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2026-04-26 16:42:32, Jamal

„Worte infiltrieren. Sie geben sich als Gedächtnis aus. Sie erzeugen, was erinnert wird. Sie sind der Kode." Jürgen Ploog

Enttäuschter Erwartungshorizont

Interview mit der Verleger, Autor, Herausgeber und Antiquar Wolfgang Rüger über sein Engagement als Promoter von Jürgen Ploog und dessen Werk

Tuschick: Wenn Sprache tatsächlich ein Kontrollsystem ist – kann Literatur überhaupt noch Befreiung leisten, oder reproduziert sie nur subtilere Formen der Kontrolle? Ist Cut-up ein Akt der Emanzipation – oder nur eine andere Spielart desselben Systems, das es zu unterlaufen versucht?

War Ploogs zunehmende Isolation die konsequente Folge seiner radikalen Poetologie – oder ihr Scheitern?

Hat Ploog die Logik des „Sprachvirus“ ernster genommen als seine Zeitgenossen – und sich damit selbst aus dem literarischen Betrieb herausgeschrieben?

Warum wurden Weggefährten Teil des literarischen Establishments, während Ploog im Underground blieb?

Welche Rolle spielen Institutionen, Netzwerke und Vermittler dafür, ob Avantgarde sichtbar wird oder verschwindet?

Braucht radikale Literatur notwendig ein Publikum – oder ist ihr eigentlicher Ort das Abseits?

Ist der Premiumsolist Ploog am Ende freier gewesen als die Erfolgreichen?

Was kostet es, die Sprache wirklich ernst zu nehmen?

Wer so schreibt wie Ploog, stellt sich nicht nur gegen traditionelle Erzählformen, sondern auch gegen die Erwartungen eines Marktes, der auf Wiedererkennbarkeit, Signatur und diskursive Einordnung angewiesen ist. Ploogs Texte sind schwer zu domestizieren. Sie entziehen sich der linearen Lektüre, unterlaufen Sinnstiftung und verweigern oft jene Kohärenz, die nötig wäre, um sie in Rezensionen, Programme oder Lehrpläne zu integrieren.

Andere fanden Strategien der Balance. Rolf Dieter Brinkmann verband radikale Wahrnehmung mit einer subjektiven Dringlichkeit, die anschlussfähig blieb. Jörg Fauser integrierte Einflüsse der Underground-Literatur in erzählerische Formen, die ein großes Publikum nicht überforderten. Carl Weissner agierte als Vermittler. Er baute Brücken, übersetzte nicht nur amerikanische Literatur, sondern auch kulturelle Kontexte.

Ploog brach Brücken ab. Das hatte nicht nur ästhetische, sondern auch soziale Folgen. Literatur entsteht nicht im luftleeren Raum; sie ist eingebettet in Netzwerke, Institutionen, Förderstrukturen. Wer sich diesen entzieht oder sie nicht bedient, verliert Sichtbarkeit. Und vielleicht liegt darin die eigentliche Differenz zu seinen Weggefährten. Sie bewegten sich zwischen den Systemen, nutzten das Spiel mit der Form, ohne die Spielregeln vollständig aufzukündigen. Ploog hingegen stellte das Spiel selbst infrage. Wer aber die Regeln nicht nur bricht, sondern negiert, kann schwerlich erwarten, im selben Feld als Spieler anerkannt zu werden.

Mich beschäftigt gerade die eigentümliche Schwebe seines Nachlasses zwischen Vernichtungsphantasie und Archivierungswunsch. „Alles vernichten“ oder „in gute Hände geben“ – das ist mehr als eine Caprice. Es ist die Frage, ob ein Schreiben, das sich der Gegenwart entzieht, auf eine Zukunft hoffen darf. Ist Ploog am literarischen Betrieb gescheitert – oder daran, dass er von ihm etwas erwartete, was seine eigene Poetologie unmöglich machte?

Rüger: Alles an Ploog widersprach dem Literaturbetrieb: sein Alltag, seine Mentalität, seine Überzeugungen. Da er finanziell abgesichert war, konnte er sich eine radikale Kompromißlosigkeit leisten. Er hat keine Zugeständnisse gemacht und gefiel sich selbstverständlich in dieser Rolle. Schon die Auswahl seiner Komplizen war elitär. Von daher gehe ich mit Dir konform, daß es ein Stück weit auch naiv von ihm war zu glauben, mit dieser Haltung irgendeinen Blumentopf gewinnen zu können.

Sechs Jahre nach seinem Tod sind wir allerdings in einer vollkommen anderen Ausgangsposition. Die Literaturwissenschaft könnte sich jetzt unvoreingenommen mit seinen Texten und Theorien auseinandersetzen und eine Verortung seines Werks vornehmen.

