Anverwandlung statt Imitation - Prozesse produktiver Aneignung
Als Hermann Peter Piwitt in einer Rückschau auf Rolf Dieter Brinkmann schrieb, dieser habe sich die amerikanische Lyrik „anverwandelt wie Mozart einst den Italienern”, war das mehr als eine stilistische Pointe. Es ist ein Vergleich, der weit trägt - weil er nicht von bloßer Einflussnahme spricht, sondern von Osmose - und Transformation, die in der Differenz fruchtbar wird.
Brinkmanns produktiver Umgang mit der amerikanischen Gegenwartslyrik - insbesondere mit Autoren wie William Carlos Williams, Frank O’Hara, Ted Berrigan oder Allen Ginsberg – war nie bloß Übernahme. Vielmehr entwickelte er aus deren Verfahren ein eigenes Idiom: eine deutsche Sprachgestik, die das Amerikanische absorbierte, um es an der Oberfläche deutschsprachiger Wirklichkeit zu erproben.
Auch Jürgen Ploog überführte das Verfahren des notational style– des beiläufigen, collagierenden, assoziativ montierenden Schreibens – in eine existenzielle Schreibweise. Seine Gedichte wirken oft wie Notate, Splitter, Beobachtungsprotokolle – und zugleich sind sie hochgradig aufgeladen.
Existenzielle Schreibweise
Es gehört zu den eigentümlichsten Erfahrungen intensiver Gespräche, dass sich ihr Gehalt nicht in dem erschöpft, was gesagt wird, sondern in der Art, wie sich das Gesagte verschiebt. Man registriert nicht nur Argumente, sondern Übergänge. Und manchmal verrät solch ein Übergang mehr über die Struktur eines Gegenstands als jede These. In der Auseinandersetzung mit Rügers editorischer Arbeit lässt sich das gut beobachten. Zunächst erscheint die Tätigkeit in ihrer operativen Klarheit: als Auswahl, Setzung und Aufbau von Infrastruktur; als gezielte Produktion von Sichtbarkeit. Der Nachlass wird zum Material, das geordnet, gewichtet und in Umlauf gebracht wird. Man spricht von Strategien, von Publikationsformen, von Positionierungen. Alles deutet auf eine Praxis hin, die nicht nur vermittelt, sondern strukturiert. Doch die Beschreibung bleibt nicht stehen. Fast unmerklich verschiebt sich die Sprache. An die Stelle von Einfluss treten Begriffe wie Absprache, Gewissen, Verantwortung. Wo zuvor von Steuerung die Rede war, ist nun von Freundschaft die Rede. Der Editor erscheint nicht mehr als Akteur innerhalb eines Gefüges von Sichtbarkeit, sondern als jemand, der einem anderen verpflichtet ist – über dessen Tod hinaus.
Diese Verschiebung ist kein Bruch, sondern ein Manöver im eigentlichen Sinne; eine Bewegung innerhalb desselben Feldes, die es erlaubt, zwei scheinbar unvereinbare Ebenen gleichzeitig zu halten. Die eine benennt die faktische Eingriffstiefe der editorischen Arbeit, die andere versieht sie mit einer Form der Legitimität, die in Bindung entsteht. Was als Gestaltungsmacht lesbar wäre, erscheint nun als Fürsorge.
Es wäre zu einfach, darin eine bloße Strategie der Verschleierung zu sehen. Interessanter ist, dass beide Ebenen einander nicht ausschließen, sondern wechselseitig stabilisieren. Ohne die operative Dimension gäbe es nichts zu verantworten; ohne die affektive Rahmung würde die Operation als Eingriff sichtbar werden. Das Manöver besteht gerade darin, dass beides gleichzeitig sagbar bleibt, ohne in einen offenen Widerspruch zu geraten.
Für die Rezeption bedeutet das, dass nicht alles zugleich sichtbar werden kann. Jede Lektüre setzt Schwerpunkte, legt frei und verdeckt zugleich. In einer ersten Annäherung mag die Figur des Freundschaftsdienstes überzeugen, weil sie eine plausible, beinahe notwendige Motivation liefert. Erst in einem zweiten Zugriff tritt die strukturelle Dimension hervor, die diese Motivation trägt und zugleich über sie hinausweist.
In diesem Sinne gleicht die Analyse weniger einem Urteil als einem Schälvorgang. Schicht um Schicht wird abgetragen, ohne dass die vorhergehenden Schichten falsch gewesen wären. Sie waren nur nicht vollständig. Das Manöver liegt nicht darin, dass etwas Unwahres oder Unredliches gesagt würde, sondern darin, dass etwas Wahres in einer bestimmten Reihenfolge erscheint.
