ins aufgewühlte Meer der Existenz."  C.Z.

Exzess-Muse

Die naive Perspektive. Noch vor ein paar Wochen habe ich das Verhältnis zwischen Bataille und Laure so gesehen und dann auch so meiner Freundin M. geschildert.

Liebe M., du fragst, was wir von Beauvoir und Sartre gelernt haben. Der Plural vagabundiert mitunter, im Grunde weiß ich nicht mehr, wer ‚wir‘ waren. Jedenfalls konnte sich Sartre viel mehr herausnehmen konnte als Beauvoir. So wie ich dich verstehe, endete diese französische Nachkriegslinie rund um den Existenzialismus und Savoir-vivre-Pariser-Jazzkellerbar-Phantasien (Chet Baker, Boris Vian, James Baldwin, Edith Piaf) vor deiner Debütantinnen-Ära. Vielleicht war schon zu meiner Zeit viel Abgestandenes dabei. K. war die letzte westdeutsche Kleingroßstadt vor der Zonengrenze und ein Schauplatz lauter Verspätungen, einschließlich des Easy-Rider-Komments mit Chopper und Dennis Hopper, von dem übrigens auch ein signiertes Foto bei mir an einer Wand hängt. Buchstäblich erlesener war das Verhältnis zwischen Georges Bataille und Laure. Die beiden lieferten dem Genre Avantgarde-Paar eine illuminierte Ikonografie. Ich assoziiere gerade anthropologische Sakraltheorie. Bataille und Laure fusionierten radikale Ränder der Literatur und Philosophie. Es war eine Verbindung aus Liebe, politischer Radikalität, erotischer Grenzerfahrung, Krankheit und gemeinsamer Opposition gegen bürgerliche Rationalität. Laure war das Pseudonym von Colette Peignot (1903 - 1938). Geboren 1903 in einer ultrakatholisch-konservativen, großbürgerlichen Pariser Familie (Druckerei-Dynastie Peignot). Sie bewegte sich zwischen Surrealismus, revolutionärer Politik und existenzieller Selbstzerstörung. Ihre Texte – Fragmente, Tagebücher, Visionen – kreisen um Ekstase, Scham, Gewalt und das Heilige. Sie war gesundheitlich angeschlagen (Tuberkulose). Bataille lernte sie in den 1930er Jahren kennen. Beide lehnten die rationalistische Moderne und ihren Utilitarismus ab und waren fasziniert von Überschreitungen (Transgression). Bataille schreibt irgendwo, die Azteken hätte ihre Opferkulte so verausgabend betrieben, wie wir heute arbeiten (Siehe Max Weber, Protestantischer Arbeitsethos). Sie interessierten sich leidenschaftlich für die Koinzidenzen von Exzess und sakraler Erfahrung. Bataille gründete die geheime Gruppe und Zeitschrift ‚Acéphale‘. Laure stand diesem Kreis nah. Es ging um Nietzsche, Antifaschismus, sakrale Gemeinschaft und Rituale jenseits von Kirche und Staat. Laure beeinflusste Batailles Denken über das Opfer und das Heilige vermutlich stärker, als er öffentlich zugab. Einige Forscher meinen sogar, dass sie Batailles Ideen existenziell verkörperte.

Gegenseitige Radikalisierung

Die Beziehung war nicht romantisch. Beide bewegten sich an psychischen und physischen Grenzen. Bataille erkannte in Laure eine Frau, die Intensität über Sicherheit stellte. Laure bewunderte Batailles kompromisslose Denkweise. Es gibt Briefe und Zeugnisse, die belegen, wie eng Erotik, Tod, Krankheit und metaphysische Suche in dieser Konstellation miteinander verflochten waren.

Paris, Mitte der dreißiger Jahre. In den Cafés von Saint-Germain begegnen sich Exilanten, Surrealisten, enttäuschter Kommunisten, Menschen, die ahnen, dass Europa dem Untergang geweiht ist. An den Diskussionen über Revolution, Freud, Stalin und Nietzsche beteiligt sich auch Georges Bataille. Er ist ein Ketzer in der Maske des Bibliothekars. An seinem Sehnsuchtshorizont leuchten die Sterne Ekstase, Verschwendung, Gefahr. Eines Tages begegnet er Laure. Fiebrig rebelliert die reich Geborene gegen ihre Klasse. In ihrer Aura verglüht ein Heer von Verehrer. Die Galane werden Laures Verausgabungshunger nicht gerecht.     

Laure lebt gegen jede Sicherheit. Gegen das vernünftige Leben. Ihre Gespräche dauern Nächte. Beide haben mit dem orthodoxen Kommunismus gebrochen; gemeinsam entlarven sie die vorherrschenden Ideologien als Hohlformen.