„Der Mensch ist ein Blinder, der vom Sehen träumt.“ Friedrich Hebbel
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„Es gibt viele Könige auf der Welt, aber nur einen Michelangelo.“ Pietro Aretino
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„Der Bettler (im Mittelalter war) arm und auf Almosen angewiesen – aber seine soziale Stellung war nicht mangelhaft, ihm fehlte nichts.“ Anna Mayr
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„Da saß ich mit Mitte dreißig, Mutter von vier Kindern, und hatte noch nie einen Orgasmus gehabt.“ Julia Haart
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„In der Renaissance … bedeutete Talent dasselbe wie Vielseitigkeit.“ Egon Friedell
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„Als der Mailänder Francesco Sforza einen Triumphbogen errichtete, erklärte der Geehrte: ‚Dies sind abergläubische Anlagen von Königen, aber ich bin ein Sforza.’“ Egon Friedell
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Zu Beginn des 15. Jahrhunderts regierten gleichzeitig drei Päpste, die die christliche Weltanschauung karikieren. Anarchie von oben beseitigte die Sicherungen und Stabilisatoren klerikaler Herrschaft. Sie zerstörte die Fundamente der mittelalterlichen Gesellschaft. Die ritterliche Gefolgschaft verlor ihre grandiose Dimension. Die Leibeigenschaft verlor ihre Bindungskraft für die Bauern. Das Patriziat verlor seine Sperrfunktionen. In seiner „Geschichte der Moderne“ zitiert Egon Friedell Petrarchs Beschreibung des päpstlichen Hofes in Avignon: „Alles Gute ist dort vergangen … je befleckter ein Leben ist, desto höher wird es geschätzt, und Ruhm wächst mit den Verwerfungen.“
Anarchie von oben
Wir erreichten Inis Éisteacht bei Ebbe, auf einem Felsendamm. Der Atlantik hatte sich kurz zurückgezogen und würde gleich wiederkommen. Die Insel schien menschenleer - abgesehen von einem Mann, dünn, grau, dürftig, aber nicht zu sehr, vielleicht ein Mangelvirtuose, mit einem Fernglas am Schulterriemen und einem Militärtornister auf dem Rücken. Grußlos deutete er aufs Meer. „Das Wasser kommt zurück. Und ihr bringt Stimmen mit.“
Er bat uns, Platz zu nehmen.
„Habt ihr etwas mitgebracht?“
Ich überreichte ihm die Mappe, ohne ihn anzusehen.
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Weite, Wind, Gezeiten … das Gasthaus heißt The West Winds Inn. Gekalkte Wände, niedrige Decken, freigelegtes Fachwerk. Mir stieg ein Geruchsmix aus Seife und Hausschwamm in die Nase - nichts Abstoßendes, eher das olfaktorische Archiv vieler harter Winter.
Im Zimmer standen zwei spartanische Einzelbetten. Lachend schoben wir sie zusammen. Das war die erste Maßnahme.
Auf den bestickten Kopfkissen stand Good Enough.
Du schlugst dein Notizbuch auf und zeigtest mir eine Stelle. Da stand dasselbe.
„Wann hast du das geschrieben?“
„Heute Morgen,“ sagtest du. „Noch vor unserem Aufbruch.“
Ich schloss die Augen. Normalität. Ein Bett. Warme, weiche Kissen, in die man sich hineinentspannen konnte. Das war in jedem Fall good enough.
Auf dem Fenstersims lagen Muscheln, sorgfältig nebeneinandergelegt. Draußen spannte sich der Abendhimmel in Lila und Kupfer über das freigelegte Watt. Das Wasser war fort. Zurückgeblieben waren blendend glänzende Sandflächen, durchzogen von schmalen Wasseradern, in denen sich das Licht brach.
„Es sieht aus,“ sagtest du, „als würde das Meer den Atem anhalten.“
„Nimm mich in die Arme,“ verlangte ich unrechtmäßig. Ich hatte mich schon von dir verabschiedet, nutzte aber deine Liebe und Erfahrung mit meinem Körper. Ich glaubte ehrlich nicht, mich an dir vergehen zu können. Du hattest dein Vergnügen mit mir. So sah ich es, während die Sehnsucht nach Goya in mir tobte. Ich erwog, Kontakt aufzunehmen, verwarf das aber täglich aufs Neue. Ich musste ihn sehen, spüren, riechen.
Dein Körper formte ein Angebot, von dem dein Geist noch nichts wusste. Du berührtest meinen Nacken, streiftest die Kette, an der das Medaillon hing, das Goyas neapolitanische Urgroßmutter einst nur heimlich getragen hatte. Verborgen auf der Haut, unter Schichten der Schicklichkeit als Zeichen einer unangemessenen Leidenschaft, für die sie lange in einem Eheverließ der Lustlosigkeit büßte. In einer Evokation begegnete ich der Ahne im Kolorit der Gegenwart dieser Mesalliance. Mein Rücken bog sich von selbst durch zu einem Hohlkreuz der Hingabe. Aber die Hingabe galt nicht dir.
Ich spürte deine Hände auf meinem Hintern und vernahm die Operettenmelodie gemeinsamer Lust.
„Ich bete dich an“, sagst du.
„Ich spüre es“, antwortete ich herzlos.
Wir gingen zu Tisch. Es gab fangfrischen Seebarsch, gebraten in Butter, dazu Salzkartoffeln mit Schnittlauch und eine Schale geschmorter Küstenfenchel. Zitronentarte zum Nachtisch.