So verstanden, ist die Aufgabe der Kritik die Rekonstruktion der Reihenfolge. Sie fragt nicht: Was stimmt hier nicht? Sondern: Was wird wann sichtbar – und was erst später? Das Gespräch liefert das Material, die Analyse verschiebt die Perspektive, und zwischen beiden entsteht jene zeitliche Tiefe, in der sich die eigentlichen Strukturen zeigen.
Das Manöver ist eine Form, mit der sich komplexe Verhältnisse überhaupt erst sagbar machen. Es erlaubt, Verantwortung zu formulieren, ohne sie von ihrer Grundlage zu lösen. Gerade deshalb entzieht es sich der unmittelbaren Bewertung. Es verlangt eine Lektüre, die bereit ist, sich in Etappen zu vollziehen.
Prophetischer Dandy
Fortsetzung des Interviews mit Wolfgang Rüger, dem Editor von Jürgen Ploogs literarischem Nachlass
Tuschick: Ploog scheint eine eigentümlich stille Zuneigung entgegenzuschlagen, als wüssten genug Akteure, dass in seinem Fall etwas auf dem Spiel steht, das sich vorschnellen Kategorisierungen entzieht. Auch das ist ein Aspekt seiner klandestinen Gegenwärtigkeit: dass die Standardvorwürfe ausbleiben. Dabei wäre es ein Leichtes, Ploog zu denunzieren. Stattdessen beobachtet man unerwartete Eingemeindungsbestrebungen. Wer sich zur Avantgarde zählt und sich für radikal hält, bezieht sich gern auf den prophetischen Dandy Ploog. Auch deine Nachlasssichtungen entsprechen kulturellen Interventionen. Man muss Ploog dankbar sein, dass sein Werk sich jeder eindeutigen Vereinnahmung entzieht und stattdessen Räume öffnet, in denen die üblichen moralischen Raster ihre Gültigkeit verlieren. Staunst du nicht auch über die noch nur seismisch knisternde, aber doch für uns spürbare Bereitschaft, Ploogs Werk in der Gegenwart zur Welt kommen zu lassen?
Rüger: Das scheint ein allgemeingültiges Phänomen zu sein. Ein toter Autor kann sich nicht mehr wehren. Junge Autoren brauchen Vorbilder, und dann wählt man einen aus, mit dessen Werk oder Habitus man sich identifizieren kann. Manchmal kommen dann total absurde Konstellationen zustande, wie z.B. Stuckrad-Barre und Fauser. Der Hype um Fauser hat ja auch erst postum eingesetzt, und in diesem Fall gab es mit der Witwe und Carl Weissner zwei Menschen, die ordentlich getrommelt und die richtigen Strippen gezogen haben. Fauser hätte sich zu Lebzeiten niemals zu träumen gewagt, daß er mal ganzseitig in der FAZ besprochen wird.
Unser großes Plus ist der immense Nachlaß, den es bei den allermeisten anderen Autoren nicht gibt. Wenn wir pro Jahr eine neue Publikation auf den Markt bringen, können wir locker die nächsten zehn Jahre liefern. Und Du hast vollkommen Recht, da es zu Ploog bisher keine Sekundärliteratur gibt, kann seine Verortung in der Literaturgeschichte noch in jede denkbare Richtung gehen. Zu Brinkmann gibt es mittlerweile meterweise Sekundärliteratur. Was mir Hoffnung macht, sind die ungefähr eine handvoll Universitäten, die die literarische Alternativszene regelmäßig im Lehrplan haben. Inzwischen gibt es doch eine Reihe von Professoren und Dozenten, die früher selbst zur Szene gehörten und die den Stab jetzt weiterreichen.
In den zurückliegenden Monaten habe ich zwei Doktoranden mit Ploog-Material versorgt, das sie für Ihre Dissertation dringend brauchten. Eine weitere meiner Aufgaben sehe ich genau darin, Bezugsquelle zu sein. Vor einem Jahr habe ich eine Webseite installiert (www.wolfgangrueger.de), die nach und nach u.a. den deutschen Underground aufarbeiten soll und deren Protagonisten mit verschiedenen journalistischen Texten vorstellt.
