Magmapfuhl
Das Nordkap ist ein geologisches Archiv. In dieser Region treten präkambrische kristalline und metasedimentäre Gesteinsformationen auf, darunter Gneise und Granitoide, deren Alter auf 2,5 bis 3 Milliarden Jahre datiert werden. Das Gestein ist älter als der Großteil der heutigen Erdkruste und bildet den Kaapvaal-Kraton, einen der stabilsten und ältesten Kontinentalkerne.
Hydrologisch betrachtet sind die Pfannen des Nordkaps ein geschlossenes System, das kein Wasser ins Meer abführt. Natriumchlorid sammelt sich vor allem in Sandstein- und Schiefer-Dellen. Daneben sorgen seltene Niederschläge für semi-permanente Wasserstellen. Die temporären Speicher ermöglichen das Überleben von Pflanzen, Tieren und Menschen in einer ariden Umgebung. In den Traditionen indigener Völker verbinden sich die Wasserstellen mit mythologischen und kosmologischen Aspekten ihrer Kultur, aber auch mit ihrer sozialen Organisation.
Hier ist das Wasser in der Zeit eingeschlossen.
Wir entdeckten eine Badestelle. Umgeben von Klippen, die wie Wachtürme wirkten, erschien der Ort paradiesisch. Der Himmel war blassrosa, das Gestein weinrot. Das Wasser, so hatte es eine Älteste gesagt, ist das Blut des Landes. Es speichert die Geschichten der Ahnen. Wer badet, nimmt die Kraft der Erde in sich auf. Zwischen Granitblöcken wuchsen robuste Küstensträucher. Flechten überzogen die Felsen.
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Wir standen auf einem Plateau, knapp fünfhundert Meter über dem Atlantik. Die Sonne stand schräg, der rote Sandstein glühte, als trüge er das Feuer seiner Entstehung noch in sich. Der Höhenzug gehört zu den ältesten geologischen Zeugen der Erde. Seine Felsen stammen aus dem Archaikum, einer Ära vor über 2,5 Milliarden Jahren. Da war die Erde jung; ein Magmapfuhl.
Unter uns traf der Benguela-Strom mit seinem kalten, nährstoffreichen Wasser auf die Küste. Nebel kroch zwischen den Felsen auf das Plateau und legte sich wie ein dünner Schleier über das rote Gestein. Wir beobachteten Kormorane und Möwen.
Wir erreichten den Dalton Gorge - einen Riss in der Landschaft. Der Abstieg war steil. Wir passierten einen eskapistisch siedelnden Farngarten. Farne brauchen Feuchtigkeit, daher gibt es sie in den ariden Milieus nur in Mikrohabitaten. Farne sind älter als alles, was wir mit Händen greifen können. Sie sind älter als Dinosaurier und bereicherten jene Urvegetation, die einst riesige Wälder bildete. Sie entstanden vor vierhundert Millionen Jahren im Devon. Viele Farnarten, die wir heute sehen, stammen direkt von diesen frühen Formen ab. Sie sind lebende Fossilien. Millionen Jahre vor dem ersten Vogel, lange bevor ein Mensch seinen Fuß auf diesen Kontinent setzte, wucherten sie in dampfenden Dschungeln.
Die Erde brannte unter meinen Füßen. Der Wind kam aus dem Nichts, drehte plötzlich auf, schoss durch die Schlucht. Ich hörte ihn in einer Sprache flüstern, die wir verlernt hatten.
Zweifellos war der Canyon einst eine Kultstätte.