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2026-05-23 17:02:24, Jamal

Turning Danger into Performance – Im Entgleisungsfieber

Sie trafen sich zwischen Regalreihen voller Folianten, im Souterrain des Palais Soliman. Corinne beschäftigte sich mit mittelalterlichen Häresien. Adrian fand das sexy. Er liebte das System; sie liebte das Entgleisungsfieber. Er hatte es vorausgesehen. Er stand auf ihrem Speiseplan, obwohl zu Hause Nana auf ihn wartete. Corinne wollte Adrian, koste es, was es wolle. Sie sah sich schon mit Adrian als Paar der Epoche. Dazu gleich mehr.

Der Schauplatz des Treffens war ein Imponierbau des 18. Jahrhunderts im klassizistischen Pavillonstil mit monumentalen dorischen Säulen. Der Architekt hieß Alexandre-Théodore Brongniart. Corinne fand Männer scharf, die so etwas wussten. Sie wäre Adrian gern in der unzugänglichen, lang geheimen Abteilung für verbotene Bücher begegnet, dem berüchtigten ‚L’Enfer‘ der französischen Nationalbibliothek. Corinne kannte die Sammlung beschlagnahmter Meisterwerke, unmoralischer Schriften und blasphemischer Zeichnungen nicht nur vom Hörensagen. Während sie darüber nachsann, wie sie ihren Favoriten dazu kriegen konnte, sich und seine Braut Nana zu vergessen, fiel ihr Blick auf einen in Ziegenleder gebundenen Band, der in ihrer Reichweite auf dem Tisch lag. Er enthielt Grafiken und Radierungen von Jean-Honoré Fragonard. Das Buch illustrierte das Genre der Lust und Verführung im Boudoir – jene frivol-galanten Szenen, mit denen Fragonard einst selbst Boucher, den Hofmaler der Madame de Pompadour, übertroffen hatte. Es waren seine berühmten, mit Sepia-Tusche lavierten Zeichnungen zu den Contes von La Fontaine; Vignetten, die neben fliegenden Röcken und bloßen Brüsten klandestine Kopulationen zeigten, halb verblendet von Paravents aus chinesischer Seide.

Die Nymphe im Boudoir im Stile Bouchers war ein Rokoko-Renner.

Corinne schlug den Band auf und bot sich beinahe wie für eine anmutige Boudoir-Szene an. Ihr Busen ragte ins Bild. Lautlos flüsterte sie: Ich glühe, ich brenne. Du musst mich berühren. Und Adrian, ein auf der italienischen Seite in Cannobio, an der Westseite des Lago Maggiore geborener Schweizer aus dem Tessin, gehorchte der unverstellten Brunst der Brüsselerin Corinne. Das Verhältnis, für ihn im Augenblick nur ein potentieller Highnoon-Stand, für Corinne aber der Auftakt zu allem, begann nicht mit einem Kuss. Reflexhaft drehte sie sich in seinen Armen und streckte ihm den Arsch entgegen. Sie wollte Fakten schaffen, aus Angst, der Moment könnte mit Tändeleien und Harmlosigkeiten vertan werden. Kaum hatte Adrian Corinnes gespaltenen Mond zum ersten Mal mit seinen Händen gepriesen, zog sie den Stoff unter seinen Fingern weg. Das war unmissverständlich. Adrian entsprach dem Aufforderungscharakter der Geste. Er gestand sich, noch nie ein so schönes Gesäß vor Augen gehabt zu haben. Nun bedurfte es keiner weiteren Ermutigung.

Doch die Welt machte keine Pause. Adrian hatte seinen Specht gerade angesetzt, da betrat der Archivar Baudelaire den Raum. Man kannte ihn als unerheblichen Nachkommen des Dichters. Es war nicht zu erkennen, was er wollte. Jedenfalls schenkte er Corinne und Adrian zunächst keine Beachtung. Ahnungslos unterbrach er etwas, was im Ernst noch gar nicht angefangen hatte. Corinnes Enttäuschung schwappte gewaltig in Wut über. Es sollte endlich geschehen. Der Akt musste vollzogen werden. Corinne wollte Adrian für sich entriegeln. Sie griff zwischen ihre Beine und berührte Adrians Geschlecht, während der Archivar, unscheinbar greisengrau, keine Absicht erkennen ließ. Vertrieb er sich die Zeit zwischen den Folianten? War er auf der Flucht vor einer Revision? Fühlte er sich gestört von den Turteltauben? Erkannte er das Tableau vivant in seinem durchaus nicht eingefrorenen Zustand?

Sie waren zu dritt jetzt, gefangen in einem Arrangement aus wenig Scham und viel Wollust. Adrian hielt Corinnes Hintern in seiner Position, und auch Corinne gab das Glied nicht her. Fest hielt sie es in manischer Arretierung.

Baudelaire war keineswegs so blind, wie es den Anschein hatte. Er war auf Zack. Ohne ein Wort zu verlieren, integrierte er sich als parasitärer Onanist. Der alte Sack pochte ohne jede Verzögerung auf seinen eigenen Lustgewinn. Corinne und Adrian erstarrten zu einer lebenden Skulptur, während der Nutznießer schamlos seinen Samen auf das Eichenholz-Fischgrätparkett regnen ließ. Eine erstaunliche Menge, nebenbei bemerkt. Er trat dann grußlos ab.

*

Er saß am Schreibtisch, während Nana auf seinem Bürodiwan lag und rauchte. Für die anderen in ihrem Zirkel waren Adrian und Nana so gut wie verheiratet. Das entsprach Nanas Perspektive, während Adrian diese Einschätzung mit einem Latenzpuffer abwehrte. Sprach Adrian von der ‚Souveränität im freiwilligen Untergang‘, passte das zu nichts in seinem geordneten Leben mit Nana. Das aber fiel keinem auf.

In einer Notiz, die er später aus der seinem Nachleben vorbehaltenen Korrespondenz entfernen sollte, schrieb Corinne: „Du wartest nur darauf, dass ich ersticke, damit du mein Sterben in deiner nächsten Abhandlung über das Erhabene zitieren kannst.“ Adrian lächelte über die Intensität der Metapher und tippte sie ab.   

Nana war schon dahintergekommen. In ihrem gemeinsamen Alltag blieb sie in der dienenden Position, gleichwohl beunruhigt, dass Adrian für sein hausmeisterlich schlichtes Begehren ein neues Ziel gefunden hatte.   

Adrian vertilgte seine Portion Macht, ohne sich schlecht fühlen zu müssen. In ihrer störrischen Art kämpfte Nana um ‚ihren Mann‘. Sie hatte strategisch Sex mit ihm und versuchte, seine Phantasien im Spiel mit ihr zu halten.