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2026-01-26 09:17:03, Jamal

Frühstück im El Tovar Dining Room

Der Saal war holzgetäfelt, feierlich und alt. Die Kellner trugen schwarze Westen, die Tische waren gediegen mit Leinenservietten und silbernen Kannen eingedeckt. Über der Panoramascheibe hing ein gemalter Zierfries: Kondore, Kiefern, Gesteinsschichten. Der Grand Canyon leuchtete in Farben zwischen Rosenquarz und Blutstein.

Du ließest mir den Vortritt, deine Hand auf meinem Rücken erinnerte mich an einen glutvollen Augenblick vor kaum einer halben Stunde. Es war, als würde ich auf einer inneren Linie balancieren, gezogen von unserer Liebe.

Wir waren die einzigen leger gekleideten Gäste. Ich bestellte für uns beide, wie wir es auf dem Zimmer verabredet hatten.

„Zwei Eggs Benedict. Medium. Frischer Grapefruitsaft. Und Earl Grey mit Bergamotte-Aroma.“

Der rote Atem des Canyons

Der Himmel changierte zwischen Rosa und Violett. Nie zuvor waren mir atmosphärische Erscheinungen so surreal erschienen. Die Szene streifte das Übernatürliche in einer Hypertrophie des Natürlichen. Man neigte angesichts der Kolossalauffaltungen im Grand Canyon zu Begriffen wie Verwerfungen, jemand hatte gestern Abend im Kaminzimmer der Lodge gesagt, in diesen Schluchten habe ein Bombenkrieg der Erdgeschichte stattgefunden. Doch all das verfehlte den Eindruck von endgültiger Harmonie, der sich in mir so stark verdichtete, dass kein Wort passend war. Ich griff ständig nach dir und du griffst ständig nach mir. Es roch himmlisch nach Wacholder und Staub. Wir folgten dem South Kaibab Trail. Ich darf auch einmal phantasieren. Ich hatte nur Wandersachen dabei, kaum mehr, als ich am Leib trug. Aber vielleicht gefällt dir, mein Liebster, diese kleine Abschweifung.

Später gingen wir spazieren. Du hattest mich gebeten, einen Rock zu tragen und nichts darunter. Ich spürte jeden Luftzug zwischen meinen Beinen wie einen heimlichen Kuss deiner Aufmerksamkeit.

Wir gingen Seite an Seite. Vertieft waren wir in einen Vergleich zwischen den australischen Outback-Sensationen und der Katharsis-Kulisse des Grand Canyon. Du streiftest mich, eine zarte Berührung zwischen den Schulterblättern. Ich verstand dich so deutlich, als hättest du es gesagt. Ich beugte mich vor und hob den Rock für dich, Liebster. Du öffnetest meine Mitte im zärtlichen Drang. Ich stöhnte unwillkürlich auf und empfing deine Stöße mit einer Lustfreude, wie ich sie noch nicht empfunden hatte. Ich bat dich, in mir zu kommen.

„Liebster, bitte, komm für mich“, hauchte ich.

Doch du wolltest mich weiter erkennen und das gefiel mir sehr. Wir liebten uns am Rand eines Abgrunds. Der Grand Canyon, bis zu 1.800 Meter tief und über 400 Kilometer lang, dokumentiert Schicht um Schicht zwei Milliarden Jahre Erdzeit. Gneise aus dem Präkambrium, Sandsteine aus dem Paläozoikum, Sedimente von längst verschwundenen Meeren - eine Chronik des Planeten, mächtigen Druckprodukten eingeschrieben. Die Steilwände flammten in Ocker, Zinnober, Violett. Der Colorado River wand sich tief unter uns. Keine Skyline, kein Monument von Menschenhand kam dem Panorama gleich. Ob du es glaubst oder nicht, ich empfand Ehrfurcht, während du in der einmaligen Lage warst, auch noch meinen Hintern bewundern zu dürfen.

Der Canyon leuchtete in mattem Gold. Nie zuvor hatte ich Farbe so körperlich erlebt. An einem Aussichtspunkt begegneten wir einer Wandergruppe. Sie setzte sich zusammen aus einem Anthropologen aus Berkeley, einer estnischen Lyrikerin und zwei französischen Ethnologen. Ihr Gespräch drehte sich um Narrative der Erinnerung, um indigenes Wissen und Kolonialismen des Blicks.
Du stelltest eine Frage zu Hopi-Kosmologie. Die Dichterin antwortete kundig. Ich sah, wie stark dich die Qualität ihrer Einlassung bewegte. Ich schwang mich ein, getrieben von dem Wunsch, deine Aufmerksamkeit zurückzugewinnen. Ich zitierte ein Yolngu-Wort, das sowohl ‚Land‘ als auch ‚Körper‘ bedeutet.

„Das Subjekt löst sich nicht auf“, sagte ich. „Es wird durchlässig.“

Ich erntete allgemeine Zustimmung. Mich interessierte nur deine Reaktion. Mein Unterarm berührte deine Hand. Es hätte Zufall sein können. Ein winziger Druck: Lass uns unter vier Augen weitersprechen. Deine Reaktion sagte unmissverständlich: Gleich, meine Süße. Ich kann sowieso nur an dich denken.  

Ich war so glücklich. Niemand aus der Gruppe bemerkte, wie festlich mir zumute war. Zu unserem Liebesleben gehörte ein Potpourri poetischer Bitten und symbolischer Handlungen. So fleißig wie abergläubisch verlängerten wir die Listen.

Ich träumte heftig in den Nächten im Grand Canyon. Regelrechte Traumturbulenzen suchten mich im Schlaf heim. Manches nahm ich mit in den Tag. Manches folgte mir wie ein Nebelschleppe. Ich erlebte eine Archaisierung meiner Innenwelt.

Ich sah mein Unbewusstes in einem kosmischen Spalt verschwinden. Aber was war mein Unbewusstes und was war ein kosmischer Spalt? Vielleicht war da einfach zu viel Poesie.      

Wir saßen auf der Terrasse der Desert View Watchtower. Unter uns atmete der Grand Canyon in den Farben von verbranntem Ocker, Lapislazuli und Kalzit. Die Colorado River-Schleife glänzte, eine Bewegung im Stein. Die Sonne flirrte über der Felswand.

Ein Navajo referierte über die Mythen seines Volkes.  

„Die Schlange, die unter dem Canyon lebt, war nie unser Feind. Sie war Hüterin der Grenze zwischen den Welten. Manche glaubten, sie verspeise die Unachtsamen. Aber ich glaube, dass sie sie nur zurückruft in die Tiefe.“

Ich spürte, wie mein Körper aufhorchte. Ich wollte sprechen, und du spürtest es. Deine Ermutigung löste eine Sperre.

„In vielen Kulturen ist die Schlange eine Schwellengestalt. Sie häutet sich, sie stirbt nicht. Sie ist nicht das Böse, sondern das Notwendige. Der Mythos verdirbt nicht. Die Kolonisten verteufelten solche Wesen, um ihre Ordnung zu stützen.“

Der Autochthone sah mich verdutzt an. Offenbar hatte er nicht mit Unterstützung gerechnet.