Die engagiertesten Doktoranden versuche ich, in meine Ploog-Projekte einzubinden. Von Anfang an war mein Bestreben, die Bubble zu verlassen. In „Ploog West End“ sollten z.B. nicht die allseits bekannten Ploog-Experten zu Wort kommen, sondern ich wollte neuen Stimmen Platz einräumen.
Und ich hätte gerne mehr kritische, kontroverse Statements gehabt. Ploog mußte sich z.B. zeitlebens mit dem Vorwurf, latent frauenfeindlich zu sein, auseinandersetzen. Ich hatte eine Reihe von Frauen zur Mitarbeit eingeladen, aber keine wollte sich zu dieser Problematik äußern. Das ist auch ein Punkt, an dem ich noch arbeite.
Tuschick: Ja, Du sitzt auf einem Schatz und kannst ihn so heben, wie es Dir passt. Der tote Autor als Projektionsfläche bleibt interessant, wenn nicht sogar interessanter als es ein lebender Autor zu sein vermag. Es geht nicht nur darum, dass er sich nicht mehr wehren kann. Es geht um die Chancen diversifizierender Identifikation und weiterer Zufallskonstellationen. Siehe Stuckrad-Barre/Fauser. Ich erinnere, wie Franz Dobler einmal sagte: „Niemand würde über Fauser reden, wäre er noch am Leben.“ Die Kanonbildung verläuft jedenfalls nicht logisch, sondern affektiv. Und trotzdem werden auf der Basis irrer Verschränkungen in diesem Kontext bald akademische Hausaufgaben angefertigt. Das Epizentrum ist der Nachlass. Die schriftliche Hinterlassenschaft wird zur Arena, in der sich entscheidet, ob und wie Ploog in eine größere literarische Konstellation eintritt. Vergleichsachsen, institutionelle Platzierungen, gezielte Publikationsformen – all das sind Mittel, mit denen ein Autor nachträglich positioniert wird. In diesem Sinne ist Deine Edition eine Form der Metaautorschaft. Wie legitimiert sich diese Form von Macht?
Rüger: Ich versuche in enger Absprache mit David Ploog und unter Mithilfe vieler Komplizen nach bestem Wissen und Gewissen das Optimum herauszuholen. Jemand anderes könnte es vielleicht besser machen. Aber im Moment ist kein anderer da, der diese Arbeit und diese Kosten auf sich nehmen wollte. Vielleicht muß man auch eine kleine Portion Größenwahnsinn mitbringen, zu glauben, einen toten Autor am Leben erhalten zu können. Als Antiquar habe ich seit 30 Jahren überwiegend mit toten Autoren zu tun. Wenn ein Autor erst mal gestorben ist, geht es meist rasend schnell, bis er total vergessen ist. Am Leben bleiben nur die Klassiker und solche, um die sich irgendjemand kümmert. Auf meine alten Tage ist mir die Verantwortung für einen toten Freund in den Schoß gefallen. Alfred 23 Harth hat mir mal geschrieben: Freundschaft hört nicht mit dem Tod auf. In diesem Sinne verstehe ich meine Bemühungen als Freundschaftsdienst. Und das Tolle daran ist, die Arbeit macht mir Spaß.
Tuschick: Wenn Kanonbildung sich heute als Rückkopplung zwischen editorischer Vorstrukturierung und publizistischer Resonanz vollzieht – wo liegt dann der eigentliche Umschlagplatz: in der Edition, die Sichtbarkeit überhaupt erst formatiert, oder in den Komplizen- und Publikumsenergien, die diese Setzungen nachträglich stabilisieren oder verwerfen?
Rüger: Wenn ich das wüßte. Erst einmal habe ich eine Reihe von Komplizen infiziert, die aber hauptsächlich aus der Bubble kommen. Das war nicht so schwer. Ich habe in den zurückliegenden Monaten 6 Veranstaltungen zu Ploog in Frankfurt organisiert. Die waren inhaltlich alle phantastisch und bis auf eine auch gut besucht. In Frankfurter Literaturkreisen ist Ploog nun ein Gesprächsthema. Was mich bisher enttäuscht, ist das fehlende Engagement der Frankfurter Buchhändler. Ich habe z.B. die 10 wichtigsten Frankfurter Buchhandlungen angeschrieben und angefragt, ob ich vorbeikommen darf, um „Ploog West End“ vorzustellen. Nur 2 haben reagiert. Empfangen wollte mich keiner. Da vermisse ich einfach den lokalen Patriotismus, wie ich ihn in meinem Antiquariat praktiziere. Von einer Buchhandlung erwarte ich, daß sie die in der Stadt heimischen Autoren und Verlage besonders hegt und pflegt. Als ich 1985 in Frankfurt ankam, hatte ich in einer der renommiertesten Buchhandlungen der Stadt ein tief prägendes Erlebnis. Ich fragte die Buchhändlerin nach Büchern von Franz Mon. Ich konnte an ihrem Gesichtsausdruck sofort erkennen, daß sie diesen Namen noch nie in ihrem Leben gehört hatte. Da wurde mir schlagartig klar, daß mir das niemals passieren darf. Erst als Journalist, später als Antiquar hatte ich immer den Ehrgeiz, die einheimischen Autoren wenigstens dem Namen nach zu kennen. Die eigene Stadt sollte immer die Keimzelle sein, von der aus man den Rest erobert. Ploog hat zeitlebens in Frankfurt nichts gegolten. Er hatte hier so gut wie keine Auftritte, er wurde regelrecht totgeschwiegen. Das ist jetzt schon mal in einigen Bereichen anders.
