Lieber T., wie findest du das?
Das Phänomen des sexuellen Schwarzfahrens
Das bürgerliche, katholisch und patriarchal geprägte Über-Ich verbietet der Frau das initiative lüsterne Ausagieren. Die Rettung ist ein raffinierter Rollentausch. Die Gewalt und die Aggression des Begehrens werden vollständig auf die männliche Seite verschoben. Es ist die Schar der Eckensteher, nachstellender Männer, Klempner, Elektriker, Priester und Inspektoren, die diese literarische Bühne bevölkern. Sie sind Einbrecher aus einer anderen sozialen Sphäre. Sie erlauben es den Heldinnen, etwas zu erleben, was sie aktiv niemals erleben dürften. Der Mann liefert das Ticket der Sünde, der Grenzüberschreitung, und die Frau fährt schwarz mit in den Abgrund.
Doch weder Laure noch die brasilianische Schriftstellerin Clarice Lispector bleiben in der bequemen Rolle des passiven Opfers. An einem bestimmten Punkt des Schreibens kommen sie sich selbst auf die Spur. Sie durchschauen ihr eigenes Spiel und erkennen: Nicht er hat mich verführt. Ich habe ihn dazu gebracht, mich zu verführen.
Die Lust ist der ultimative Existenzbeweis in einer sterbensleeren Welt und zugleich ein Akt höchster Souveränität. Die Akteurin entmachtet den Mann ein zweites Mal: „Du warst nur mein Werkzeug. Die Sünde gehört mir. Die Verdammnis gehört mir.“
Wenn man denn Verdammung braucht, um zu kommen.
Der Priester und der Klempner als Archetypen einer klandestinen Epiphanie
Liebe M., so geht es weiter.
Funktionale Transgression
Der Priester und der Klempner sind nicht bloß Typen in einem literarischen Kabinett – sie sind Archetypen einer klandestinen Epiphanie.
Das Transzendente ereignet sich bei Colette Peignot (Laure) und Clarice Lispector kaum je im geschützten Raum einer etablierten Ordnung. Es geschieht zwischen Tür und Angel in schiefen Situationen und Konstellationen. In einem ephemeren Moment kollidieren Welten. Ein gestohlener Blick. Eine unstatthafte Geste. Ein Priester ... (ich komme darauf zurück). Ein Klempner, den die Einladung einer Hausfrau den nächsten Termin vergessen lässt. Ein Impuls hinterlässt seine Signatur im psychischen Gewebe der Heldin. Er wird zum Fetisch, generiert Kult und Obsession; Triebmaterial, dass sich in Jahrzehnten zuverlässig abrufen lässt. Wenn Laure im Wald von Saint-Nom-la-Bretèche mit Bataille ein Rollenspiel inszeniert, und Clarice auf ihren Reisen ein Beichtstuhl-Memento wieder und wieder rekapituliert …
Der Gefangene im Gedankenpalast und das rituelle Rollenspiel
Die Ordnung des Hauses war tadellos, ein sanftes Korsett aus Pflichten und Gewohnheiten. Es war kein Gefängnis, sondern ein Schutzraum. Und doch forderte diese Symmetrie ihren Tribut: eine lautlose Taubheit der Sinne.
Er kam, um etwas Banales zu richten. Es lag keine kriminelle Absicht in seinem Blick, nur die Präsenz eines Mannes, der mit offenen Augen in der Stadt unterwegs ist. Es geschah nichts, was das Gesetz verbietet, und doch geschah alles. Ein Zögern an der Tür. Die Überschreitung erschöpfte sich in schierer Aufmerksamkeit. Für die Dauer eines Herzschlags hob sich die Schwerkraft des Alltags auf. Es war eine Erleuchtung ohne Licht.
Als die Tür ins Schloss fiel, war die Ordnung wiederhergestellt. Der Alltag lief weiter. Doch das Gedächtnis speicherte einen glühenden Punkt. Die Subversion bot viel weniger Sprengstoff als Fundament. Sie trug zu einer Basis bei, die es ihr erlaubte, in den Jahren der Wiederholung nicht nur auszuharren, sondern ein kleines Glück in der Genügsamkeit zu finden.