Ploog war in vielem seiner Zeit weit voraus. Fast prophetisch hat er vorhergesehen, was die Welt heute umtreibt. Wie Du sagst: Sprache als Unterdrückungsinstrument, KI als Informationsquelle, Autokraten als Heilsbringer und und und.

Ich war gerade wieder in seinem Arbeitszimmer und habe mir mal die Stapel mit seinen Belegexemplaren angesehen. Seit den frühen Sechzigern ist er praktisch in allen relevanten Alternativmagazinen vertreten. Auf seiner von Walter Hartmann betreuten Webseite www.ploog.com steht die umfangreichste Bibliographie von ihm. Die werden wir nach meiner aktuellen Ausbeute um ca 30 Publikationen erweitern müssen.

Ploog hat sich über seine Webseite immer gefreut, auch die Klickzahlen im Blick behalten, aber selbst wenig dazu beigetragen, sie auf Vollständigkeit zu trimmen. Leute, die im Betrieb reüssieren, würden darauf penibel achten; mit allem angeben, was sie vorzuweisen haben. Ploog ging das vollkommen ab. Im Selbstvermarkten war er ganz schwach. Auch das sicher ein Grund für sein Nichtbeachtetwerden.

Tuschick: Du sagst das eher nebenbei, aber ich glaube, darin steckt der entscheidende Punkt: Ploog konnte sich seine Kompromisslosigkeit leisten. Und je länger ich darüber nachdenke, desto weniger wirkt das wie eine biografische Randbemerkung - vielmehr wie ein Schlüssel zu seinem Projekt. Es geht nicht allein darum, was er wollte oder wie radikal seine Poetologie war. Sondern darum, unter welchen Bedingungen diese Radikalität möglich wurde. Die Figur des kompromisslosen Avantgardisten lebt davon, dass sie notwendig erscheint. Die Notwendigkeit maskiert Exklusivität. Einerseits. Andererseits sagst Du selbst, dass Ploog unter der ausbleibenden Resonanz gelitten hat. Dass jede Veröffentlichung von Enttäuschung flankiert wurde. Und da sind wir endlich beim Geld angekommen. Wenn man nicht gezwungen ist, vom Schreiben zu leben, kann man es sich leisten, diese Spannung nicht aufzulösen. Man muss keine Brücken bauen, keine Anschlussfähigkeit herstellen, keine Kompromisse eingehen. Man kann Radikalität absolut setzen. Aber ist diese Absolutheit dann noch eine ästhetische Kategorie? 

Mich interessiert, ob man Ploogs Außenseiterposition auch so lesen kann: als eine Form von Luxus, die es erlaubt hat, die eigenen Prämissen bis zum Ende durchzuspielen – einschließlich der Konsequenz, sich aus dem System herauszuschreiben. Vielleicht liegt genau darin die Doppelbewegung, die du beschreibst: totale Ablehnung des Betriebs bei gleichzeitiger Erwartung, von ihm wahrgenommen zu werden. Das wirkt auf mich weniger wie Naivität als wie eine strukturelle Unmöglichkeit.

Würdest du sagen, dass Ploog diesen Widerspruch selbst erkannt hat?

Rüger: Natürlich war er sich seiner privilegierten Stellung bewußt. Im kreativen Bereich war er nur umgeben von Leuten, die sich am Existenzminimum entlang hangelten. Es ist ja bis heute so, daß man in den allerwenigsten Fällen mit einem Honorar rechnen kann. Von der Kunst gut zu leben, das ist nur ein paar happy few vergönnt. Im beruflichen Alltag war er von Piloten umgeben, für die Geld keine Rolle spielte. Diesen Zwiespalt mußte er aushalten.

Worüber er sich lebenslang ärgerte, war, daß man ihn in der Szene als Piloten behandelte. Wenn es irgendwo etwas zu verteilen gab, war selbstverständlich, daß er nichts abbekommen würde. „Der ist doch Pilot, der braucht das Geld sowieso nicht.“ Für ihn war das aber gleichbedeutend mit der Abqualifizierung seiner kreativen Leistung. Schreiben war für ihn Arbeit, und Arbeit sollte wie auch immer bezahlt werden. In unserem letzten persönlichen Gespräch hat er mir stolz erzählt, daß Diogenes ihm für ein Nachwort in einem Fauser-Band ein anständiges Honorar gezahlt hat. Für ihn war es erwähnenswert, weil es so außergewöhnlich war in seinem Leben, gleichzeitig war es die ersehnte Anerkennung seiner Arbeit. Wer bezahlt wird, der wird auch ernst genommen. Unbezahlte Arbeit ist wie ein Hobby, Freizeitbeschäftigung für Amateure. Ploog verstand sich aber als Profi und wollte auch so behandelt werden. Natürlich war er nicht auf läppische 10 Euro angewiesen, aber wenn die anderen 10 Euro bekamen, wollte er auch 10 Euro.

