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2026-02-01 18:10:16, Jamal

Begehren als verkörperte Intelligenz

In einem geschlossenen System nimmt die Entropie niemals ab. Dieser Satz aus der Thermodynamik lässt sich auf kommunikative Systeme anwenden, in denen Begehren, Macht und Sprache zirkulieren. Was als spielerischer Austausch beginnt, steigert sich notwendigerweise, verdichtet sich, verlangt nach immer neuen Reizen, bis das System an seine Grenzen stößt.

Du bewegtest dich souverän in solchen Labyrinthen. Du nutztest Andeutungen, Nebenbemerkungen und Überlagerungen von Sprachebenen, um Aufmerksamkeit zu binden, ohne dich festzulegen. Auch dich reizte der Vollzug mitunter weniger als die Vorfeldinszenierungen. Zu meinem Glück bevorzugtest du raffinierte Konstellationen.

Sprache war unser beider Lieblingsmedium. Sprache erzeugt Resonanzräume, in denen andere sich wiederfinden, verlieren und überschätzen. Du verstandst es, Projektionen zuzulassen, ohne dich ihnen auszuliefern. Was manche als Intimität deuteten, war für dich eine Form kontrollierter Offenheit. Überschreitungen waren selbstverständlich kognitive Angelegenheiten.

Meisterhaft bewegtest du dich auf diesem Spannungsfeld. Zwischen uns entstanden Verdichtungen aus Andeutungen, Zitaten, theoretischen Verweisen. Wir existierten in einer selbsterschöpfenden Intensität, die sich zumal aus Sprache, Blicken, Gesten speiste.

Wir verließen Upington am frühen Morgen. Dunst überzog die Landschaft, kaum mehr als ein flüchtiger Schleier, ein letzter Atemzug der Nacht. Ich fuhr. Wir sprachen wenig. War es Wehmut? Schon legte ich mir eine Version zurecht, in der das alles in der Vergangenheit lag. Ich erinnerte die Wüste bereits, während ich ihn noch erlebte. Das Asphaltband des Stuart Highway zog sich. Stunden ohne landschaftliche Abwechslung. Nur Hitze und roter Staub, der sich überall festsetzte. Camel-Thorn-Bäume, Termitenhügel, ein ausgebleichter Antilopenskelett. Ein von der Sonne gebleichter Rinderschädel.

Wir erreichten das Wüstennest Rietfontein. Die Sonne stand tief, der Himmel changierte von flammendem Orange zu halluzinogenem Violett. Die Nacht brach herein. Noch in der Dunkelheit flimmerten die Tageshitze über dem Straßenasphalt.

Ich beobachtete lauter Kinoeffekte. Jede Szene kannte ich aus einem Film, so unwirklich und geradezu gespenstisch war das alles. Das Kaff erschöpfte sich in einer Ansammlung von Gebäuden mit rostigen Wellblechdächern, geschlossenen Tankstellen und verrammelten Läden.

Der Motelparkplatz war leer bis auf ein paar Pickups, die so aussahen, als seien sie schon lange nicht mehr bewegt worden. Das Bett war eine nicht besonders breite Pritsche, auf dem Bildschirm des toten Fernsehers klebte ein Zettel mit der Zeile: Enjoy the stars, not the screen. Die Dusche war nicht einladend genug für ein erotisches Zwischenspiel. Aus dem verrosteten Brausekopf kam enttäuschend wenig Wasser. Ich entbehrte das gute Gefühl, frisch geduscht zu sein. Als ich mich anziehen wollte, gabst du deine gespielte Gleichgültigkeit auf.Ein Blick reichte. Die Kammer wurde zur Kulisse für einen Moment völliger Gegenwart. Unsere Lust brach auf. Keine Inszenierung, kein Vorspiel. Deine Hände auf meinem Hintern, mein Atem an deinem Hals, unsere Körper fanden sich ohne Umweg. Das Bett quietschte empört, als wollten die Sprungfedern protestieren, aber sie hielten stand. Unsere Ströme flossen ineinander. Wir verschmolzen auf dem Zenit unseres Begehrens und bedankten uns gegenseitig mit einem Gänseblümchenstrauß der nachträglichen Zärtlichkeit. Mich amüsierte der Kontrast zu meinen Fingernagelspuren auf deinem Rücken.

Zum Abendessen gingen wir lediglich über die Straße in die Kroeg. Von außen sah die Kneipe aus wie eine Werkstatt anno Neunzehnhundert. Auf einem Schild stand:

„Koue Bier - Warm Etes - Net Lokale (Maar Jy’s Reg) - Cold Beer - Hot Meals - Locals Only (But You’re Alright.

Hinter dem Tresen stand eine Frau mit grauem Kurzhaarschnitt, die uns mit einem verwaschenen Nicken begrüßte. Es konnte alles Mögliche bedeuten. Vielleicht war es sogar freundlich gemeint. Keine Jukebox, kein Fernseher, kein WLAN. An den Tischen saßen Männer in Shorts und Boots. Trucker, Minenarbeiter, Farmer. Einige begnügten sich mit Dosenbier, dem schäumenden Hahn zum Trotz.

Wir reihten uns ein, tranken Castle Lager vom Fass und bestellten Steak mit Pommes, ohne die Karte zu studieren. Es gab sowieso nur das, was auf dem Schild über der Theke stand. Kein Schnickschnack. Das Fleisch blutete, die Pommes knusperten, die Jumboflasche Ketchup trug kein Etikett.