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2026-04-09 10:52:37, Jamal

„Mir gefällt die neue Dynamik. Und ja, mir gefällt es, wenn du mich Babe nennst und mit all meinen Identitäten spielst. Und mir nebenbei ein paar neue erschaffst, die ich hemmungslos ausleben werde. Schriftlich. Und in der Realität.“ C.Z.

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„Dieses ganze Kapitel ist wie eine Einwahl in die magische Datenautobahn, die ganze Kraft der Signale, der ganze Stolz, wieder mein. Nur meinem Meister würde ich wie ein Kätzchen die Hand lecken und schnurren... ganz zahm ... Ein sehr erregender Part. Ich denke, ich muss hier eine kleine Lesepause einlegen.“ C.Z.

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„Als Schnitzler das Stück vor mehr als hundert Jahren schrieb, war es genau jene unerbittliche Mechanik des Beischlafs, die den „Reigen“ zu einem beispiellosen Skandal werden ließ.“ Jenny Hoch im SPIEGEL vom 08.03.2009

Imperiales Begehren

Bitte erzähl weiter. Du bist ein großartiger Erzähler, ein Magier der Sprache. Sag, wie erträumt sich Goya seine Geliebte, die zu allem bereit ist - einerseits? Andererseits will sie den Geisterfürsten (Halbgott) wenigstens irdisch überwinden und an seiner Stelle das Deutsche Seminar der Ederthaler Landgraf Philipps Universität leiten. Welch ein Gegensatz. Sie lässt sich von einem Mann dominieren, dessen Position sie anstrebt.

Das ist eine faszinierend paradoxe Konstellation. Ich sehe den Dekan auf einer Empfindungsschaukel.

Nana betritt einen Raum nicht, um darin zu glänzen, sondern um zu erspüren, wo die Gegnerkraft am stärksten ist. Und dann macht sie diese Kraft zu ihrer Erfahrung. You benefit from the power of the enemy if the enemy uses his power against you. To use the force of your opponent is your destination. Wasser sprengt Stein. Das weiß Nana. Und doch dient sie Goya imperialen Begehren. Sie nennt ihn Meister und siezt ihn unverdrossen. Sie ergibt sich seinem Willen - als gäbe es nichts Berauschenderes für sie als seine erotischen Befehle. Sieht er es in ihren Augen, wenn sie unter mir liegt? Wie sie ihn studiert. Sie lernt. Sie speichert Informationen. Nicht nur, wie Goya ihre Lust lenkt - sondern wie er Macht einsetzt. Wie er sie moduliert, sie rhythmisiert. Und eines Tages wird sie ihn verdrängt haben und die erste Sprachmeisterin dieser sagenhaften Hochschule sein.

Goya in der Maske eines Grandseigneurs. Er verkörpert den als Gentleman camouflierten Zocker.

Wäre ich ein kluger Mann, würde ich dich mit allen Mitteln bekämpfen. Wäre ich ein schwacher Mann, würde ich mich vor dir fürchten. Aber ich bin ein Liebender der Sprache. Und du bist der Satz, der mich vollendet.

*

Sie waren frei. Keine andere Bindung zwang sie zu Scharaden. Manchmal fuhren Nana und Goya nach Frankfurt. Sie stiegen stets in einer Hilton-Suite mit Skyline-Blick ab. Glas und Stahl - Nana mochte das cleane Design, die verglaste Dusche. Die seidig-kühle Hotelbettwäsche. Gern bewunderte sie Goyas muskulösen Hintern vom Bett aus, wenn er aus der Dusche kam.

Die Fußwege vom Hotel zu ihren Zielen waren Laufstege für Nana. An dem Tag, von dem wir euch erzählen wollen, trug sie ein schwarzes Tanktop-Kleid. Eine Schnittmenge aus Lyric, Gothic und Sexappeal; dazu Turnschuhe. Nana sah vielmehr nach New York aus als nach Ederthal.

Frankfurt war ein Spielplatz für sie. Nana liebte die Stadt auf eine andere Weise als Goya. Er sah die bramarbasierenden Geldspeicher. Sie genoss sich in jeder Schaufensterspiegelung. Sie hatte die Präsenz. Er war ihr Schatten.

Sie fotografierten sich gegenseitig. Nana postete ein Bild unter der Überschrift: My Mentor. My Mirror. My Hunger.

