Oxidiertes Zeitgedächtnis
Die Oribi Gorge ist ein dramatischer Plateauquerschnitt mit elegischen Pools und malerischen Stromschnellen in einer Sandsteinformation. Der Sand lagerte sich im Devon und frühen Karbon vor rund 365 Millionen Jahre ff. in einem fluviatilen Umfeld ab. Das Basisgestein entspricht indes einem ganz anderen Kaliber. Das metamorphe Grundgebirge entstand während der Mesoproterozoikum‑ und Paläoproterozoikum-Tektonik vor über einer Milliarde Jahren und gehört zur Namaqua-Natal Metamorphic Province. Es besteht aus Gneisen, Granitoiden und Amphiboliten.
Der Parkplatz am Besucherzentrum präsentierte sich uns als Muster der Funktionalität. Kein Komfort, kein Outpost-Kitsch, aber ausreichend Infrastruktur: Toiletten, Wasserstationen, ein Café. Befestigte Wege führten zu Aussichtspunkten, Bootsanlegestellen und zu spiraligen Saumpfaden auf den Schluchtkämmen.
Die Unterkünfte im Oribi Gorge Nature Reserve waren simple Holzgerüste mit Strohdächern und kleinen Veranden. Es gab eine Gemeinschaftsküche. Eine holländische Reisegruppe belebte den Spot.
Wir mischten mit im Trubel. Endlich nanntest du mich einmal wieder deine Süße. Das Wort kitzelte so schön. Du murmeltest in meine Halsbeuge die schönsten Liebesworte. Die Luft war schwer von der Flussvegetation. Ich spürte die Präsenz deines Körpers in diesem anderen Afrika. Kosmische Erinnerungen - Ich assoziierte oxidiertes Zeitgedächtnis. Später liebten wir uns auf Gestein, das in atavistischen Ritualen der Menschenwelt konkret und poetisch zugeordnet worden war. Ich lag schließlich auf in Jahrmillionen zusammengebackenem Flusssand, dem letzten Gruß eines vorzeitlichen Nils. Die poröse Haut des Sandsteins hielt nichts fest und nahm nichts an außer Form. Regen grub Furchen, Wind glättete Kanten, und in einer verborgenen Senke, wo der Sand auf dunklen Tonschiefer traf, sammelte sich Wasser wie Wissen.
Nur Haut an Haut, Atem an Atem im Liebeszeitstrom.
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Ich notierte: Das Ensemble lässt mich an eine Staffel geologischer Schnitte durch Raum und Zeit denken. Ich verkürzte: ein geologischer Schnitt durch Raum und Zeit. Der Fluss lag dunkelgrün und unbewegt in seinem Bett. Er schien zu ruhen. Ungeschickt krabbelten die Teilnehmer einer geführten Gruppe in Kanus. Das Einsteigen überforderte die meisten. Ich beobachtete lauter Kapitulationen im Kampf um Haltung und Würde. Es war ein Schauspiel mit vielen Selfie-Stick-Selbstentblößungen. Ich dachte an die bezwingende Ruhe des Elder der San am Fuß des namibischen Brandbergmassivs. Ich empfand Sehnsucht nach ihm. Du und ich zogen weiter, suchten Abstand, Stille, das eigene Erleben. Am Ufer boten sich zum Verweilen schattige Einschnitte an, gesäumt von Bäumen mit silbrig zerfaserter Rinde. Der Fluss spielte eine Rolle in den Saga der Zulu. Mich faszinierte die Verbindungen von Mythen und geologischer Zeit. Als hätte der Fluss nicht nur Gestein, sondern auch Bewusstsein geformt. Wir erreichten einen Seitenarm. Das Wasser glänzte wie flüssiges Glas, wir konnten nicht widerstehen. Auf dem Rückweg legte ich mir mein nasses Bikinioberteil auf den Kopf. Die Hitze war erbarmungslos, aber das Licht war von erleuchtender Klarheit.