Aus der Kommentarspalte: „Berauschend – sehr schön erzählt. Ich bin berührt von deinen ebenso klugen wie erhellenden Abweichungen von den gängigen Marken dieses Genres.“
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In Antonio Skármetas Roman „Mit brennender Geduld“ entwickelt sich eine Freundschaft zwischen Pablo Neruda und einem Briefträger. Irgendwann schickt der Mann seiner Geliebten ein Gedicht von Neruda und gibt es als sein eigenes aus. Neruda bekommt davon Wind und beschwert sich: „Das ist mein Gedicht“, sagt er. Der Briefträger antwortet: „Nein, Gedichte gehören denen, die sie brauchen.“
Wege der Verwüstung
Didier Eribon lehrt, dass alle Kampagnen „Schlachten um die Wahrnehmung der Welt“ seien.
Legionen der traditionell Ungehörten schließen sich in sozialen Medien zusammen. Die Intensität der Auftritte entsteht aus dem ungeübten Willen, sich durchzusetzen. Sie führt zu einer Senkung der Standards. Die Akteure überschätzen ihre Bedeutung, vor allem aber ihre Originalität als Dreckschleudern.
Um anderswo fortzufahren – der weltfremde Mann lädt die Welt mit einer „Konfiguration von Reinheit und Egoismus“ ein. Adorno behandelt so die fiktive Figur des Lucien de Rubempré alias Lucien Chardon - geschaffen von Honoré de Balzac - der abgelehnt geboren, aber wegen seiner Schönheit geliebt wurde. Der Philosoph sieht in der Figur des Lucien die Verkörperung eines gefallenen Angelus Novus… eines im Grunde seines Herzens indolenten Schwadroneurs, dessen angenehmes Wesen ihm soziale Chancen einräumt. Ein neuer Typ entsteht in Lucien: der Flaneur-Kolumnist, der prekär lebt und elegant schreibt. Journalistische Extravaganz trifft auf fehlende bürgerliche Gravitation. Lucien vergeudet sich. Zunächst erscheint er der Welt ebenso witzig wie subtil. Er verweigert den „bürgerlichen Eid“. Daher wird er unter das Bürgertum gedrückt und „zum Schurken degradiert“.
Adorno sieht Lucien nur als „austauschbare Figur“, wegen der nichts passiert, was man persönlich nehmen müsse. Wer die Sitten der Welt nicht respektiert, geht im Stil der Opiumesser zugrunde. „Lucien weigert sich, Glück von Arbeit zu trennen.“ „Wer es gesellschaftlich schaffen will“, sagt Adorno, „muss einen Pakt schließen mit dem, was Lucien nicht beflecken will.“
„Der Markt wählt sehr genau zwischen dem, was er als geistige Selbstbefriedigung des Intellektuellen verabscheut, und dem, was gesellschaftlich nützlich ist, was indes den Geist, der es vollbringt, herzlich ekelt; sein Opfer wird dafür belohnt.“
Adorno bemerkt eine Schneise der Verwüstung auf dem Weg des aufsteigenden Bürgertums. Er nennt Balzac einen Herold der Zerstörung idyllisch-feudaler Lebensweisen; einen Produzenten dystopischer Aussichten. In seinen Romanen „prophezeit“ der Autor eine düstere Zukunft, da die Ungerechtigkeit, die die junge Klasse vom (gestürzten) Althergebrachten geerbt hat, weitergegeben wird. Die Gleichzeitigkeit fortschrittlicher und reaktionärer Kräfte in einer Avantgarde hat die Comédie humaine vital gehalten. Adorno spricht vom „symphonischen Atem“ des Werks.
Symphonischer Atem
Ich liebte deine Vorträge, ihren symphonischen Atem. Deinen Willen zum Hoheitlichen. Du machtest dich nicht gemein. Das adelte mich noch einmal. Ich verzieh dir deine Affären und du übergingst meine Liebschaften. Eines Tages stelltest du mir Afrika in Aussicht und dann warst endlich du es, den ich verehrend anschreiben durfte.
Die alltägliche Sundown-Ekstase – der Glücksrausch und das Gefühl, die Schwingungen der Welt afrikanisch erleben zu dürfen, waren für mich immer noch keine Gegenstände für Begeisterungsallgemeinplätze. Ich versuchte, den goldglühenden Schwellenmoment, wenn sich Himmel und Erde ineinander auflösten und das Licht sich wie flüssiger Honig über allem ergoss, in Worte zu fassen. Baumkronen, die in Flammen zu stehen schienen … all die Sensationen und Effekthaschereien einer grandiosen Natur.
Ich roch glimmende Asche von einem Feuer jenseits der Lodge. Die Mischung aus erregendem Schweiß und Wüstenstaub hatte ich zuletzt am Nachmittag an dir gerochen. Ich verging bei dem Gedanken, du könntest es für heute genug sein lassen wollen, erschöpft vom Tag, liebessatt von unseren Umarmungen.
Die Nacht war ein atmender Organismus mit eigenem Puls. Namibia spielte in mir etwas Ur-Altes an. Diese unmittelbare Erdung, als wüsste der Körper plötzlich, wohin er gehört. Staub, Himmel, Tiere – alles sprach und erschöpfte sich in schierer Gegenwart.
Ich fühlte mich wie im Schoß der Schöpfung. Die Trennlinien zwischen innen und außen verloren ihre Schärfe. Meine Dankbarkeit war körperlich, ein Labsal.
Es stimmte, was Reisende mir zugeraunt hatten; Afrika veränderte die innere Frequenz.
Nacht & Meer – Mosambik
„Komm“, flüstertest du, „wir lassen die Sterne auf dem Meer tanzen.“
Wir glitten ins Wasser wie in eine Taufe – eine neue Religion, unsere Liebe. Das Meer malte sich für uns im Tiefblau der Nacht an das matte Weiß des Strandes. Unter der kühlen Oberfläche war es warm.
Dann ein Leuchten. Biolumineszenz. Unsere Bewegungen zogen Sternenspuren. Der Himmel ergoss sich im Ozean.
Du berührtest mich prüfend. Als sei nicht ausgemacht, dass ich noch dieselbe war wie an Land. Ich war es nicht mehr ganz.
„Jetzt gehören wir dem Meer“, sagtest du.
Ich wusste genau, was du meintest. Dann schnitt eine Finne durch den Spiegel. Keine zehn Meter entfernt. Vielleicht ein Hai. Vielleicht ein Rochen.
Panik. Stille. Atem, der zu laut wurde. Wir waren Zaungäste im Garten Eden. Das Paradies hatte Zähne.
Wir verkrümelten uns auf dem Strand und liebten wir uns im Sand. Ich hatte deine Angst gesehen und du meine.
„Vielleicht ist Liebe genau das“, sagte ich, „keine Angst davor zu haben, erkannt zu werden.“ Natürlich spielte ich mit der biblischen Konnotation von erkannt werden. Und er erkannte sie. Und du erkanntest mich mit all deinen patriarchalen Gewissheiten.