Goya verstand die versteckte Drohung. Sie gingen nicht wegen der Ausstellungen ins Museum für Moderne Kommunikation. Sondern wegen der Spiegelwand in der obersten Etage. Wegen des raffinierten Lichts und des polierten Parketts.

“Was sagt dieses Kleid über dich?“ fragte er.

“Dass ich entscheide, wie ich gesehen werde.“

Er trat näher.

„Du weißt, dass du mich provozierst.“

„Ich hoffe es.“

Sie sah ihn nicht an. Sah nur ihr Spiegelbild.

„Ich bin deine schönste Unruhe, Goya. Deine Lust - und dein Erbe.“

Seine Finger glitten über ihre Taille, vorsichtig.

„Was, wenn ich dich heute Nacht im Equinox öffentlich nehme?“ flüsterte er. „Damit ganz Frankfurt weiß, wem du gehörst?“

Sie wandte sich ihm theatralisch zu.

„Wenn du es nicht tust, werde ich dir morgen beim Lunch im Literaturhaus ganz öffentlich widersprechen. Mit Fußnoten.“

Sie lachten beide. So gefielen sie sich - in einem scharfen, sinnlichen Moment der Gleichzeitigkeit. Und für einen Herzschlag lang - war da keine Hierarchie. Nur zwei Körper, zwei Köpfe, zwei Spieler, die dasselbe Spiel liebten: Macht. Sprache. Verlangen.

Hilflose Metaphorik

Diese Szene ist ein Tableau vivant, eine dekadente Momentaufnahme zwischen Prunk, Provokation und einem Hauch von Langeweile. Und mittendrin: Nana – zu vollkommen, um wahr zu sein, und gerade deshalb realer als alle anderen.

Nana erschien - nein, sie erschien nicht, sie manifestierte sich - auf Breitensteins Tanztee im Café Rosa, einem Retro-Vergnügen mit Tischtelefonattrappen und noch mehr echten und erfundenen Anleihen an die gute alte Zeit. Sie trug einen schwarzer Spitzenbody unter einem schwarzen Bleistiftrock. Keine Handtasche. Denn was sollte sie in eine Tasche packen, wenn die Welt ihr alles zu (in Gladiator-Sandalen von Prada gebetteten) Füßen legte. Nana vernahm einfallslos gepimpte Filmmusik aus der Technicolor-Ära. Das Publikum war ihr einmal wieder nicht gewachsen. Am Buffet stand ein windschnittig-wetterfester Silver Ager. Ein zu weit geöffnetes Hemd signalisierte Überschreitungsbereitschaft. Nana sah die Schlagzeile: Beim Tanztee zu weit gegangen. Sie stellte sich neben ihn. Gleich würde sie alles wissen.

Sie sprach ihn an.

„Manchmal erschöpft sich der Unterschied zwischen einem guten Abend und einem denkwürdigen darin, dass mir niemand Champagner anbietet.“

Er schenkte ihr einen Chefarztvisite-Blick vom Feinsten. Die volle Aufmerksamkeit leicht von oben herab.

„Einen Moment, bitte“, sagte er. Und hob die Hand. Breitenstein selbst stand hinter dem Tresen. Er war eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Er erfasste die Lage und veranlasste das Nötige.

Der Champagner kam.

Nana in ihren eigenen Worten

In meinem Kopf tobt ein Gewitter aus Klarheit und Lust. Ich laufe schnell. Ich weiß, ich sehe lässig aus. Goya folgt mir wie an einer Leine. Manchmal locke ich ihn an und werde weich in seinen Armen. Dann flüstere ich „Ja, Meister“, um zu spüren, wie er hart wird. Ich kann ihn mit einem einzigen Wort kommen lassen. Ich notiere seine Gedanken. Ich sortiere seine Schwächen wie Zitate.

Ikonografische Konstellationen, muskulöse Nerds und vampirische Beats

Beim Anblick einer Blume wird das Kind wiedergeboren, das sie einst zum ersten Mal sah. So beginnt ein Feuilleton, das Marcel Proust als Jugendlicher beinah noch verfasste. Es entstand im Vorgriff auf seine Erinnerungs-Madeleines. Das erzählende Ich assoziiert Weißdorn mit den Mysterien einer Marienandacht vor langer Zeit. Die Initialzündung eines frühen Wahrnehmungsrauschs öffnet in ihm eine Tür.

