„Danke für den wunderbaren neue Text, ja, deine magischen Schreibkünste sind virtuos.“ M.
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Von alkalisch bis arkadisch
Auf Grashängen stauten sich Hitzeschwaden. Es schien keines Funkens mehr zu bedürfen, um die Luft in Brand zu setzen. Der Umzimkulwana wand sich wie ein geduldiger Gedanke durch Basalt- und Sandsteinrinnen. Das war kein vorzeitlicher Fluss wie mein australischer Finke, der für mich zum Bewusstseinsstrom geworden war. Doch auch der Umzimkulwana hatte sich Millionen Jahre Zeit genommen, die Erde zu lesen und zu pflügen.
Ich überspringe eine Reihe von Destinationen und Jahren. Es warst immer noch Du mit dem ich meine zweite Afrikareise unternahm.
Ich erinnere den Verneukpan – Täuschungspfanne am südafrikanischen Nordkap nicht als Ort, sondern als Zustand. Als Grenze zwischen dem, was ich war, und dem, was ich wurde. Der See war keine Wasserfläche, sondern ein Gewebe aus Licht, Salz und Erinnerung. Über 60 Kilometer lang und bis zu 12 Kilometer breit, ein endorheisches Becken auf einer Fläche von 400–500 Quadratkilometern. Das bedeutete, es gab kein Entrinnen. Kein Tropfen erreichte das Meer. Nichts verließ diesen Raum.
In satten Jahren floss Wasser aus umliegenden Abflüssen in den See. Das geschah kaum je und selbst dann verwandelte sich Verneukpan nur in eine seichte Spiegelfläche und vielleicht in die größte Pfütze der Welt.
Kaum mehr als ein flüssiger Schleier über dem uralten Salz.
Wind riss den Krustensalzfilm zu einem Rissmuster auf. Es sah aus, als hätte ein Riese das Land zersplittert.
Ich sah einen zerbrochenen Spiegel der Zeit.
Ich zog die Schuhe aus. Das Salz war warm unter den Sohlen. Rissig. Scharfkantig. Die weiße Fläche blendete so stark, dass der Himmel darüber schwarz erschien. Alles war Umkehrung. Das Licht wog schwer. Die Schatten waren leicht. Die Welt war eine Scheibe, end- und geräuschlos.
Dies war mein Moment.
Du warst nur noch ein Begleiter auf meinem afrikanischen Walkabout. Alles verband sich. Ich war offen. Ich war Wind. War Sediment.
Vielleicht war es ein Fiebertraum. Vielleicht war es Wahrheit. Vielleicht ist es dasselbe, wenn man bereit ist zu hören.
Je eremitischer ich unterwegs war, umso begleiteter fühlte ich mich. Je extremistischer ich diesen - von einer phantasmagorisch-neolithischen Kosmologie kartografierten - Raum auf mich wirken ließ, desto deutlich wurde mir gezeigt, dass ich mich angemessen verhielt. Wo immer ich von meinem Wahn geheilt zu werden hoffte, tauchte eine Seelenführerin auf und behandelte mich wie eine Gesandte.
Wir waren dann auch am Zoutpan. Rund um die Pfanne wuchsen Pflanzen, die gelernt hatten, in der alkalischen Einöde zu überleben. Der Himmel glich einer Lichtkuppel, die sich manchmal schwarz färbte, wenn die Reflexion des Salzes zu stark war.
Ich stand in einem weißen Dom ohne erlebbare Begrenzungen.
Die Zoutpan liegt im Land des Kharu-Volks, das bis in die 1960er Jahre nomadisch lebte. Der Salzsee füllt ein endorheisches Becken in der Kalahari - ein abflussloses System, das sich seit Jahrtausenden episodisch mit Wasser füllt; unterlagert von präkambrischen Kristallingesteinen, die zu den ältesten Formationen der Erde zählen.
Die Hydrologie ist ephemer. Nur selten führen Regenfälle über kleinere Run-offs Wasser zu. In den langen Trockenzeiten bleibt nur eine strahlend weiße Ebene zurück, durchzogen von polygonalen Bruchlinien.
Alles war grell und leer und voller Bedeutung - so, wie es nur in der Leere möglich ist.
Plötzlich wusste ich nicht mehr, wie ich hierhergekommen war. Ich war eine Ahnung im Gedächtnis der Erde. Dieser Ort war ein Gedächtnisspeicher der Menschheit. Eine tektonische Erinnerungsschicht, in die sich ein Mythos eingeschrieben hatte. Ein Speicher geologischer Epiphanien. Ich hatte gehofft, etwas zu finden im Spektrum von Zeichen, Bedeutung und Richtung. Vielleicht war ich für einen Moment offen genug, so dass das Land durch mich sprechen konnte. Und dann trat sie aus dem Flimmern. Eine Frau. Alt, wettergezeichnet, mit ledriger Haut und Augen, in denen ein ferner Sturm lag. Da lernte ich Doris Steinbrecher kennen.