Tuschick: Ich liebe deinen Lokalpatriotismus. Ich habe mich auch stets als Autorenkomplize gesehen, auch in den Jahrzehnten meiner Kulturberichterstattung für die Frankfurter Rundschau und andere regionale Periodika. Als ich damit angefangen habe, Lesungen zu besprechen, nannte man solche Veranstaltungen abfällig Bibelgebetskreise. Das galt als extrem langweilig. Ich saß auch oft allein mit dem Veranstalter und dem Autor im Raum und habe dann so darüber geschrieben, dass alle glauben mussten, sie hätten was verpasst. Das war lange bevor Autoren wie Nick Hornby und Sven Regener auch in Frankfurt Hallen füllten und wir tausend Besucher bei einer Lesung melden konnten. Schade, dass Du die Buchhändler nicht affizieren kannst. Wo siehst Du aktuell den konkreten Anschluss, an dem Deine bisher erzeugte Aufmerksamkeit für Ploog - jenseits der Komplizenblase - von anderen Akteuren tatsächlich aufgegriffen und weitergetragen wird?
Rüger: Über meine thematischen Schaufenster zum Underground bahnen sich immer wieder interessante Gespräche an. Da lassen sich junge Kerle, die gerade Kerouac und Ginsberg entdecken, zu Ploog führen. Und dann kommen Rentnerinnen in den Laden, die meine Doppelkopf-Sendung im HR gehört haben, und wollen wissen, was es von diesem Ploog alles gibt. Die sehen wie ganz normale Rentnerinnen aus und sind doch Alt-68er und wollen jetzt wissen, was sie damals verpaßt haben. Am meisten freuen mich jüngere Autoren wie Traian Suttles, der auch ein leidenschaftlicher Schachspieler ist. Er hat gerade nicht nur für KARL (das ist DIE Schachzeitung in Deutschland) ein wunderbares Porträt über Ploog geschrieben, sondern auch seinen Chefredakteur für Ploog begeistert. Als nächstes schreibt er über Arno Schmidt und Jürgen Ploog, und im geplanten Materialband wird er Ploog unter post-darwinistischen Gesichtspunkten unter die Lupe nehmen. Allein das Engagement dieses einen Autors führt Ploog also in Gefilde, in denen er niemals sonst wahrgenommen worden wäre.
Es gibt also auch heute noch junge Autoren, die wie Du damals sich für irgendetwas begeistern und sich dann richtig reinhängen und ihre Euphorie weitertragen wollen. Solch eine Hingabe ist nicht hoch genug einzuschätzen, weil sie ansteckend sein kann. Wenn man dem Gegenüber seine Leidenschaft ehrlich vermittelt, kann man viel erreichen. Meine dilettantischen Tiktok-Videos sind mir eher peinlich, aber die meisten loben ihre Authentizität. Und das scheint das eigentliche Kapital zu sein.
Was ich in den letzten zwei Jahren gelernt habe, ist, daß man sich Zeit geben muß. Ich bin mit keinem Mainstream-Autor unterwegs, wir werden nie lukrative Verkaufszahlen erreichen. Wir brauchen offene, entdeckungswillige Leser. Menschen, die bereit sind, den eigenen Kopf zu benutzen. Enzensberger hat die für anspruchsvolle Gedichtbände in Frage kommende Menge, glaube ich, auf ca 2000 Leute geschätzt. Wir haben einen Schneeball in Bewegung gesetzt, mal sehen, wohin er rollt und welche Größe er erreicht.