„In jedem Moment tauchen wir in einem Feld undifferenzierter Materie, aus dem unsere Sinne Bruchstücke von Informationen sammeln.“ Rick Rubin
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Wir verfügen über Informationen, die älter sind als die Menschheit. Alle Reaktionen des Körpers haben genetische Wurzeln, die Milliarden von Jahren zurückreichen. Sobald wir die thermoneutrale Zone verlassen, dreht sich alles um die Wiederherstellung der Homöostase. Fast alle genetischen Varianten haben ihren Ursprung in evolutionären Ereignissen, die lange vor unserem Erscheinen au stattfanden. Und hier beginnt die Epigenetik. (Basierend auf David A. Sinclair)
Produkte der Isolation
Wir wollten nach Inis Oírr (Inisheer), der kleinsten Aran-Insel. Die Leute sprechen da gälisch, der atlantische Maulwurfshügel gehört zum County Galway. Die Insel ist bekannt für eine karge Kalksteinlandschaft, unzählige Trockenmauern, blütenweiße Sandstrände und das Wrack der „Plassey“. Die MV Plassey havarierte 1960 auf dem Weg nach Limerick. Ein Sturm schleuderte den Frachter auf einen Felsen oberhalb der Gezeitenlinie. Die Besatzung konnte spektakulär per Hubschrauber der irischen Küstenwache gerettet werden.
Mit den Jahren avancierte das Wrack zu einem Aspekt der Inselikonografie. Weltweit bekannt wurde es, als Motiv im Vorspann einer TV-Serie.
Man fliegt mit Aer Arann Islands. Von Connemara Regional Airport (Indreabhán) beträgt die Flugzeit unter zehn Minuten. Das Boarding dauert in jedem Fall länger.
Wir erreichten den Terminal für Kurzstreckenflüge. Ein flaches Gebäude, weiße Wände, große Glasfronten. Der Abflugbereich für Kleinflugzeuge war nahezu menschenleer. Die Frau am Schalter fragte so freundlich nach den Pässen, als käme sie einem persönlichen Interesse nach. Der Sicherheitscheck war eine Farce. Ich registrierte die übrigen Passagiere. Ein rüstiger Pensionär in Tweed, mit einem antiken Fernglas auf der Brust. Ich hielt ihn für einen spleenigen Ornithologen. Zwei in der Geschwisterlichkeit verkapselte Teenager-Schwestern.
Jeder trug sein Gepäck selbst in den Stauraum. Das war eine Ablage hinter dem letzten Sitz. Es gab keine Stewardess und keine Durchsagen. Das Cockpit war offen, der Pilot, ein Mann um die fünfzig, hob die Hand. Darin erschöpfte sich die Begrüßung. Er flog eine Britten-Norman BN-2B Islander, ein zweimotoriges Leichtflugzeug, gebaut für Kurzstrecken und raue Landebahnen - groß genug für neun Passagiere.
Nach dem Start kippte das Flugzeug kaum merklich nach Westen. Unter dem linken Fenster breitete sich Connemara aus - graugrüne Moorflächen, von Wasseradern durchzogen. Torfstiche, landwirtschaftliche Betonspuren, die im Gelände endeten. Dann kam das Meer. Aus Braungrün wurde Tief- und Türkisblau. Ich sah Sandbänke, helle Zungen unter der Oberflecken. Dunkle Flecken deuteten Tangwälder an. Die Aran-Inseln tauchten auf. Inis Meáin, dann Inis Mór. Inis Oírr erschien zuletzt.
Dieses Gefühl, dass jeder für sich geflogen war. Dass wir das nicht mehr gemeinsam erlebten. In den letzten Tagen hatten deine Bewegungen oft etwas Fragendes und Ratloses. Du hattest recht. Ich ließ dich im Dunklen tappen. Das war unfair. Aber im Augenblick wusste ich selbst nicht weiter. Ich spürte nur jeden Tag stärker eine lüsterne Sehnsucht, die mich mit Goya verband. Das geradezu unbändige Verlangen nach seiner Art, sich mir zu widmen. Ich verstand nicht mehr, warum ich einem anderen Mann den Vorzug gegeben hatte. Gewiss, du warst ein gewissenhafter Liebhaber, aber im Vergleich mit Goya eben doch nur ein Toyboy.
Die Pension hieß “Teach na Mara” - das Haus des Meeres. Ein weiß gekalktes, zweistöckiges Haus mit einem grauen Schieferdach und einer Vergangenheit als Fischerwiege. Ein Kiesstreifen führte zur Haustür. Kupierte Bootsrümpfe dienten als Blumenkästen für Fuchsien. Drinnen roch es nach Putzmitteln, frisch gebackenem Kuchen und den sich wiedersprechenden Aromen des Privaten. Niedrige Decken. Fachwerk. Steinboden. Maritimes Dekor. Fotos in Sepia und Schwarzweiß. Familiäre Alltagsszenen unter den Vorzeichen gefahrvoller Existenz.
Massive Holzmöbel. Überall Zierkissen und Deckchen. Unsere Gastgeberin war in ihren Sechzigern, eine bemerkenswert große, hagere Person. Sie sprach mit uns Englisch in diesem westirischen Singsang. Sie fragte nicht nach unseren Pässen.
Unser Zimmer lag oben. Zwei schmale Betten, die wir schon nicht mehr zusammenschoben. Auf einem Nachttisch ein paar Flugzettel. Fährzeiten, Fahrradverleih, eine Karte der Insel.
Die Tagedecke sah nach einer Winterarbeit aus. Wahrscheinlich aus Inselschafwolle handgewebt, in gedeckten Ocker-, Grün- und Grautönen. Die Zopfmuster erinnerten an Aran-Pullover – Knoten, Netze, Fischernetze. Zweifellos ein Unikat.