Die Klippen von Dúnmara
Die Abendsonne überflammte das Hafenbecken und verlieh Booten, Möwen und Pollern Scherenschnittprofile. grün gesäumten Ankerstatuen-Ensemble. Wir betraten Bella’s Place. Tischlichter, Glasreflexe, gedämpfte Stimmen.
Lavendel und Salbei.
Die Kellnerinnen trugen Uniformen, die mehr als bloße Dienstkleidung waren. Die schwarzweißen Kombinationen zitierten den Zofenschick des 19. Jahrhunderts. Der weiße Bubikragen war ein Element zeitgenössischer Finesse. Dazu weiße Haarschleifen - eine visuelle Ordnung, die mehr über das Haus verriet als jede Speisekarte. Sie bewegten sich lautlos zwischen den Tischen.
Die Maîtresse d’hôtel, eine Frau mit glattem grauem Bob, freakigen Muschelohrringen, und einem beigen Blazer von preußischer Strenge, führte uns zu einem Tisch am Panoramafenster.
Das Zurückziehen der Stühle - so statuarisch wie ein Bühnenereignis.
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Dúnmara auf der Beara-Halbinsel in der Provinz Munster an der irischen Westküste Irlands. Der Name der Provinz leitet sich von der keltischen Göttin Muma ab. Das nahezu autofreie Nest war perfekt für uns. Schroffe Klippen, smaragdgrünes Meer, verwunschene Gärten, mittelalterliche Ruinen, regulärer Kutschenverkehr, kaum Lichtverschmutzung, Dark Sky Island, ideal für Sternengucker, witzige Läden auch für erotische Stopover, Heide und Marschland … sich der Welt verheimlichende Buchten. Wir hatten uns in einer windschiefen Pension einquartiert, in einem vermoosten Garten … geblümte Vorhänge, ein durchgesessener Sessel. Die Sprungfedern dehnen gefährlich den Bezug. Auf dem Nachttisch eine hochseetüchtige Petroleumlampe, in der eine Glühbirne leuchtete, daneben eine Porzellantasse mit abgeplatztem Rand als Lavendelvase. Das Nachmittagslicht fiel in schrägen Streifen durch ein womöglich schon im vorletzten Jahrhundert verglastes Fenster. Es roch nach Holz, Salz, Stein und beharrlicher Feuchtigkeit.
Ich stand vor dem halbblinden Spiegel. „Wusstest du, dass Dúnmara bis ins 19. Jahrhundert von einem Seigneur regiert wurden? Einem Feudalherrn wie im Mittelalter?“
Du zogst mich sanft zu dir.
„Es wundert mich nicht. Die Zeit hat hier einen anderen Takt.“ Wir eroberten jeden neuen Ort mit unserem Spiel. Wir weihten ihn ein mit unserer Lust.
Später spazierten wir auf Sandpfaden, vorbei an niedrigen Bruchsteinmauern und wogenden Wildblumen. Möwen kreischten über den Klippen, das Meer rauscht, die Wellen brechen. Sie erreichen einen Grat - einen windumtosten Übergang, links und rechts fiel der Fels dramatisch steil ab. Ich stemmte mich gegen ein Geländer. „Stell dir vor“, sagest du, „früher mussten die Leute hier zu Fuß rüber. Ohne Geländer. Mit Kindern und Eseln.“ Der Wind zerpflückte alle menschlichen Schutzmaßnahmen.
Am Abend im Zimmer stieß ich auf ein Buch von Clarice Lispector, „Aber es wird regnen“, stories, from the Brazilian Portuguese by Luis Ruby, edited by Benjamin Moser, Penguin
Clarice Lispector erzählt von einem schamlosen Bigamisten. Xavier besitzt die Macht, sein Milieu zu beherrschen. Eine überwältigende, manche sagen diabolische Kraft, die den Mann buchstäblich zum Kochen bringt, reicht aus, ihm einen Freibrief gegenüber dem nachbarschaftlichen Moralcode zu verschaffen. Xavier darf tun, wovon andere nur träumen.
Die Unparteilichkeit, mit der Lispector die Sache behandelt, ist sofort faszinierend.