Von dem, was er geschrieben hat, hätte er nie leben können, geschweige denn eine Familie ernähren. Da machte er sich keinerlei Illusionen. Avantgarde bringt kein Geld. Daß er mit seinem Schreiben mehr Unverständnis als Anerkennung ernten würde, hat er permanent erlebt. Wie realistisch sein Blick dafür war und wie er damit umgegangen ist, mag eine Stelle aus einem Brief vom November 2008 an Thomas Collmer verdeutlichen: „Schreiben als Widerstandsakt & zwar ohne jede soziologische Romantik, sondern als dekonditionelle Selbstbehauptung, die sich vor allem sprachlich-ästhetisch vollzieht & sich damit auch dem Zwang zur Verwertung entzieht. Dadurch erhält Ablehnung (früher Verweigerung) massstäbliche Qualität. Das ist der Preis, der hingenommen werden muss. (Der damit verbundenen ‚Dialektik‘ bin ich mir bewusst, denn letztendlich geht es auch immer darum, die erfahrene Ablehnung zu überwinden.)“

„Worte infiltrieren. Sie geben sich als Gedächtnis aus. Sie erzeugen, was erinnert wird. Sie sind der Kode.“ Jürgen Ploog 

Deine Schilderung verschiebt den Blick noch einmal entscheidend. Was zunächst wie ein Privileg aussah, die materielle Unabhängigkeit, erweist sich zugleich als Mechanismus der Entwertung. Ploog konnte sich seine Radikalität leisten, ja. Aber genau diese Unabhängigkeit führte dazu, dass man ihn nicht als jemanden behandelte, der für seine Arbeit bezahlt werden muss. Du beschreibst einen Zwiespalt, der die Sache auf eine interessante Weise noch komplizierter macht. Einerseits eine finanzielle Freiheit, die Standpunktfestigkeit bis zur Exzentrik gestattete, und die sich kaum jemand leisten konnte, der im Kulturbetrieb präsent war. Gleichzeitig resultierte daraus eine Abwertung seiner literarischen Produktion. Man schmälerte ihn als Pilot mit Ambitionen. Ich erinnere noch gut, wie ein namhafter Kulturakteur einigermaßen erbittert feststellte, Ploog könne den ganzen deutschen Underground aus seiner Portokasse bezahlen. Das lief auf eine Verwechslung hinaus, in der Ploog als Mäzen versagte, weil er die Hungerschreiber nicht alimentierte. So hat er sich natürlich nie gesehen. Ich vermute, er fahndete nach dem deutschen Burroughs auf der Suche nach sich selbst und er war indigniert, dass Reich-Ranicki und Schirrmacher ihm das Interesse versagten. Die finanziellen Spielräume haben ihn nicht einfach frei, sondern eher unsichtbar gemacht. Was mich daran interessiert, ist eine Verschiebung: Ploog wollte als Schriftsteller auch im ökonomischen Sinn anerkannt werden, weil er wusste, dass das der Maßstab für alles ist. Bezahlung ist der Elchtest der Realität. Wer bezahlt wird, zählt. Gleichzeitig formulierte Ploog in dem zuletzt in Rede stehenden Brief, dass sein Schreiben sich dem „Zwang zur Verwertung“ entziehen soll. Ist das Dialektik? Ploog wusste, dass seine Poetologie ihn aus den Verwertungszusammenhängen herausdrängte, und hielt doch an dem Wunsch fest, an dieser Stelle (der Kasse) ernst genommen zu werden. Das lässt mich daran denken, dass der HR eine eigene Auszahlungsstelle hatte. Für Autoren ohne Konto. Das gab es noch in den 1980er Jahren. Peter Kurzeck war ein Kandidat für diese beinah amtliche Fürsorglichkeit. Wie weit weg war das von dem Big Spender Ploog.

