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2026-04-15 12:04:24, Jamal

Ein Kanon entsteht nicht nur durch Setzung und Legitimation, sondern auch in der zirkulierenden Begeisterung, die sich an einzelnen Akteuren entzündet und unvorhersehbare Anschlussbewegungen erzeugt.

In einer nahezu vollständig analogen Welt halluzinierte Jürgen Ploog künstliche neuronale Netzwerke und selbst-optimierende Systeme - etwas, das in der Jetztzeit von 1980 so unvorstellbar war wie eine menschliche Marsbesiedlung.

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Ploog war ein Zaungast der Gegenwart, der die Zukunft schon literarisch bewohnte.

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Die Welt der 1980er Jahre war analog, taktil, vernetzt nur via Kabel und Relais. Leistungsstarke Rechner waren raumgroße Maschinen. In dieser Realität schrieb Ploog Texte, die nicht nur Frequenzwechsel, akustische Verzerrung und Funkverkehr simulierten, sondern auch Ströme, Muster und Möglichkeiten einer digitalen Globalität, die noch gar nicht existierte - und doch waren diese narrativen Vorstöße weit mehr als experimentelle Spielereien. Sie waren Visionen einer Zukunft, die unsere Gegenwart ist.

Präkognitiv erfasste Ploog künstliche neuronale Netzwerke. Der Autor antizipierte narrativ die Dynamik von Signal, Vernetzung und Selbstorganisation im Deep Learning-Modus. Seine Prosa überstieg - von seinen Zeitgenossen unbemerkt - die vertrauten Wahrnehmungs- und Denkmodelle. Sie öffnete Räume für sensorische, körperliche und imaginative Erfahrungen, die erst Jahrzehnte später empirisch nachvollziehbar wurden.

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Anfang der 1980er Jahre war die Rechnersphäre extrem privilegiert. Nur Universitäten, Forschungseinrichtungen und das Militär verfügten über die gigantischen Maschinen, die für Datenverarbeitung, Netzwerkexperimente oder Echtzeitkommunikation nötig waren. Nicht vernetzte Personalcomputer waren nicht mehr als leistungsstarke Schreibmaschinen. E-Mail ermöglichte den schnellsten Nachrichtentransfer, den man sich vorstellen konnte - allerdings nur innerhalb exklusiver Netzwerke.

Der erste Personal Computer, der in die Massenproduktion ging, war der IBM Personal Computer 5150. Er wurde am 12. August 1981 vorgestellt.

Das unstete Gewebe der Wirklichkeit

Die Wirklichkeit ist ein unstetes Gewebe, das sich durch Überlagerungen, Sprünge und Brüche auszeichnet. Ploog transformiert diese Erkenntnis in literarisches Handwerk.

Cut-up simuliert die Welt - nicht als Abbild, sondern als aktiven Prozess des Neuordnens. Diese Formulierung fasst die epistemologische Stärke der Methode zusammen. Die Realität wird zum Spielfeld von Fragmenten, Zufall und Ordnung.

Inmitten der poetischen Cyberpunk-Simulation wird die Leerstelle des deutschen Undergrounds sichtbar. Ploog erinnert an die späte Geburt einer Gegenkultur, die im deutschsprachigen Raum nicht als organisches Phänomen, sondern als mythologischer Import verstanden wurde. Während in den USA die Beat- und Psychedelic-Bewegungen bereits institutionalisiert und kommerzialisiert waren, diente in Deutschland der „Underground" noch als rebellische Projektionsfläche - eine diskursive Transferverzögerung im transatlantischen Kulturverkehr.

Ploog ist der kybernetische Chronist im „Zeitloch", der mit seinen „Cut-up-Delirien" nicht nur Sprache zersetzt, sondern auch die starre deutsche Nachkriegskultur sprengt, indem er in technomedialen Erregungsräumen neue Formen subjektiver Elektrisierung entwirft.

Weiter im Interview mit Wolfgang Rüger, dem Editor des literarischen Nachlasses von Jürgen Ploog

