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2026-01-26 11:32:13, Jamal

Ein Punkt im Gelände

Wir spazierten zum Bear Lake. Der Gletschersee lag in einem Tannenrund. Die Sonne war längst hinter dem Horizont verschwunden, aber die Berge leuchteten rosarot. Alpenglühen in den Rocky Mountains. Ich war perplex. Man nannte es sogar so - Alpenglow.

Über uns erhoben sich die Front Range Peaks, darunter der Longs Peak - 4346 Meter hoch, ein Tafelberg mit fast vertikalem Südosthang. Für die Arapaho war er Neníisótoyóú’u, der „Fels, der die Welt trägt“.

Ein Weißkopfseeadler kreiste über uns. In einem natürlichen Amphitheater referierte ich über glaziale Ursprünge … das Pleistozän, Endmoränen, das Andrews Glacier Basin. Du schwiegst andächtig, ein Pilger in der mineralischen Welt, die so viel älter und resilienter ist als alle organischen Verbindungen.  

*

„Wir müssen bald wieder was anschieben“, sagtest du am nächsten Morgen beim Frühstück. Es war zu kühl, um auf der Veranda zu sitzen. Ich hatte das mit einem kleinen Bedauern registriert. Du decktest den Tisch. Auch das war ein Ritual und gehörte zu unserer Liebe. Wenn wir uns morgens geliebt hatten, blieb ich noch einen Augenblick trödelnd zurück, während du dem Tag die offizielle Tür öffnetest.
„Drei Wochen in den Rockies, das ist fein. Aber wir brauchen einen Plan, der uns unterwegs einpolt.“

Ich nickte. Ich war in meinem und in deinem Element.
„Vielleicht endlich den Essayband zur postkolonialen Geografie der Nationalparks?“
„Zu trocken.“
„Oder etwas mit Stimme. Narrative Interviews. Selbstporträts der Landschaft in Menschenform.“
„Das klingt gut.“

Brainstorming - ich liebte es. Wir waren nicht nur ein Paar, wir waren ein Betriebssystem. Und unser System war durchlässig für Lust, Ordnung, Intellekt, Ökonomie.  
„Was wäre dein Ansatz?“

Ich überlegte nicht lange.
„Stimmen und Orte. Menschen, die von Gegenden träumen, in denen sie noch nie waren. Oder die jeden Sommer auf denselben Campingplatz fahren, weil der Vater das schon so gemacht hat. Biografien entlang geografischer Fixpunkte.“

Du lehntest dich zurück. Dein Blick wurde scharf.  

„Wir brauchen eine Klammer. Einen Filter. Sonst zerläuft uns das Projekt.“

Ich nickte. Wenn du mich so ansahst, dachte ich klarer.  

*

Wir waren hier und da akkreditiert und hatten Referenzen genug, um von jetzt auf gleich einen Interviewtermin mit einer Rangerin zu kriegen. Wir trafen Abigail Moss auf der Sheep Lakes Area im Moraine Park Valley an der Ostflanke des Rocky Mountain National Park. Die Gegend war ein Feuchtgebiet, wo im Frühling Elche kalbten und im Spätsommer Wapiti Hirsche röhrten.

Abigail, Anfang vierzig, geschieden, Mutter einer Tochter und Tochter eines Rangers der ersten Generation, war Spezialistin für geologische Bildungsformate, spezialisiert auf Plateaustabilität und periglaziale Zonen. Ich konnte bei ihren Themen mitreden. Du konntest es nicht. Ich trug ein beiges Hemdblusenkleid, das ich mit dem Hintergedanken gekauft hatte, dir einmal wieder im Kleid zu begegnen. Du sahst mich gern in Röcken und Kleidern. Meine Shorts dienten als Ersatz in unserem Spiel, das ohne Anfang und ohne Ende war.
Abigail trug das volle NPS-Set: olivfarbene Hose, graues Hemd, Stetson. Sie sprach leise und artikulierte sich im Duktus einer in jeder Hinsicht Aufsicht führenden Person.

„Ich bin in Estes Park aufgewachsen“, sagte sie, „mein Vater war Geometer. Lange bevor GPS üblich wurde.“
„Wie hat das funktioniert?“
„Mit Geduld.“

Ich fragte nach Kindheitserinnerungen. Abigail zeigte auf einen Grat, den Fern Lake Trail.

„Da oben hat er mir erklärt, wie eine Endmoräne entsteht. Da war ich sieben.“
Sie lachte nicht.

„Seht ihr die abgeflachte Kante? Das war der letzte Gletscherstoß. Bevor ich zehn war, wusste ich das Moraine Park versumpfter Gletscherboden ist. Den Status quo nennt man Übergangsbiotop. Frost-Tau-Zyklen arbeiten an der Oberfläche. Wir stehen auf beweglichem Land.“

„Was bedeutet das für Sie im Alltag?“
Sie betrachtete mich prüfend.
„Dass ich mir nichts auf meine Stabilität einbilde.“

Ich unterdrückte den Wunsch, Abigail zu umarmen.

„Ich glaube nicht, dass der Park mich braucht“, sagte sie wie in einem Selbstgespräch. „Aber ich brauche ihn. Um mich zu verorten. Ich bin keine Erzählerin. Ich empfinde mich als Punkt im Gelände.“

Eine Kollegin von Abigail kreuzte auf. Helen Katchen war dreißig, halb White River Ute, halb Finnin. Sie übertraf Abigail noch an Klarheit, Zurückhaltung und Pragmatismus. Mit ihr hätte man ethnisch-kulturelle Geologie zu einem Lehrfach machen können.

„Ich wuchs zwischen den Bergen und der Prärie auf. Die Ute nennen die höchsten Felsmassive Tavakiev - Sonnenberge. Wir lesen die Jahreszeiten an den Zyklen von Ponderosa-Kiefern und Tannenzapfen. Am Grand Lake errichteten meine Ahnen ihr Lager, weil dort Wasser und Holz zusammentrafen.“  

Helen sprach von den Ute Trails, Pfaden, die seit Jahrhunderten die Rocky Mountains durchkreuzen.

„Meine Arbeit erschöpft sich nicht in Schutzfunktionen. Sie ist Erinnerung und Fortsetzung.“