Formulierungen in einfacher Sprache
Vorspann
Am Anfang war es nur ein Versuch. Ein bisschen Bewegung, ein bisschen Struktur. Doch inzwischen war es mehr. Viel mehr. Es waren die Übungen. So nannte sie es. Nicht Sport, nicht Training, nicht Yoga oder Stretching. Nein, Übungen - als handle es sich um etwas Höheres, beinahe Sakrales.
Sie wusste selbst nicht mehr genau, wann es angefangen hatte, dass ihr ganzer Tag sich um eine Stunde am Vormittag zu drehen begann. Alles andere war Vorlauf oder Nachklang. Die Übungen waren der Mittelpunkt, das eigentliche Leben.
Sie dachte darüber nach, noch bevor sie aufstand. Wie ihr Körper sich anfühlen würde. Ob die Dehnung tiefer ginge als gestern. Ob sie sich besser würde balancieren können. Manchmal spürte sie schon im Halbschlaf eine Ahnung davon, welche Bewegung heute ‚dran‘ war.
Nach der Stunde formulierte sie ihre Übungserlebnisse in einfacher Sprache: „Linke Hüfte war heute weich … Atmen nicht vergessen.“
Sie verlor sich in diesen Überlegungen. Da war kein Streben nach Verbesserung im üblichen Sinne. Sie genoss die Wiederholungen. Nie musste sie sich motivieren.
Jahre später - Verspielter Ernst
Professor Goya leitet das Germanistische Institut. Er ist der Sprachmeister. Das entspricht einer historischen Beschreibung seiner Stellung. Der erste Professor für moderne Sprachen an der Ederthaler Landgraf Philipps-Universität trug den Titel Sprachmeister. Goyas Persönlichkeit passt zu keiner modernen Erzählung. Er leistet sich, mit schneidender Gelassenheit, eine reaktionäre Attitüde - nicht in agitatorischer Absicht, sondern als ästhetisches Statement. Er zitiert, so freihändig wie korrekt, Novalis und Joyce, trägt Einstecktücher, verachtet didaktischen Eifer, meidet Konferenzen und spricht von „den Studenten“ (anstatt von den Studierenden) gerade so wie ein aufgeklärter Monarch sich einst über das aufmüpfige Bürgertum ausließ.
Er macht kein Hehl aus seiner Verachtung für das Hochschulestablishment, dem er selbst vorrangig angehört. Nana affiziert Goyas autonomer Auftritt. Sie stellt sich vor, ihn in einer erotischen Scharade mit dem Titel „Sprachmeister“ anzusprechen - mit einem Hauch von devotem Spott. Sie traut ihm Meisterschaft auch in ihrem Lieblingsgenre zu - dem verspielten Ernst.
Für Nana besteht daran kein Zweifel - der Sprachmeister ist ein prächtiger Dom. Nicht in der plakativen, klischeebeladenen Bedeutung, nicht als Karikatur aus einem Fetischforum. Goya ist ein Mann mit angeborenen Führungsfähigkeiten. Ein Alpha wie er im Buch steht.
Schließlich wagt Nana den ersten Vorstoß. Sie wendet sich mit einem akademischen Vorwand per E-Mail an ihn. Er reagiert sofort und signalisiert ein untergründiges Entgegenkommen. Hat er sie auf Anhieb durchschaut? Jedenfalls ermutigt er Nana, ohne sich aus dem Fenster seines Interesses zu lehnen. Er präsentiert sich bereits als die bestimmende Kraft, die den Ton an- und den Kurs vorgibt. Er lässt Nana kommen. Seine spärlichen, oft kryptischen Nachrichten laden sie auf. Manchmal genügt ein Halbsatz von ihm, um ihren erotischen Horizont drei Mal hintereinander aufleuchten zu lassen. Er weckt ihre Risikobereitschaft, hält sich aber bedeckt … bis sie ihm täglich mehrmals schreibt. Geschichten, Erlebnisse, Fragmente. Alles leicht verschoben und entrückt. Die Andeutungen sind raffiniert. Nana gibt nichts preis, was man gegen sie verwenden könnte, aber doch genug, um einen empfänglichen Leser zu elektrisieren.
