Freud entdeckt in den Wiener Salons, dass das Verdrängte als „Hysterie“ an die Oberfläche drängt. Die Pathologisierung der Frau dient dem Mann. Er kann seine Sexualität als „gesund“ und normal verbuchen, während die Frau die Last der verdrängten Neurose des gesamten Systems trägt.
„Man kann Bücher nicht erschießen." Amos Oz
Metamanagement
Jedes Mal, wenn wir glauben, wir hätten die männliche Dominanz dekonstruiert, hat sie sich bereits eine Etage höher geschmuggelt, die Kritik parodiert, sie geschluckt und als neue Sublimationsschicht wieder ausgespuckt. Das Patriarchat ist ein elastisch-lernendes System.
Wenn wir tiefe Auffaltungen der Dominanz betrachten, stoßen wir auf Mechanismen, mit denen sich das System seine eigene Demontage als Luxusgut einverleibt. Der moderne Patriarch, der „Kurator der Intensität", erschrickt nicht, wenn man ihn entlarvt. Er applaudiert der Dekonstruktion. Er nimmt die feministische und psychoanalytische Kritik, verfeinert sein Vokabular und nutzt die Kritik als noch subtilere Rahmung. Das patriarchale Skript wird hyper-selbstbewusst. Es inszeniert nun Filme oder schreibt Essays über die eigene Toxizität. Aber die Instanz, die diese Selbstkritik formuliert, filmt und vertreibt, bleibt dieselbe. Die Reflexion über die Gewalt wird zur ultimativen, reinsten Form der Herrschaft.
Spätbürgerliche Libido-Ökonomie
Das italienische Kino der 1970er Jahre wird in der Rezeption häufig auf ein kalkuliertes Spiel mit Erotik reduziert: Voyeurismus, eingehegte Grenzüberschreitungen, männliche Phantasien in den Verkleidungen populärer Unterhaltung. Die Filme mit Laura Antonelli gelten Kritikern lediglich als Produkte einer spätbürgerlichen Libido-Ökonomie, die ihre eigene Obsession in harmlose Komödien verpackte. Diese Sicht unterschätzt die metaphysische Spannung, die in Laura-Filmen arbeitet.
Erotik fungiert als atmosphärische Verdichtung. Das Begehren erscheint als oft nur minimale Störung funktionaler Ordnung. Ich erkenne eine Nähe zu Georges Batailles obszönem Werk.
Bataille versteht die bürgerliche Welt als Reich des Profanen: eine Sphäre der Nützlichkeit, der geregelten Abläufe, der moralischen Ökonomie und der kontrollierten Energien. Das moderne Haus ist eine Stabilitätsmaschine. Arbeit und Ehe bilden ein geschlossenes System, das jede überschüssige Intensität neutralisieren soll.
Das Verdrängte kehrt zurück. Mitunter als kaum merkliche Erschütterung. Ein Blick. Ein Zögern. Das Timbre mit Signalcharakter. Laura Antonellis Rollen tragen diese Störung in sich. Sie spielt Dienstmädchen und Ehefrauen in geordneten Räumen. Ihre Präsenz suspendiert die Funktionalität der Umgebung. Die Ordnung beginnt zu flimmern.
Das Sakrale erscheint bei Bataille nie außerhalb der Welt. Nicht die Kathedrale ist der privilegierte Ort der Überschreitung, sondern die Küche, der Flur, der Türrahmen, das gemeinsame Mittagessen, der zufällige Blickwechsel im Alltag. Das Transzendente entsteht nicht jenseits des Profanen, sondern als Überladung.
Die Filme der Commedia erotica all’italiana schildern Sexualität als institutionalisierte Störung einer symbolischen Ordnung. Die patriarchalen Figuren verlieren die Kontrolle ohne Macht- und Ansehensverlust. Die Maske der bürgerlichen Integrität verrutscht kaum. Trotzdem wird die neurotische Struktur der Ordnung sichtbar.
Die eigentliche Transgression bleibt oft minimal. Ein Gespräch dauert einen Augenblick zu lange. Ein Blick bleibt hängen. Eine Bemerkung verrät einen verborgenen Mangel. Die Überschreitung erschöpft sich in Aufmerksamkeit.
So gewinnen diese Momente ihre psychische Wucht.
In extrem kodifizierten Sphären genügt eine minimale Abweichung, um libidinöse Energie freizusetzen. Das Begehren erscheint als mikroskopische Druckentladung innerhalb der Ordnung.
In den Nächten von Acéphale suchen Bataille und Colette Peignot (Laure) nach Erfahrungen, in denen das souveräne Subjekt zerfällt und das Sakrale als Erschütterung zurückkehrt. Bataille erstrebt den Kollaps der Distanz. Trotzdem hält er diese Distanz als Chronist, während Laure tatsächlich kollabiert.
Dekonstruktion bürgerlicher Bigotterie
In einer von männlicher Dominanz geprägten Umgebung wird die Laura-Zofe zum Objekt der Projektionen aller männlichen Familienmitglieder – vom pubertierenden Sohn bis zum alternden Patriarchen. Die Filme bedienen den Blick der Masse, während sie gleichzeitig die Psychopathologie dieses Blicks sezieren. Laura Antonelli erscheint in all ihren Rollen als melancholisch-elegant-somnambule Hohepriesterin der bourgeoisen Transgression. Sie tritt mit komplizenhafter Zustimmung auf und exkulpiert den männlichen Wunsch, sie zu überwältigen.
Die These der komplizenhaften Zustimmung und Exkulpation männlicher Sexualität zielt auf den Blick der Regisseure. Dieser Blick funktioniert als raffiniertes Entlastungssystem. Er erlaubt es der männlichen Sexualität, ihre Aggression, Dominanz und Triebhaftigkeit auszuleben, indem er eine weibliche Projektionsfläche erschafft, die dieses Begehren legitimiert.
Die Ordnung erzeugt ihre eigenen kalkulierten Erschütterungen, um ihre verborgenen Spannungen kontrolliert abzuleiten. Deshalb wirken die Filme zugleich transgressiv und konservativ. Sie erlauben eine temporäre Destabilisierung männlicher Kontrolle, ohne deren strukturelle Grundlagen anzutasten.
Interessant ist dabei, wie stark diese Mechanik an bestimmte avantgardistische Modelle der Transgression erinnert. Auch bei Bataille erscheint die Frau häufig als Medium einer Grenzerfahrung, die vom männlichen Intellektuellen philosophisch gerahmt wird. Die weibliche Figur trägt Intensität, Risiko und Verkörperung, während der Mann die symbolische Ordnung der Erfahrung organisiert.
In jedem Fall entsteht eine Form kuratierter Dominanz.
Der moderne Patriarch herrscht nicht mehr ausschließlich qua Verbot und offene Autorität. Er erscheint sensibel, ästhetisch, selbstreflexiv und anti-bürgerlich. Doch gerade diese Verfeinerung ermöglicht eine subtilere Form symbolischer Kontrolle. Die weibliche Erfahrung wird nicht unterdrückt, sondern ästhetisch verarbeitet, philosophisch erhöht und kulturell verwaltet. Die Postmoderne hat gelernt, die Krise der männlichen Ordnung in ein Element ihrer Stabilisierung zu verwandeln.