Spiegelneuronale Onanie
Nach dem Frühstück schnürten wir die Schuhe. Keine Straßen, keine Autos, keine Eile. Nur ein paar Sandpfade, die sich wie Linien über die kleine Insel zogen. Ein überwucherter Wildwechsel führte durch Wacholderbüsche in einem vor langer Zeit aufgegebenen Garten mit zugewachsenen Beeten, einer Holzbankruine, den Resten eines Kaninchenstalls und einer windschiefen Kate.
An der Tür hing ein Schild:
„Trespassers will be reported. But maybe not today.”
Das den Riegel verankernde Holz war so morsch, dass es unter der ersten, kaum nachdrücklichen Berührung zerbröselte. Wir betraten einen Raum, der vor wenigstens einem halben Jahrhundert als Büro genutzt worden war.
Ich blies Staub von einer Mappe voller Briefe, geschrieben von Seamus Ó Cearbhaill.
Ein Brief begann mit dem Vers:
„Sie glauben, ich sei fort. Aber ich bin nur still geworden. Man hört mich nicht mehr, weil die Welt zu laut ist.“
Die Mappe barg topografische Skizzen. Ein Punkt zeigt einen „Wellenschacht“, ein anderer die „alte Funkstelle“. Zwischen Blättern lag ein Schlüssel - und ein Foto. Es zeigt zwei bärbeißig in die Kamera blickende Männer vor einer Antenne, darunter in Bleistift: „Sommer 1944 – Dúnmara hört zu.“
Wir entdeckten eine Falltür, verdeckt von einem animalisch verhunzten Teppich. Sie öffneten sie vorsichtig. Eine schmale Treppe führte hinab in die Finsternis. Die Luft, die uns aus der Tiefe entgegenschlug, roch nach Salz, Metall und Moder. Ich zögerte nicht, meine Hand umschloss den Schlüssel. Du richtetest den Strahl der Taschenlampe in das Kellerschwarz. Die Stufen sind uneben, nass, von Wurzeln gesprengt.
Der Gang weitete zu einer Felsenkammer. An den Wänden rosteten militärische Vorrichtungen, in der Ecke stand das Gerippe einer Metallpritsche. Dann war da noch eine Tür.
Der Schlüssel passte.
Ein Klick. Die alten Lampen an der Decke flackerten auf. Eine Tonbandmaschine bildete den Raummittelpunkt. Ich erkannte sofort, was das war. Ein Magnetophon K7, entwickelt von der AEG und BASF für die Wehrmacht. Seiner Zeit um zwanzig Jahre voraus. Die Engländer hatten lediglich Drahtaufzeichner - Wire Recorders.
Offensichtlich waren Deutsche während des Zweiten Weltkriegs hier gewesen und ihre Spuren waren nie getilgt worden
Ich drückte die Abspieltaste. Ein atmosphärisches Kratzen … plötzlich meldete sich ein zweites Gerät mit einem Aktivitätssummen. Ein antikes Oszilloskop erwachte. Eine Linie begann zu flackern, zu tanzen - auf ein Signal hin. Wo mochte es herkommen?
Das Signal pulsierte unregelmäßig.
Du zogst mich aus dem Gewölbekeller. Im Büro griff ich reflexhaft nach der Mappe. Ich wollte einen Artikel über das mysteriöse „Inselbüro“ schreiben und in einer Zeitschrift für Mikrohistorik publizieren.
*
Ein Tagpfauenauge flatterte im Farn. Die Luft roch nach Tang, Torf und Erde. Wir schlenderten zur Shell Beach. Der Sand war blütenweiß, durchsetzt mit winzigen Muscheln. Das Wasser war glasklar, türkis in den Buchten, smaragdgrün an den Felsen.
Der Strand gehörte uns allein. Wir umarmten uns im Wasser. Es war zu kalt für mehr im Meer. Du küsstest leidenschaftlich mit bibbernden Lippen, während ich mich haltlos an dich schmiegte. Die der Kälte geschuldete Gänsehaut unterschied sich nicht von einer Gänsehaut des Verlangens. Das bemerkte ich zu meinem Erstaunen. Die Ununterscheidbarkeit einer Lust- von einer Schmerzreaktion - natürlich kommt das aus unserem ursprünglichsten Programm. Wir sind Überlebensmaschinen. In uns überleben Millionen Jahre alte Überlebensroutinen.
Du zogst die Schleife des Bikinioberteils auf. Wir standen nur noch bis zu den Knien im Wasser, die Kälte verlor ihre Macht. Ich fragte mich, ob uns jemand zusah. In meiner Phantasie beobachtete uns Goya. Ich sah ihn als sturmumtosten Rachegott. Er zürnte dir mehr als mir. Tatsächlich zürnte er mir gar nicht. Er empfand nur Liebe für mich, wenn auch mit der Inbrunst einer Abrissbirne. Wir manövrierten in unseren Lustlandschaften und verabredeten in unserer Intimzeichensprache, auf eine jugendliche Art zu kommen. Spiegelneuronale Onanie. Wir griffen uns in die Badehosen. Ich genoss das aristokratische Privileg müheloser Erfüllung. Die Welle rollte schnell an.
„Ich liebe dich so. Ich fühle mich so beschenkt mit dir.“
Das sagtest du. Ich sagte nichts. Wir küssten uns rieben uns, in einer unerwarteten Evokation erinnerte ich, wie ich mich auf diesen Pettingparcours einst vorgetastet hatte.