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2026-01-27 17:11:15, Jamal

Erkundung der inneren Pole

„Wenn ein Mensch einmal dem Mord verfallen ist, kommt er sehr bald dazu, Raub gering zu schätzen; und vom Mord gelangt er als Nächstes zum Trinken und Sabbath-Brechen, und davon zu Unhöflichkeit und Aufschub.“ Thomas De Quincey

De Quincey balancierte auf einem Drahtseil zwischen den Pfeilern von Emanzipation und Obsession. In seiner Zeit lag etwas bizarr Dringliches in der Libertinage. Siehe Baudelaire, Flaubert, Poe. Die Erforschung individueller Abgründe gehörte zur Freiheit, zur Aufhebung von Denkverboten und lähmenden Dogmen. Die Differenzierung persönlicher Gefühle von gesellschaftlichen Moralvorstellungen erweiterte das Spielfeld des Denkens. Es waren Erkundungen der inneren Pole.

In seinem essayistischen Meisterwerk „Murder Considered as a Fine Art“ (erstmals 1827 veröffentlicht) lüftet De Quincey Geheimnisse der britischen Oberschicht. Er offenbart die Existenz einer „Society for the Promotion of Vice“. Der Hellfire Club wurde von Sir Francis Dashwood (1708 - 1781) gegründet und diente als Vorbild für ähnliche Gesellschaften.

Der Politiker Dashwood, 11. Baron le Despencer, Kronkanzler von 1762 - 1763, war vor allem als Libertin bekannt. Zweck seines Hellfire Clubs war sexuelle Perversion. Die Eingeweihten praktizierten satanische Riten. Dashwood ließ sich von seiner Grand Tour durch Europa 1726 inspirieren. Seinen Obsessionen gab er einen klassisch-antiken Anstrich. Dilettantismus war für ihn kein Schimpfwort, sondern ein Ideal. 1732 gründete er die Society of Dilettanti. Es ging um ausschweifende Kombinationen von Kunst und kulinarischem Genuss.

Bruderschaften, die sich dem Zynismus hingaben, die Moral des Volkes verachteten und aus schierer Lust an der Schande handelten, entsprachen Mode des 18. Jahrhunderts.

Mitglieder der Oberschicht feierten schwarze Messen und hielten Hochämter der Verderbtheit ab. De Quincey spricht von einer Epidemie adeliger Bosheit, die sich in ganz England ausbreitete. Er erwähnt den Medmenham Club, der seine geheimen, blutigen Treffen in einem verlassenen Zisterzienserkloster abhielt – der Medmenham Abbey in Buckinghamshire. Das 1201 von Hugh de Bolebec gegründete Kloster wurde 1536 aufgelöst und zeitweilig von Francis Dashwood besessen, direkt am Ufer der Themse gelegen.

Prominente Mitglieder des Order of the Orgies waren George Bubb Dodington (1. Baron Melcombe und Spion), John Wildes (Politiker, Journalist, Schriftsteller und britischer Casanova), Charles Churchill (Dichter, Satiriker), Robert Lloyd (Dichter, starb 1764 nach Jahren verschwenderischer Ausschweifungen völlig ruiniert im Gefängnis), Benjamin Bates (Arzt, Kunstkenner), Paul Whithead (Satiriker und Clubsekretär mit Gefängniserfahrung) und schließlich William Stanhope, 2. Earl of Harrington. Der Politiker und Militärmann war als „Ziege der Qualität“ für seine Ausschweifungen berüchtigt. Er lebte praktisch in Sarah Prendergasts Bordell. Seine Frau Caroline Stanhope, Countess of Harrington, wurde zur Galionsfigur der weiblichen Demi-Monde. Sie reagierte auf gesellschaftliche Ächtung, indem sie einen Club für Kurtisanen gründete – die „New Female Coterie“. Die Deklassierten trafen sich im Bordell, das als zweites Wohnzimmer von Caroline diente.

Eine leidenschaftliche Beziehung zu Mord und Totschlag – Im Club der Mordkünstler prahlte man mit seinen Fähigkeiten im Erstechen von Menschen. Einer bestand darauf, in jedem Fall Amateur zu bleiben; Mord sollte nicht zur Arbeit degenerieren.