Rüger: Ich kann nur berichten, was ich selbst erlebt habe, oder aus seinen Schriften zitieren. Alles andere ist Interpretation. Nach all dem, was ich gelesen habe, mußte Ploog schreiben. Das hatte Vorrang. Er schrieb nicht, weil er damit Geld verdienen oder Renommee gewinnen wollte, er suchte Erkenntnisgewinn. Ich kann es nur platt formulieren: Sprache war für ihn Mittel, um im Unterbewußtsein Schlummerndes ins Bewußtsein zu holen. Ich könnte seitenlang aus dem Briefwechsel mit Thomas Collmer zitieren, aus Platzgründen ist das hier nicht möglich, nur so viel, es geht um Ploogs Buch „Simulatives Schreiben“: „Gleich am Anfang nimmst Du an, dass ich philosophisch ernst genommen werden will, & ich übersetze Philosophie mit ‚Weltanschauung‘. Ich habe allerdings nicht vor, eine zu liefern, auch wenn mein Blick einiges meiner Sicht auf ‚die‘ Welt enthüllt. Ich mache das, um eine Perspektive für meine schriftstellerische Arbeitsweise zu geben, denn im Gegensatz zu manchen Literaturproduzenten, versuche ich zu sondieren, was Schreiben heute kann & was nicht. Ich stelle die hergebrachte Erzählhaltung in Frage. … Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir (Du & ich) uns auf einer Ebene von near misses bewegen, dass meine Arbeits- & auch Denkweise anarchisch bestimmt ist. ‚Anarchisch‘ auch im Sinn: auf die Tat gerichtet. Nicht die Tat der Gewalt oder des Bombenlegens, sondern die der tätlichen Bewältigung, die auf Bewusstsein zielt & physisch auf den Körper bezogen, der auch denkt & wahrnimmt & reagiert. Denn es gibt auch eine Kunst der Tat.“ (29.9.2008)

Ich bin nicht so vermessen, Ploog und Kafka auf eine Stufe zu stellen. Aber auch Kafka war Angestellter und hat „nebenher“ geschrieben oder Gottfried Benn, den Ploog ein Leben lang studierte. Um was es für alle ernstzunehmenden Künstler vorrangig geht, ist der kreative Output. „Leben & Kunst lassen sich nicht trennen, keine Frage. Aber um die materiellen Verhältnisse hat sich wohl Kafka kaum gekümmert. Wer sie zum Gegenstand nimmt, wird leicht von ihnen beherrscht.“

Vielleicht ist es eine leicht narzisstische Anwandlung, wenn man als Künstler dann noch auf Wahrnehmung durch die Kritik oder Entlohnung bei Abdruck hofft. Ploog hat sich nach einem rezeptiven Korrektiv gesehnt („Externe Reaktionen sind immer hilfreich, um sich nicht zu sehr in der eigenen Vorstellung einzurichten.“), ob das nun Reich-Ranicki oder Schirrmacher gewesen wäre, ist eigentlich unerheblich. Voraussetzung hätte sein müssen, daß das Gegenüber verstanden hätte, um was es Ploog ging. Und genau das scheint mir das eigentliche Problem zu sein. Brinkmann hat sich aus dem Literaturbetrieb herauskatapultiert, weil er die seiner Meinung nach inkompetente Literaturkritik buchstäblich ins Visier nahm mit seinem legendären Spruch: Wenn das hier ein Gewehr wäre, würde ich sie damit umlegen.

Tuschick: Ich folge deiner Darstellung. Für Ploog ging es weniger um fehlende Öffentlichkeit und ausbleibende Anerkennung; vielmehr diskutieren wir gerade ein retrospektives Resonanzdefizit. Sehr richtig weist du darauf hin, dass die Abwesenheit eines potenten Gegenübers Ploogs verspätetem Existenzialismus eine tragische Note gab. Ich bin als Zeitzeuge an Bord. Wie oft habe ich Ploog in seinem Kinomantel à la film noir mit weltmännischem Gestus auf einem Schauplatz der Frankfurter Kultur beobachtet, ohne dass mir seine visionäre Reichweite klargewesen wäre. Alle anderen passten als Schriftsteller in den akademischen Rezeptionsrahmen, bei Ploog dachte man an eine antike Avantgarde. Cut-up schien nicht anschlussfähig. Eine andere ungerechte Zuschreibung war Burroughs-Epigone. Ploog fehlte eine antwortfähige Umgebung. Du beschreibst, wie intensiv Ploog in seinen frühen Jahren in Austauschzusammenhänge eingebunden war – Diskussionen, kollektive Lektüren, intellektuelle Nähe zu Leuten, die später ihre kleinen Karrieren von der Feuilletonrelevanz bis zum Vergessen-sein nach Schema F absolvierten.

Wenn Schreiben für Ploog eine Form von Erkenntnisarbeit war – ein Sondieren dessen, „was Schreiben heute kann und was nicht“ –, dann wäre er auf ein Gegenüber angewiesen gewesen, das diesen Prozess auf Augenhöhe begleitet. Nicht zwangsläufig im Geist der Zustimmung. Auch als eine Art Widerlager. Hatte Ploog wenigstens am Anfang jemanden, der mit im Zug seiner ästhetischen Radikalisierung saß?

Rüger: ...