Nana stellte den literarischen Fund einem Aufsatz handschriftlich voran. Sie saß an ihrem Schreibtisch und suchte nach einer Erfahrung in ihrem Leben, die zu der Urszene passte. Es war ein illuminierter Augenblick, alles stimmte. Noch nicht einmal der Magen grummelte. Nana glühte noch von dem Sex unter der Dusche. Cole hatte sie auf seiner Zungenspitze kommen lassen. Er war so liebenswürdig gewesen. Aus dem Fenster sah Nana in die weite Landschaft der niederhessischen Prärie. Eine Brise ließ die Gardinen tanzen. Sturm zog auf.

Nana lebte so gern. Leiden lag ihr nicht. Proust war leidend auf die Welt gekommen. Er litt mit beachtlicher Ausdauer. Seine Familie überzog er mit dem Geflecht der Schonung. Seine Krisen gaben den Takt an. Die Mutter stellte die fadenscheinige Gesundheit ihres Sohnes in das Zentrum eines gehobenen Fin de Siècle-Alltags. Sie nährte den Dünkel des Sohns und formte seinen Snobismus nach den Regeln einer herablassenden Gesellschaftsschicht.

Der Heranwachsende weidete auf den Almen und in den Auen erotischer Märchen. Seine Phantasie entzündete sich an der sagenhaften Madame de Guermantes.

„Wie oft habe ich mir diese Geschichte erzählt! Madame de Guermantes sagte mir da solche Zärtlichkeiten, dass ich nicht aufhören konnte, es ihr ... zu danken.“

Der Debütant sah sich befasst mit einem „inneren Roman“, einem echten Schinken im Stil der Abenteuer-Schoten; „unergiebig und ohne Wahrheit“. Er zählte die Stunden, in denen er nicht an Madame de Guermantes dachte, und die Tage, an denen er sie nicht sah. Unter dem „Mikroskop seines Schmerzes“ wucherten die Metastasen. Ach, wie froh war Nana, dass sie solche Schmerzen nicht kannte. Goya verwöhnte sie. Sie war ihm heilig. Er machte ihr außergewöhnliche Zugeständnisse. Indes war das größte Geschenk, das sie von ihm empfing, die unbegrenzte Zugangsberechtigung. Er verlangte dafür Dankbarkeit und Verehrung. Er war eben kein KI-Automat eines großartigen Kultivierungswissens, sondern ein nordhessischer Halbgott, der mit seinen Pfunden wucherte, um zu kriegen, was er wollte. Hätte er sich vor ihr verschleiert und die Quellen seiner Lust für sich behalten, wäre Nanas Luststrom vielleicht versiegt. Seine Offenheit war ein Geschenk. Gemeinsam bereisten sie die Kontinente der Kampfkunst, der Energie-Kultivierung und der Erotik. Wenn sie sich gegenseitig etwas vormachten, dann doch nur in einem Augenblick. Im nächsten durchschauten sie sich und fanden sich liebenswert.

Der „unermüdliche Flug der Mauersegler“ vor seinen Pariser Fenstern erschien dem jungen Proust als ein „Feuerwerk von Leben“.

Nana arrangierte Skizzen und Szenen ... den Himmel imaginierte Proust als Ozean, der Horizont „absorbierte und verflüssigte Schiffe … Bug und das Tauwerk“ waren aus dem Material des Himmels. Dessen Blau gewann die Konsistenz von Baustoffen. Da vernahm Nana einen Anruf, der sich in ihr lautlos formulierte. Goya meldete sich auf der mentalen Leitung. Nana war sofort voller Freude und Erwartung. Sie liebte Goyas erotischen Spieltrieb. So deutlich als stünde er neben ihr vernahm sie seine Stimme und was er zu ihr sagte, veranlasste sie dazu, aufzustehen, sich zu entkleiden und so nackt in den Garten zu gehen. Er erwartete sie vor dem Flieder. Er erschien ihr archaisch, asketisch, animalisch. Sie verneigte sich vor ihm.

„Du rufst mich, ohne ein Wort zu sagen.“

„Ich bin deine Stimme.“

Aus eigenem Antrieb drehte sie sich vor ihm. Sie spürte seinen Atem in ihrem Nacken. Mit jeder Faser wusste sie, wie er sie jetzt wollte. Und so wollte sie es auch mit jeder Faser. So unbedingt begehrenswert wollte sie sein.