Die Große Diskordanz
Es war ein Abstieg: geologisch, symbolisch, psychologisch. Je tiefer wir stiegen, desto weiter entfernten wir uns vom Lärm der Besucherterrassen, von Kameraklicks und touristischen Kakophonien. Der Abstand zwischen den Wänden schrumpfte. Der Supai-Sandstein brannte in der Sonne, darüber brieten die hellen Schichten der Kaibab-Formation.
„Schau“, sagtest du, auf einen grandios verwitterten Schichtwechsel zeigend, „diese Linie ist der Great Unconformity. 1,2 Milliarden Jahre fehlen hier. Niemand weiß, wo sie geblieben sind.“
Fehlende Zeit. Verschwundene Welten. Tiefer als das Sagbare.
Das klang in mir nach.
*
Unten war alles anders. Die Farben glühten weniger dramatisch. Das Licht war klarer. Der Fluss - jadegrün, träge und mächtig - beanspruchte das Hausrecht im Tal.
„Stell dir vor“, sagtest du, „das Wasser stammt aus den Rocky Mountains. Es hat über tausend Kilometer hinter sich. Und trägt in jedem Moment eben auch geologische Informationen weiter.“
„Kein Wunder, dass in jeder archaischen Auffassung der Welt Flüsse sprechende Wesen sind.“
Die Erde atmete schwer wie ein erschöpftes Tier.
Colorado River - Auf dem Raft
Du saßest hinter mir. Ich spürte dich, deine Sorgfalt in allen Dingen, deine Präsenz und deine Liebe, während mich das allgemeine Geschehen mitriss. Das war eine feine Konstellation. Sie passte zu unserem Liebesleben. Wir entließen uns nie ganz aus jenem Raum, den die Sinnlichkeit schuf. Der körperliche Kontaktfaden riss selten, die libidinöse Verbindung brach nie ab.
Unser Raft war ein fünf Meter langes, vorn und hinten aufgebogenes Luftschiff aus Hypalon. Hypalon, das ist Resilienz als Kunststoff. Die Fahrzeugform erinnerte an ägyptische Schilfboote, ich dachte an die ‚Solarbark‘ des Sonnengottes Ra. In der ägyptischen Mythologie dient das Gefährt der Reise zwischen Welten im Spektrum zwischen Leben und Tod, aber eben auch allen möglichen Bewusstseinsebenen. Auch wir waren unterwegs, Passagiere der Zeit, getrieben vom Wandlungshunger.
Das Boot nahm die Stromschnellen wie ein sprungstarkes Tier, das seinem Instinkt gehorcht. Wir waren zu siebt in einer auf drei Boote verteilten, achtzehnköpfigen Gruppe.
Neben mir saß Carolin, eine Literaturprofessorin aus Vermont, die redete, wenn sie nervös war. Neben dir saß Anthony, ein pensionierter Chirurg, dessen Tochter beim Rafting im Grand Canyon ums Leben gekommen war. Seelisch saß er auf dem Trocknen. Nichts konnte ihn trösten. Casey, unsere Führerin, stand am Heck. Ich erkannte in ihr eine moderne Fährfrau. Sie war sehnig und schroff. Ihre Erscheinung spiegelte die Landschaft des Canyons. Sie verkörperte den US-Südwesten in der Iron-Woman-Version. Ihr langes, sonnenblondes Haar trug sie in einem Zopf unter dem weitkrempigen Stetson. Sie unterbreitete keine Vorschläge, sondern gab Anweisungen so selbstverständlich als hätte sie schon im Kindergarten mit dem Kommandieren angefangen.
Als sie uns erklärte, wie wir uns bei im Ernstfall zu verhalten hätten, sagte sie:
„Wenn ihr im Wasser landet, schreit nicht rum. Atmet. Der Fluss will euch eh nicht.“
Du hörtest ihr gern zu. Manchmal stelltest du eine Frage. Nie, weil du die Antwort brauchtest. Sondern weil du Caseys Stimme hören wolltest. Du testetest die Resonanz. Deine Lust an der Welt gab dir das ein.
Ich sah, wie sie dich wahrnahm. Nicht allein mit den Augen einer Frau, die sich nimmt, was sie will, sondern mehr noch mit dem Instinkt einer Überlebensexpertin, die auf dein archaisches Potential reagierte.
Ich war nicht eifersüchtig. Im Gegenteil. Etwas in mir wurde still. Wach. Bereit. Ich fügte mich ein und folgten den Stimmen der Liebe und der Bewunderung.
Ich wusste, auch wenn Casey die Route bestimmte, war ich deine Navigatorin. Dein inneres Gleichgewicht hing nicht von der Strömung ab, sondern von meiner Stimme und meinem Blick.
Später, als wir an einem Seitenarm anlegten, die Boote vertäuten, und Casey uns wie eine Schulklasse von Deck scheuchte, zog ich dich aus dem Trubel und küsste dich leidenschaftlich. Deine Erwiderung ließ keine Frage offen.