Sie schafft narrative Zusammenhänge für den Karzer im toten Trakt der burgförmig im Mittelalter erbauten Hochschule. Sie illuminiert eine Vignette mit einem Hinweis auf die universitäre Gerichtsbarkeit und der Herrlichkeit eines Sprachmeisters in früheren Jahrhunderten.
„Hätten Sie - als Sprachmeister, der sie mit Fug und Recht sind - denn zu solchen Mitteln gegriffen?“ fragt sie, um im nächsten Satz Goya aus der Not zu entlassen, etwas Verfängliches antworten zu müssen. Sie baut phantasmagorische Settings mit mumifizierten Mäusen und Knopflöchern in der Zeit auf. Sie erfindet Träume, in denen etymologisch sonderbare Wörter ein Eigenleben entwickeln. Sie entwickelt die Figur einer somnambulen Postdoc-Stipendiatin, die dem Sprachmeister verfällt, während er sie unterweist.
Sie treibt ihr Spiel auf die Spitze.
Und Goya? Er antwortet nicht täglich und nie ausführlich. Sein Spiel ist gefährlich langsam. Nichts wird ausgesprochen, nichts dementiert.
Nana befriedigt sich oft vor dem Bildschirm und stellt sich dabei vor, der Sprachmeister vergnüge sich am anderen Ende des Geschehens so wie sie. Sie macht Andeutungen. Es kommt nichts Schlüpfriges zurück.
Sie hört seine Vorlesungen, trifft ihn zufällig in jedem halbwegs nobilitierten Rahmen. Ederthal ist eine weitgehend abgehängte Kleinstadt mit einer Vergangenheit als landgräfliche Residenz. Ihre herausragende Bedeutung in der fürstlichen Landesgeschichte bringt ihr nichts mehr ein. Es gibt ein paar Prachtbauten, eine prächtige Kirche, einen englischen Landschaftspark. Nana stellt sich vor, sich in diesen Kulissen nach Regieanweisungen des Sprachmeisters zu bewegen. Dessen Büro liegt im ältesten Flügel des Germanistischen Seminars. Eine massive Eichentür trennt es vom Flur, auf dem die Linoleummoderne und gotisches Mauerwerk eine widerwillige Allianz eingegangen sind. Im Dekanat herrscht ein historisch gewordenes Halbdunkel. Bücherregale ragen bis unter die Decke, voller Lederbände, angefassten Originale und neueren Gesamtausgaben. Dazwischen eine Sanduhr aus dem Haushalt Philipps des Großmütigen, ein Brieföffner aus Horn von Georg Forster, ein anonymer Schädel als anatomisches Präparat.
Goyas Schreibtisch ist eine beinah plane Fläche. Papier in handgeschnittener Ablage. Ein Füllfederhalter. Ein Notebook. Keine Fotos, keine Pflanzen. Auf einem Beistelltisch eine silberne Teekanne auf einem Stövchen. Es riecht nach Möbelpolitur, Molton Brown und Leder.
Goya sitzt aufrecht, in einem Sessel mit hoher Lehne, die an eine Kathedra erinnert. Er ist noch nicht vierzig, ledig, athletisch. Ein eiserner Stilwillen durchdringt seine Erscheinung. Nanas Auftritt quittiert er mit einem Blick. Kein Lächeln, kein Gruß. Ein Moment der Stille. Er lässt sie im Türrahmen stehen. Sie trägt ein schwarzes, enganliegendes Satinkleid mit extrem tief ausgeschnittener Rückseite. Sie lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass dies kein akademischer Besuch ist.
Goya steht nicht auf. Er deutet mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken an, dass sie nähertreten soll.