Rüger: ... Erst einmal habe ich eine Reihe von Komplizen infiziert, die aber hauptsächlich aus der Bubble kommen. Das war nicht so schwer. Ich habe in den zurückliegenden Monaten 6 Veranstaltungen zu Ploog in Frankfurt organisiert. Die waren inhaltlich alle phantastisch und bis auf eine auch gut besucht. In Frankfurter Literaturkreisen ist Ploog nun ein Gesprächsthema. Was mich bisher enttäuscht, ist das fehlende Engagement der Frankfurter Buchhändler. Ich habe z.B. die 10 wichtigsten Frankfurter Buchhandlungen angeschrieben und angefragt, ob ich vorbeikommen darf, um „Ploog West End" vorzustellen. Nur 2 haben reagiert. Empfangen wollte mich keiner. Da vermisse ich einfach den lokalen Patriotismus, wie ich ihn in meinem Antiquariat praktiziere. Von einer Buchhandlung erwarte ich, daß sie die in der Stadt heimischen Autoren und Verlage besonders hegt und pflegt. Als ich 1985 in Frankfurt ankam, hatte ich in einer der renommiertesten Buchhandlungen der Stadt ein tief prägendes Erlebnis. Ich fragte die Buchhändlerin nach Büchern von Franz Mon. Ich konnte an ihrem Gesichtsausdruck sofort erkennen, daß sie diesen Namen noch nie in ihrem Leben gehört hatte. Da wurde mir schlagartig klar, daß mir das niemals passieren darf. Erst als Journalist, später als Antiquar hatte ich immer den Ehrgeiz, die einheimischen Autoren wenigstens dem Namen nach zu kennen. Die eigene Stadt sollte immer die Keimzelle sein, von der aus man den Rest erobert. Ploog hat zeitlebens in Frankfurt nichts gegolten. Er hatte hier so gut wie keine Auftritte, er wurde regelrecht totgeschwiegen. Das ist jetzt schon mal in einigen Bereichen anders.

Tuschick: Ich liebe deinen Lokalpatriotismus. Ich habe mich auch stets als Autorenkomplize gesehen, auch in den Jahrzehnten meiner Kulturberichterstattung für die Frankfurter Rundschau und andere regionale Periodika. Als ich damit angefangen habe, Lesungen zu besprechen, nannte man solche Veranstaltungen abfällig Bibelgebetskreise. Das galt als extrem langweilig. Ich saß auch oft allein mit dem Veranstalter und dem Autor im Raum und habe dann so darüber geschrieben, dass alle glauben mussten, sie hätten was verpasst. Das war lange bevor Autoren wie Nick Hornby und Sven Regener auch in Frankfurt Hallen füllten und wir tausend Besucher bei einer Lesung melden konnten. Schade, dass Du die Buchhändler nicht affizieren kannst. Wo siehst Du aktuell den konkreten Anschluss, an dem Deine bisher erzeugte Aufmerksamkeit für Ploog - jenseits der Komplizenblase - von anderen Akteuren tatsächlich aufgegriffen und weitergetragen wird?

Rüger: Über meine thematischen Schaufenster zum Underground bahnen sich immer wieder interessante Gespräche an. Da lassen sich junge Kerle, die gerade Kerouac und Ginsberg entdecken, zu Ploog führen. Und dann kommen Rentnerinnen in den Laden, die meine Doppelkopf-Sendung im HR gehört haben, und wollen wissen, was es von diesem Ploog alles gibt. Die sehen wie ganz normale Rentnerinnen aus und sind doch Alt-68er und wollen jetzt wissen, was sie damals verpaßt haben. Am meisten freuen mich jüngere Autoren wie Traian Suttles, der auch ein leidenschaftlicher Schachspieler ist. Er hat gerade nicht nur für KARL (das ist DIE Schachzeitung in Deutschland) ein wunderbares Porträt über Ploog geschrieben, sondern auch seinen Chefredakteur für Ploog begeistert. Als nächstes schreibt er über Arno Schmidt und Jürgen Ploog, und im geplanten Materialband wird er Ploog unter post-darwinistischen Gesichtspunkten unter die Lupe nehmen. Allein das Engagement dieses einen Autors führt Ploog also in Gefilde, in denen er niemals sonst wahrgenommen worden wäre.

Es gibt also auch heute noch junge Autoren, die wie Du damals sich für irgendetwas begeistern und sich dann richtig reinhängen und ihre Euphorie weitertragen wollen. Solch eine Hingabe ist nicht hoch genug einzuschätzen, weil sie ansteckend sein kann. Wenn man dem Gegenüber seine Leidenschaft ehrlich vermittelt, kann man viel erreichen. Meine dilettantischen Tiktok-Videos sind mir eher peinlich, aber die meisten loben ihre Authentizität. Und das scheint das eigentliche Kapital zu sein.

Was ich in den letzten zwei Jahren gelernt habe, ist, daß man sich Zeit geben muß. Ich bin mit keinem Mainstream-Autor unterwegs, wir werden nie lukrative Verkaufszahlen erreichen. Wir brauchen offene, entdeckungswillige Leser. Menschen, die bereit sind, den eigenen Kopf zu benutzen. Enzensberger hat die für anspruchsvolle Gedichtbände in Frage kommende Menge, glaube ich, auf ca. 2000 Leute geschätzt. Wir haben einen Schneeball in Bewegung gesetzt, mal sehen, wohin er rollt und welche Größe er erreicht.