„Jede Nacht war wer anders dran. An manchen Tagen zweimal in der Nacht. Wer übrig blieb, beobachtete. Sie waren nicht eifersüchtig aufeinander.“
Lispector problematisiert das Standardrollenprogramm nicht. Solange Xaviers Erregung an seine Hausfrauen Carmem und Beatriz gebunden bleibt, blickt die narrative Aufsicht anerkennend auf das Geschehen. Das Trio Infernal liebt Opulenz. Sie zelebrieren Opulenz im Bett und am Tisch. Gigantische Mahlzeiten sind ebenso erschöpfend wie der Liebesakt.
Alles ist im Überfluss vorhanden: Sex, Essen… und doch reicht es Xavier nicht, sich zwischen seinen Hausfrauen Carmem und Beatriz zu entscheiden, die ihn lieben und sogar anbeten. Stattdessen nutzt er auch die Gefälligkeit einer Prostituierten, deren heimliche Beteiligung toxische Effekte hat. Das Gift sickert in die Blase des Vertrauens.
Xavier versteht Last Tango in Paris falsch. Ihm entgeht, dass Marlon Brando einen verzweifelten Mann spielt.
Zumindest behauptet Lispector das.
„Er verstand den Film nicht. Er sah ihn als Sexfilm. Ihm kam nicht in den Sinn, dass es die Geschichte eines verzweifelten Mannes war.“
Der Film hat längst seinen kritischen Punkt erreicht. Wenn ich mich recht erinnere, hat Bernardo Bertolucci sich entschuldigt, natürlich viel zu spät. Kein Kritiker wird noch auf das Lob von damals bestehen. Wikipedia bewahrt anachronistische Perspektiven. Dietrich Kuhlbrodt erklärte 1982:
„Was Bertolucci mit Last Tango versucht, ist ein obsessiver Ansatz für ein Publikum, das Hollywood-Filme gewohnt ist und auch einen Hollywood-Star sehen darf… Der Film ist so direkt wie die Ansprache von Francis Bacons Bildern.“
Der Spiegel sprach bereits 2016 von „später Empörung“. Der Artikel referiert die Butter-Szene, bei der es um die unkoordinierte Simulation von Analverkehr geht. Das Magazin zitiert den Regisseur, der 2013 sagte:
„Ich hatte die Idee mit Marlon, am Morgen vor den Dreharbeiten. Aber auf eine Weise habe ich mich sehr schlecht gegenüber Maria verhalten, weil ich ihr nicht sagte, was passieren würde. Ich wollte ihre Reaktion als Mädchen, nicht als Schauspielerin.“
„An alle, die diesen Film lieben“, twitterte … Schauspielerin Jessica Chastain, „ihr seht, wie eine 19-Jährige von einem 48-jährigen Mann vergewaltigt wird. Der Regisseur plante diesen Übergriff. Mir ist übel.“
Lispector übergeht das alles. Ihr Xavier wirkt wie ein „wilder, heißblütiger Stier“. Seine Frauen machen einander zu Zeuginnen einer Liebe ohne Eifersucht. Die Autorin unterstreicht ihren Großmut.
Das Paar im Trio spürt, dass ihre Intimität gestört wird. Die Frauen bilden ein erotisches Team, das seinen Spaß auch ohne Xavier hat. Sie ergänzen einander nach den Statuten eines feministischen Harems. Sie kochen füreinander und gehen mit sexuellen Absichten ins Bett – den Pasha ausgeschlossen.
Carmem „bereitet das Frühstück zu… mit Löffeln dicker Sahne, und bringt es Beatriz und Xavier ans Bett“. Dann gesellt sie sich zu den Verwöhnten, und die drei bleiben bis drei Uhr nachmittags zusammen im Bett. Beatriz bereitet ein spätes Mittagessen zu, wie immer im Rahmen einer effektiven Liebespartnerschaft. Zwei Hühner, gefüllt mit Maniokmehl, Rosinen und Mandeln, kommen auf den Tisch, „alles saftig und lecker“. Die Frauen teilen sich ein Huhn. Mehr muss man nicht wissen. Carmem und Beatriz wollen, dass Xavier ein dummer, großartiger Hahn auf dem Hof ihrer Bedürfnisse ist.
Ficken, essen, beten… Um den Abend angemessen zu beenden, gehen die drei in eine Kirche. Lispector vergleicht den familiären Moment mit Ravels Boléro.
Xavier schuftet sich zu Tode, um das Geschäft am Laufen zu halten. Seine Frauen kaufen „Nachthemden, die voller Sex sind“.