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2026-02-01 17:14:14, Jamal

Pharaonisches Schweigen

Wir fuhren früh los, du am Steuer, ich mit den Füßen auf dem Armaturenbrett. Meine Beine waren ganz schön verschrammt. Wie schön ich es fand, dass du sie so schön fandest. Die Sonne kroch gleißend über den Horizont. Du hieltest das Lenkrad mit einer Hand. Die andere ruhte auf meinem Knie. Wir hatten einen unerschöpflichen Vorrat an gemeinsamen Themen. Auch daran erkannte ich unsere Liebe. Wir unterhielten uns so gern, und immer knisterte es in einer Diskussionsecke. Zwischen Termitenhügeln ragten knorrige Camel Thorn Trees (Vachellia erioloba) auf. Erstaunlich lang kreiste ein Adler über uns, majestätisch, die Schwingen breit gespannt.

Wir zählten die Farben der Landschaft: Ocker, Zimt, Mahagoni, Kupfer, rostiges Rosa. Die Sandpiste zog sich wie ein glühendes Band durch das flimmernde Nirgendwo. Wir passierten Askham, eine unwirtliche Raststation am Rand der Kalahari. Ein paar Kilometer weiter lag eine verlassene Tankstelle, davor rostete eine demolierte Coolbox. Ich stieg aus, um mir die Beine zu vertreten. Der Wind war warm, schwer wie Atemluft, und wirbelte roten Sand um die Reifen. Auf den Wellblechdächern tanzten Hitzeschlieren.  

Die Zeit in der Wüste hat einen eigenen Rhythmus. Die tiefe Stille erzählt von einer Welt ohne Menschen. Ich traf Leuten, die Romanen entsprungen schienen. Ich begriff, wie wenig es braucht, um da zu sein. Wasser. Schatten. Orientierung.

In einer dürstenden Landschaft, wo jedes Ding nur sein Nötigstes ist, begegnet dir die Natur in ihrer radikalsten Form: nackt, genügsam, unerbittlich schön.

Wo das Land vom Wasser träumt, lebt die Natur im Modus des Verzichts, karg, reduziert. Hier entfaltet sich eine erbarmungslose Schönheit, die keinen Überfluss duldet.

Worte einer Ältesten: 

„Du suchst ein Wort. Aber du hörst nur einen Klang.“

„Du läufst auf der Erde herum, aber du hörst sie nicht. Bleib mal still, bis du merkst, dass sie dich trägt.“  

Ich weiß nicht, ob es eine Initiation war. Es gab keinen zeremoniellen Rahmen, keinen Moment, an dem eine Erfahrung deutlich begann oder endete. Und doch war da dieses Gefühl, dass etwas durch mich hindurchging. Kein Wissen. Nichts, dass sich in Besitz nehmen ließ. Ich assoziierte ‚Durchlässigkeit‘. Das Bild von einer Tür, die nicht mehr ganz schließt.

In der Wüste nahm meine Ehrfurcht vor der Schöpfung eigene Farben an. Gleichzeitig kämpfte ich mit der bizarren Empfindung, unangemessen auf die Erscheinungen zu reagieren. Unangemessen im Sinne von beanspruchend und vereinnahmend. Als hätte ich in der Wüste auch nur das Geringste beanspruchen können. Alles in mir war europäisch sortiert. Denken in Linien, Begriffe als Werkzeuge, komplett auf Analyse gepolt. Der Busch wirkte wie ein Mentor, der nicht mit mir stritt, sondern einfach neben mir stand und sagte: Du kannst es nicht fassen, aber du kannst es lassen.

Ich weiß, dass vieles von dem, was ich fühlte, gefährlich nah am Kitsch siedelte. Mein Blick verlor seine Ungenauigkeit nicht in den geführten und beaufsichtigten Begegnungen mit archaisch dimensionierten Daseinsformen. Wie alle Touristinnen musste ich aufpassen, nicht zu nehmen, was mir nicht gehörte. Ich blieb Gast. Trotzdem fühlte ich mich berührt von etwas, das älter war als Sprache, älter als meine Zweifel, älter als meine Vorstellungen davon, wie Erkenntnis funktioniert. Vielleicht waren es die Wüstenfarben, die mir das erzählten. Nuancen zwischen Sand, Staub, Hitze und Schatten. Farben, die nichts beweisen müssen. Sie erinnerten mich an etwas, das ich nie zuvor gesehen hatte, aber doch erkannte. Und vielleicht geht es gar nicht darum, es zu verstehen. Vielleicht reicht es, dass es mich verwandelt hat.