Konfessionelles Tollhaus
Zwischen den Seiten einer Schwarte lag ein gepresstes Veilchen.
„Wer hat das hier vergessen?“ fragest du.
„Oder dagelassen“, sagte ich.
Wir sahen uns an. Und wussten, dass auch wir etwas zurücklassen würden. Formularende
Wir erwachten an einem märchenhaften Nebelmorgen. Sofort waren wir auf den Beinen und vor der Tür. So erkundungsbegierig waren wir, dass wir sogar unser Liebesspiel verschoben. Obwohl das gegen die Regeln war und uns die Ordnung unserer Liebe heilig war. Es dauerte, bis die ersten Sonnenstrahlen den Tau glitzern ließen. Ich stand barfuß im Gras hinter dem buckligen Cottage, die Kaffeetasse warm in den Händen.
Wir spazierten eine schmale Straße entlang, auf der uns nur Radfahrer begegneten. Überall blühten Stockrosen, in Mauerritzen nistete wilder Fenchel. Ein Schild wies auf das kleine Gefängnis hin: zwei Zellen, kaum größer als ein Gartenschuppen. Das kleinste Gefängnis Europas. Manchmal ließen sich die Leute freiwillig einsperren, um ihre Ruhe zu haben.
Wir kamen zu einer Mühle. Ein Schild erklärte, dass Dúnmara seit der Zeit Elisabeths I. nicht länger dem gälischen Recht der umliegenden Clans unterstanden hatte. In den 1560er Jahren war das Land einem Grandseigneur mit englischen Ambitionen übertragen worden, unter der Auflage, vierzig bewaffnete Männer in Rufweite seiner Residenz anzusiedeln. Sie sollten die gälischen Klans in Schach halten, die Küste sichern und das neue Recht gegen die alten Bräuche durchsetzen.
Elisabeth I. (1533 - 1603) stammte aus einer vom Papst verurteilten Verbindung mit Anne Boleyn, während es eine römisch legitimierte Konkurrentin gab - Maria Stuart. Elisabeth zementierte ihre Macht nicht nur im Ausbau der Anglikanischen Kirche, jenem konfessionellen Tollhaus nach Heinrichs Plaisir. Sie kerkerte auch Verwandte ein.
Vor Elisabeth hatte Mary Grey (1545 - 1578) in der Thronfolge gestanden: als Großnichte des letzten Königs, Enkelin einer französischen Königin und Schwester der englischen Kurzzeitkönigin Jane Grey. Heimlich hatte sie den unpassenden Thomas Keyes geheiratet. Elisabeth fürchtete den Nachwuchs - deshalb ließ sie Mary festsetzen.
Auch für Mary war Macht unabänderlich eine Frage der Herkunft. Die von der Freiheit ab- und von der Natur kleingehaltene Anwärterin verbreitete den Irrsinn ihrer Zeit. Marys Korrespondenz spiegelte das Elisabethanische Gomorra. Wurde man erst einmal im Beat weggeschossener Beine, verdreckter Beischläfer, bekennender Päderasten und anderer Kloaken vom Rhythmus der Pest und Pocken erfasst, dann flutschte die Lektüre wie auf einer Wendelrutsche im Spaßbad. Jede Lady war eine Macbeth, wie sie durch die Tudorrose sprach. Das Zeitalter hielt sich die Nase zu, um nicht von Flöhen zum Niesen gebracht zu werden. Wo Blut floss, und die Ratte sprang, da ging der Unterschied zwischen affektiv und affektiert gegen Null. Man rülpste nach Mahlzeiten, die zu kalt, zu fett, zu opulent oder vergiftet auf die Tische gekommen waren. Man spuckte auf Perserteppiche rotzte in Hermelinkragen. Schlechtes Wetter machte Epoche. 1588 scheiterte Spanien beim Versuch, die Insel einzunehmen. Die Armada unterlag dem englischen Wetter. Das spanische Desaster beförderte England zur Großmacht.