Zirkulation statt Steuerung

Tuschick: Allein das Engagement eines einzigen Autors (Traian Suttles) führt Ploog in Gefilde, in denen er sonst niemals wahrgenommen worden wäre. Da entsteht schon fast eine Gegenfigur zu überkommenen Rezeptionsbegriffen. Die Begeisterung eines einzelnen dynamisiert editorische Prozesse. Ein Leser verschiebt den Kontext. Das ist in jedem Fall auch dezentrale Kanonproduktion. Es entstehen neue Umschlagplätze. Vorher hattest du nur Edition, sprich Lese- und Deutungsangebote vs. Publikum, jetzt kreuzt wenigstens eine externe Vermittlerinstanz mit hoher Intensität auf. Der zufällige Multiplikator setzt seine Unbefangenheit aka Authentizität als Kapital ein. Das ist extrem zeitdiagnostisch. Nicht Professionalität zählt, sondern glaubwürdige Begeisterung. Dazu passt die Schneeball-Metapher -„Wir haben einen Schneeball in Bewegung gesetzt". Das ist fast ein Gegenmodell zur klassischen Kanonlogik. Plötzlich erscheint das Nachlassgeschehen nicht mehr als zentral gesteuerter Prozess. Emergenz ist das Zauberwort.

Ein Kanon entsteht nicht nur durch Setzung und Legitimation, sondern auch in der zirkulierenden Begeisterung, die sich an einzelnen Akteuren entzündet und unvorhersehbare Anschlussbewegungen erzeugt.

Wenn einzelne begeisterte Leser oder Autoren einen Autor in völlig neue Kontexte tragen können – relativiert das nicht die Bedeutung der editorischen Setzung? Entsteht der Kanon am Ende vielleicht aus solchen affektiven Kettenreaktionen? Allein unser Gespräch wirkt doch schon diskursiv. 

Rüger: Natürlich reicht eine einzige Person. Oder anders: wenigstens einer muß aktiv werden, sonst kann nichts beginnen. Das hier geführte Gespräch wäre ohne Dich doch auch gar nicht zustande gekommen. Ich mußte aber, seit wir uns hier austauschen, immer wieder an den wunderbaren Günter Ohnemus denken. Dieser großartige Autor, Kritiker und Übersetzer war von der amerikanischen Hippie-Ikone Richard Brautigan so begeistert, daß er ihn im Alleingang kongenial übersetzt und anfangs sogar im extra dafür gegründeten Verlag publiziert hat. Eine Glanzleistung, die man nur in höchsten Tönen rühmen kann. Und wo hat diese Einmann-Heldentat hingeführt: Eichborn hat eine Werkausgabe gemacht und Rowohlt diese im Taschenbuch nachgedruckt. Ohne Ohnemus wäre Brautigan in Deutschland vermutlich über zwei Bücher bei Hanser Anfang der Siebziger nicht hinausgekommen. Danach gab es über die Jahre bei diversen Verlagen Wiederauflagen einzelner vergriffener Titel. Heute gehört Brautigan ganz selbstverständlich auch in Deutschland zum Beatnik-Kanon. Der kleine Ohnemus-Schneeball ist – zumindest was die Brautigan-Reputation und -Rezeption in Deutschland angeht - zur großen Lawine geworden.

Aber jetzt habe ich Deine Frage wahrscheinlich wieder nicht vollständig beantwortet. Natürlich habe ich als Herausgeber eine Vorstellung davon, wie und was ich editorisch der Öffentlichkeit präsentieren möchte. Und selbstverständlich hofft man, daß die gewählte Taktik die richtige ist, um dem zu betreuenden Autor ein möglichst großes Publikum zu verschaffen. Mit Ploog habe ich einen Autor, bei dem wir nicht nur sein bisheriges öffentliches Image korrigieren, sondern ihm auch neue Leserkreise erschließen wollen. Wenn Du so willst, nutzen wir eine Art Gießkannenprinzip: alte und neue Netzwerke, alte und neue Strategien, alte und neue Medien. Ich bewege mich zwischen allen Fronten und versuche, Duftmarken zu setzen. Profis hätten vielleicht ein ausgeklügeltes Konzept. Ich bin Amateur, tauche wie ein Partisan mal hier, mal da auf, versuche Ploog ins Gespräch zu bringen, Köder auszuwerfen, in der Hoffnung, daß wer auch immer anbeißt uns unserem Ziel ein Stück näherbringt.

Das Internet ist ein offener Raum, da kann jeder absondern, was er will. Bringt in der Regel aber nicht sehr viel, weil Du in diesem gigantisch Müllhaufen nicht sichtbar wirst. Wenn Du mit etwas hausieren gehst, was nicht massenkompatibel ist, wird’s eben schwer. Selbst die Feuilletons der großen Printmedien oder die Kultursendungen im Öffentlich-Rechtlichen TV beschäftigen sich heute lieber mit Klatschgeschichten, als daß sie bereit wären, ihrem Bildungsauftrag gerecht zu werden. Die Avantgarde kam schon immer von unten. Es braucht einen langen Atem. Und eine Portion Glück wäre auch nicht verkehrt.