Erich Paul Remark (E. Maria Remarque, 1898 - 1970) hatte eine Vorliebe für erotische Operette. Eine junge Frau aus gutem Hause – man sprach bei Tisch Altgriechisch, oft über Kunst, nie über Gefühle. Der Vater, Kurt Mühsam, einst Kritiker und Ullstein-Chefredakteur in der Weimarer Republik, veranlasste Remarque zu Salonauftritten als Aschenputtel in den kalifornischen Nachmittagen eines nobilitierten Exils. Der „Engel“ hatte jederzeit zu flattern, wenn der graue Ziegenbock Lust auf ein Gespräch verspürte. Sie hieß Ruth und nannte ihn Boni. Er „spielte“ mit ihr.
*
Seit dem 14. Jahrhundert lautet das Motto der französischen Hauptstadt Fluctuat nec mergitur – Sie schwankt, aber sie fällt nicht. Die Formel spielt auf die Kunst an, schwere Schläge unheroisch zu überleben. Nach den jüngsten Anschlägen von Paris erlebte das Motto eine Renaissance als Kampfruf.
Fluctuat nec mergitur. Goya schmückt eine Nachricht mit diesem Satz. Er betrinkt sich auf der Dachterrasse eines Hotels mit Blick auf Notre-Dame, Montmartre, Sacré-Cœur und den Eiffelturm. Goya trägt die Rüstung der akademischen Global Player; nichts verhüllt ihn gründlicher. Mercy Claiborne, die Goya wenige Tage zuvor auf einem Symposium in Seattle aufgerissen hat, lächelt erwartungsvoll. Goya glüht bei dem Gedanken an seine jüngste Eroberung. Mercy vermisst in Paris bespielbare Dächer. Die Entwürfe des Baron Haussmanns erlauben kaum je plein-air-Eskapaden.
Mercy war jahrelang ans Bett gefesselt und durfte in Phasen äußerster Schwäche nicht einmal lesen. Getröstet wurde sie mit Vorträgen über seine Familiengeschichte. Die schwarze Seite ihrer Familie gehörte zu den sklavenhaltenden Klans Louisianas.
Mangelvirtuose
Am Strandkiosk von Belvoir Bay - kaum mehr als ein Verschlag mit aufgeklappter Fensterlade - holten wir Sandwiches mit reifem Cheddar aus West Cork, eine Zitronenlimo, noch warme Scones. Wir setzten uns auf Bruchstein und aßen schweigend.
Ein Inselgreis kam vorbei, einen verdatterten Labrador an der Leine.
“You two enjoying it?”
“Very much,” sagte ich.
“It feels like time holds its breath here.”
Der Mann lachte leise.
“Aye. And sometimes forgets to exhale.”
Wir folgten dem schmalen Küstenpfad entlang der Steilkante. Unter uns jagten Möwen im Sturzflug, und aus den Felsen stieg das helle Kreischen der Austernfischer. Diese charismatischen Küstenvögel entfalteten eine eigentümliche Würde mit ihrem schwarz-weißen Gefieder und den leuchtend orangeroten Schnäbeln, als trügen sie ein uraltes Amt.
Ein krummer Wegweiser ragte aus dem Gras: → St Tugual’s Chapel – 8 minutes → Belvoir Bay – 5 minutes
St Tugual’s Chapel war ein stilles Zeugnis normannischer Frömmigkeit aus dem 11. Jahrhundert. Die Halbinsel war bereits Jahrhunderte zuvor christianisiert worden - vielleicht von einem bretonischen Missionar, dem heiliggesprochenen Tugual. Zur Kapelle gehörte ein Friedhof. Die ältesten Grabreste stammten aus dem 10. Jahrhundert. Der Ort der Totenruhe war also älter als der Gebetsraum. Die Kapelle war ein schmuckloses Granitkleinod, schlicht und zugleich von bemerkenswerter Anziehungskraft. Wir setzten uns auf die einzige Bank.
“I thought Dúnmara would be just a point on the map,” sagtest du schließlich. “But it’s more like a pause in a sentence.”
Ich nickte.
“An intake of breath.”