„Oh ja, das ist richtig gut, dieses literarische Zwiegespräch über das Geschehen hier! Sehr spannend zu lesen!“ M.
Liebe M., wie findest du meinen Versuch?
Die Anti-Phallische Perspektive
Georges Bataille engagiert sich in den 1930er Jahren in einem eher ästhetischen als parteipolitischen antifaschistischen Widerstand, etwa in der Gruppe Contre-Attaque. In einem uferlosen Überschreitungsphantasma interessiert er sich für das Heilige, die Ekstase, Gewalt, Opferrituale und die Verletzung gesellschaftlicher Tabus (Transgression). Diese Sphären nutzt auch der Faschismus für seine Masseninszenierungen. In dem Aufsatz „Die psychologische Struktur des Faschismus“ (1933) erkennt Bataille, dass der Faschismus Kräfte anspricht, die die rationale, bürgerliche Welt (das „Homogene“) ausschließt. Bataille analysiert die affektive Energie, die faschistische Führer auf Massen ausüben. Er will verstehen, warum diese Bewegung so erfolgreich sind. Er versucht, die heterogenen, irrationalen Energien für eine linke/surrealistische Revolution zu nutzen. Kritiker werfen ihm vor, die Demagogie des Faschismus zu imitieren. Mit der Geheimgesellschaft „Acéphale“ (Kopflos) praktiziert er mystische Rituale. Das weckt bei Beobachtern Assoziationen zu totalitären Kulten, obwohl das Ziel ein völlig anderes ist (die Befreiung des Individuums).
Bataille seziert den Faschismus. Angesichts der mörderischen Realität kennt er kein Zaudern. Während der deutschen Besatzung nutzt er seine Stellung, um seine von ihm getrenntlebende, jüdische Ehefrau Sylvia Maklès vor der drohenden Deportation und Vernichtung zu schützen. Seine Ethik erweist sich als unbestechlich.
Seine zweite Ehefrau, Prinzessin Diane Kotchoubey de Beauharnais, bietet ihm in einen literarischen Überbietungswettbewerb Paroli. Diane schlägt Bataille um Längen in der Adaption sexueller Motive. Unter Pseudonym schreibt sie erotische Romane.
Bataille trinkt aus den Quellen seiner Musen. Laure stirbt früh, Sylivia wendet sich Lacan zu, bleibt Diane, die Bataille auf dem Feld der Obszönität begegnet. Ein Hohepriester der Überschreitung als Parasit weiblicher Energien; er trinkt aus den Quellen seiner Musen. Er braucht ihre Kompromisslosigkeit. Laure und Diane sind obsessive Erotikerinnen
Laure, das sakrale Martyrium
Sie wählt die absolute Selbstvergeudung. Ihr katholisches Schisma treibt sie in eine fiebrige Intensität, die keine bürgerliche Absicherung kennt. Sie stirbt früh, verzehrt von Tuberkulose und Radikalität. Sie brennt aus, er administriert ihre Asche.
Egon Schiele könnte sie so gemalt haben wie sich selbst kurz vor seinem rasend frühen Tod.
Sylvia verlässt den Theoretiker der Sünde und wendet sich - in einer Phase äußerster historischer Brisanz - Jacques Lacan zu. Mit ihm lebt sie im Untergrund und überlebt da die Nazis.
Mit ihrer strategischen Grandezza nutzt Diane Pornografie für eine Bestsellerkarriere. Sie übertrifft Bataille im Schreiben und im Leben.
Diane Kotchoubey de Beauharnais heiratet Bataille nach dem Krieg und veröffentlicht Mitte der 1950er Jahre unter dem Pseudonym Selena Warfield den pornographischen Roman „The Whip Angels“, auf Deutsch „Die Peitschenengel“. Das Buch erscheint 1955 bei Olympia Press. Anders als bei de Sade und anderen männlichen Libertinage-Apologeten wird „The Whip Angels“ nicht primär aus der Position des männlichen Begehrens erzählt. Das ist nicht die phallische Perspektive. Der Roman ist als Tagebuch einer jungen Frau aufgebaut. Die Protagonistin beobachtet die eigene Entwicklung. Das äußere Geschehen stiftet innere Erfahrung. Dies gewiss im Einklang mit einem populären Tenor der Zeit: innere Transformation, psychische Durchlässigkeit, Ambivalenz. Hier wird die Verbindung zu Bataille spannend. Bataille selbst bewegt sich ständig an einem Punkt, an dem die klassische männliche Souveränität zerbricht. Seine Erotik kreist um Verlust der Kontrolle, Auflösung des Ichs, Ekstase, Selbstentäußerung.
De Sade zeigt die Logik männlicher Souveränität. Bataille zeigt deren Zusammenbruch. Diane erkundet und skaliert, wie Begehren aus weiblicher Erfahrung aussieht, wenn eine überkommene Ordnung bereits brüchig geworden ist.
Ich will nicht so weit gehen, zu sagen Batailles Schriften – von der Histoire de l'œil bis zu L'Érotisme – seien Protokolle eines Vampirismus. Setzen wir einen anderen Gelehrten an seine Stelle. Jemand, der uns mehr Freiheit gibt. Cornelius erhitzt sich an der Glut seiner Frauen und kopiert ihre klandestinen Epiphanien.