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2026-02-04 16:16:34, Jamal

Das autonome Nervensystem wurde für eine andere Welt optimiert.

Viele autonome Reaktionen sind Überreaktionen, weil zu früher Alarm evolutionär günstiger ist als eine übersehene oder ignorierte Gefahr. Bei einer Angststörung funktioniert das Nervensystem evolutiv korrekt, aber im modernen Kontext dysfunktional. Autonome Systeme sind gebaut für physische Gefahr, unmittelbare Bedrohung, kurze Stresszyklen; nicht für Dauerstress, soziale Bewertung, digitale Bedrohung und abstrakte Zukunftsszenarien. Die autonome Regulation ist evolutiv hochrobust – jedoch nicht für die moderne Umwelt optimiert.

Van Diemens Traum (Fortsetzung)

Nana fand sich in solchen Auffaltungen wieder. Goya spekulierte auf einen sinnlichen Nebeneffekt der Formantfrequenzen. Die Schwankungen des Luftdrucks massierten Nanas Profil vom Hals bis zum Ohr. Im Gegenzug leckte sie Goyas Hals. Sie legte eine Zeigefingerspitze auf seine Lippen, aber der Mund blieb geschlossen. Goya war nicht der Typ, der sich etwas reinstecken ließ, weder in den Mund noch in den Hintern.

Das Paar kam an den Punkt, wo sich die Richtung des Begehrens nicht mehr verleugnen ließ.

„Gleich ficke ich dich, meine Schöne”, verkündete Goya gewissenhaft. Nana prüfte die Valeurs. Derselbe Satz konnte unpassend sein oder ausgeleiert. Er durfte die nötige Differenz nicht nivellieren und Dianas Ansehen nicht beschädigen.

Was machte den Satz richtig? Richtig machte den Satz die Gier eines Adäquaten.

„Ich kann es kaum erwarten”, sagte Nana.

Goya drängte zwischen ihre Beine.

*

Aus den Aufzeichnungen des Friedrich von Pechstein, einem Vorfahren unserer Heldin. Der Kasseler/Casseler Geheime Rat beobachtet im 17. Jahrhundert das am Amazonas nomadisierende Volk der Tapuha. Er erkennt, dass diese Volksgemeinschaft ihren Charakter allein aus dem Willen zur Freiheit gewinnt. Ethnische Begründungen fallen flach.

Sobald ein Krieger Fische und Vögel infolge einer Sehschwäche nicht mehr nach Belieben erlegen konnte, verlor er seine Sorglosigkeit. Seine Persönlichkeit fing an zu knatschen. Zu den Besonderheiten der Tapuha zählte die Hochachtung vor den seelisch Verkarstenden. Vitale beriefen Greise zu Senatoren. Die Alten tagten so lange, wie das Bier reichte, ihre Beschlüsse waren unumstößlich.

Alten Alkoholikern kam es zu, die Gemeinschaft in feurigen Ansprachen für den nächsten Waffengang zu begeistern. Sie riefen den Heldenmut der Ahnen und die Feigheit der Feinde ins kollektive Gedächtnis, um das Selbstbewusstsein jedes einzelnen zu fördern. Alsdann wiesen sie den jungen Leuten ihre Posten an und befahlen den Hinterhalt.

„Denn ihre einzige Taktik liegt im Überfall.”

Die Senatoren waren kolossale Pädagogen mit Schuppenflechten. Aus Pechsteins Aufzeichnungen: „Sie sprachen dem Wein mächtig zu. Sie kannten nicht die Agonie der Angestellten. Sie beanspruchten die Freiheit der Künstler und pfiffen auf die Sicherheit eines Abhängigen.”

Die Gaukler unterschieden sich in ihrem Einfallsreichtum nicht von heutigen Projektmanager der Kreativwirtschaft. Ihre Kindheit lag fern an den Strömen Erinnerung und Imagination. Nah lagen der Amazonas und gefährlicher Badespaß. Jeder hatte seinen Kaiman im Badezimmer lange überlebt.

Inzwischen hatte man sogar einen Begriff von der eigenen Wildheit. Die gebändigten Völker an der Küste boten abschreckende Beispiele. Das 17. Jahrhundert zeichnet die christianisierten Inder in ein Bild, vor dem sich die Natur erbrach. Die vom Pesthauch der Zivilisation berührten Indigenen waren so jämmerlich, dass sie sich selbst verkauften. Sie vertrugen keine Arbeit, ihre Versklavung war kolonialer Unfug.

Die Tapuha aber richteten ihre Wohnsitze nach den Ratschlägen betrunkener Wahrsager in großem Abstand zu den portugiesischen Siedlungen ein. Ihre Häuptlinge erkannte man an der Frisur. Sie trugen Kreppwellen. Sie ritzten sich zur Abhärtung. Die jüngsten Krieger belasteten sich mit Gewichten und rannten um die Wette: bis Erschöpfung sie zwang, das Gewicht weiterzugeben. Zum Ausweis ihrer Verdienste ließen sie die Fingernägel wachsen. Diese Freiheit war ein großes Privileg, vergleichbar mit einem königlichen Lehen.

Landbau kannten die Tapuha nicht. Beeren und Wurzeln dienten ihnen als Zubrot zum Wildbret. Das Fleisch legten sie in eine Grube unter Blätter und Erde und zündete darüber ein Feuer an. Die Grube funktionierte wie ein Backofen.

Pechstein notierte: „Die Tapuha garen und schmoren wie die Weltmeister.”

Aufwand in der Küche zu treiben, stellte sich schließlich als ein Merkmal für Friedfertigkeit heraus. Heute nennen wir jene Völker pazifistisch, die sich Zeit beim Kochen lassen.

Pechstein bemerkte, dass die Tapuha in ihren Gauen sehr unterschiedlich erscheinen. Er folgt einer Gruppe „riesenhaft Hellhäutiger”. Sie führten „ungeheure Bögen, welche sie so geschickt zu handhaben wissen, dass ihnen keine Fliege entgeht. ... Im Laufen und Springen kommt ihnen keiner gleich.”

Offensichtlich teilen sie mit den Übrigen nicht die Abstammung. Pechstein schreibt: „Wie einst in den Hochöfen germanischer Migration Stämme verschmolzen, kann offenbar jeder Tapuha sein, der Anschluss sucht und dem die Gemeinschaft Stärke zubilligt. Ich nenne den hellen Haufen Bogenkönige, da seine Krieger ihre mannsgroßen Waffen überheblich handhaben ... Sie sind nicht nur mit den Indern nicht verwandt, sie verbinden sich auch nicht mit ihnen. Ich sah solche Männer in Feuerland und in der Bretagne. Sie wohnen weder in Häusern noch in Dörfern beisammen, sondern streifen wie wilde Tiere durch den Flur und schlafen auf der nackten Erde. Sie behausen hohle Baumstämme zuzeiten. Ohne Unterschied machen sie Jagd auf Menschen und Tiere und fressen alles roh. Sie verzehren sogar ihre Kinder, wenn dieselben bald nach der Geburt sterben.”