Kosmische Verwerfungen
Wir nahmen Abschied vom Grand Canyon, überwältigt von den vorzeitlichen Emanationen tektonischer Spannungen, kosmischer Verwerfungen und (wie unter Glassturz gebannter) Kollisionen titanischer Kräfte als Kolossalverweise auf ein planetares Gedächtnis.
„Die Falte der Welt“, nanntest du die Superschlucht.
Wir entschieden uns für eine magische Abkürzung. Unser erstes Ziel war Estes Park, das Tor zum Rocky Mountain National Park. So steht es geschrieben in jedem Reiseführer. Schon im 19. Jahrhundert war dieser Ort ein Refugium für europäische Intellektuelle und Künstler gewesen. John Muir prägte das Wort von einer „Kathedrale der Erde“.
Geologisch waren der Grand Canyon und die Rocky Mountains Aspekte desselben tektonischen Dramas - Formationen, aufgeworfen, gefaltet, geformt von Eruption und Erosion. Beide Regionen lieferten Verehrungskulten Schauplätze. Atmosphärisch bot uns der Wechsel von der glutheißen Schlucht in die Höhenluft der Rockies eine fast alchemische Transmutation: Feuer zu Luft, Sandstein zu Granit.
Estes Park war ein rustikal-idyllisches Kleinod. Auf 2.300 Metern Höhe, befriedet von wuchtigen Gebirgsausläufern, wirkte das Städtchen wie eine Handvoll Licht in einer Steinschale. Ursprünglich war es die Sommerfrische der Ute - ein heiliger Ort, an den sich die First Nations zurückzogen, wenn der Schnee aus den hohen Lagen wich. Hier sammelten sie Heilkräuter, jagten, lagerten in Zelten und überlieferten Wissen, das nicht gegoogelt werden kann.
Ständig stolperten wir durch heilige Räume. Sie trugen Geschichten in sich, die älter als jedes Narrativ der Moderne waren. Ich hatte begriffen, dass unsere Abstraktions- und Repräsentationskategorien, die alles in Symbole und Zeichen übersetzten, archaische Kulturen verfehlten. Es ging nicht um Symbole, sondern um Überlebenssubstanz. Die steinzeitliche Komplexität der Kosmologien autochthoner Völker faszinierte mich inzwischen stärker als alle pixelgenauen Weltdeutungsmodelle. Du warst mein Seelenführer und Schamane. Ich war Wachs in deinen Händen. Inbrünstig war mein Bestreben, dich glücklich zu machen. Nie gabst du mir einen Grund, an dir zu zweifeln. Ich existierte in der Gravitation deiner Liebe.
Nie misslangen deine erotischen Missionen. Stets war ich bereits in meinen äußersten Zuständen, wenn du mich wieder über eine Schwelle führtest und sich meine Lust diversifizierte.
Mit dir erlebte ich Lust nicht als Wiederholung, sondern als Transformation. Sogar in Ekstase nahm ich deine Präzision wahr.
Du warst mein Gegenentwurf zur Unklarheit der Welt. Meine Lust war auch ein Resonanzraum deiner Ideen. Du wurdest nie mechanisch. Nie gabst du dich für ein Abspulen bewährter Handgriffe her. Nie beschränktest du dich auf ein schlichtes Reiz-Reaktions-Schema. Du lasest mich. Wie ein Manuskript, dass du bereits kanntest.
„Wenigstens glaubst du jetzt nicht mehr, alles über deine Lust zu wissen. Wie könntest du auch, bei der allgemeinen männlichen, gewissermaßen amtlichen Selbstsucht, die sich seit jeher auf dich auswirkt.“
Natürlich galt das auch für dich. Das Patriarchat hatte dich genauso abgerichtet.
Sonne, Harz und Höhe. Die Luft vibrierte. Unser Ferienblockhaus lag jenseits der städtischen Peripherie, in einer Senke zwischen Bergahorn und bizarr verknorzten Kiefern. Im Unterholz brillierten Beifuß, Salbei und Lavendel. Der Weg zum Haus schien sich als Wildwechsel in die Landschaft eingetragen zu haben. In der Ferne schimmerte der Thompson River wie flüssiges Glas.
Vor dem Küchenfenster standen Gambel-Eichen, Espen und Felsenbirnen. Es roch würzig nach Holzrauch. Der Kamin war schon angeheizt worden.
Der Flecken trug den poetischen Namen Himmelslichtung. Die Himmelslichtung war ein Murmeltierparadies.