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2026-01-26 08:46:03, Jamal

Granitgraues Bruchbudenensemble

Anmerkung des Herausgebers – Und wieder ist Nana von Reichenau unterwegs. Und wieder reist sie mit einem Mann, der in dieser Geschichte keinen Namen hat und selbstverständlich mit keinem der vorangegangenen Reisegefährten identisch ist. Nana ist nicht mehr so frei wie bei früheren Abenteuern. Es könnte ein Fehler gewesen sein, Professor Goya, dem akademischen Liebesmarkt überlassen, und sich wieder einmal mit einem halbwegs Fremden aufs Äußerste verständigt zu haben. Aber Nana ist sich selbst gegenüber hilflos, sobald sie das Reisefieber packt, und der amtierende Liebhaber scheint seinen Aufgaben auch gewachsen zu sein.

Seit zwei Tagen Regen und Nebel. Das Meer beginnt - kaum sichtbar - auf der anderen Straßenseite. Windverweht, sturmgepeitscht, wettergegerbt, die Stadt, im Reiseführer annonciert als nordatlantische Küstenperle, ist in Wahrheit ein granitgraues Bruchbudenensemble.

Eine Schrift in vergoldeten Lettern verheißt Thistle & Fox – Rare Books and Curiosities. In der Auslage liegt eine Karte von Atlantis, eine aufgeschlagene und zerlesene Ausgabe des Grafen von Monte Christo und ein silberner Kompass, der in alle Richtungen zittert.

„Lass uns da reingehen“, sagte ich. Ich hatte die Nase voll vom Mistwetter. Du streiftest mir das Wasser aus dem Haar, mit zärtlicher Sorgfalt. Dann folgtest du mir über die Schwelle, die vermutlich zuerst in einem Schiffskörper verbaut worden war. In der Bücherstube war es warm. Es roch nach Staub, Schimmel, altem Papier, Leder, Tee, kaltem Kaminstein, einer Spur Vanille und einem Schock schwerer zu bestimmender Noten. Wie roch Erinnerung auf Irisch? Der Staub im Raum stammte aus dem letzten Jahrtausend.  Hinter einem überladenen Tisch saß ein Mann mit schlohweißem Haar. Er nickte kaum. Ich inspizierte schmale Gänge. Meine Finger glitten über Buchrücken: Witchcraft in the NorthThe Celestial AtlasMacbeth – annotated. Du bliebst mir auf den Fersen. In einem düsteren Winkel - hinter einer Reihe viktorianischer Herbariums-Folianten – blieb ich stehen. Der Regen klopfte gegen eine Butzenscheibe, die kaum Licht durchließ.

Ich spürte dich hinter mir und lehnte mich gegen dich. Du beugtest dich vor, dein Atem streifte meinen Nacken. Kein Wort fiel, aber alles geschah in einem Einvernehmen, das älter war als die Sprache. Zwischen den Regalreihen voller vergriffener Ausgaben und abgegriffener Seekarten entstand eine Hitze, die nichts mit der Gasheizung an der Wand zu tun hatte. Deine Hände glitten unter meinen regenschweren Anorak, sie fanden zärtlich Halt auf meinen Hüften. Ich überließ mich dir in minimalen Anpassungen an deine Berührungen. Es war ein stiller Energietanz, mit dem wir beide uns gut auskannten. Draußen prasselte der Regen wie ein Applaus der Elemente. Ein Buch fiel zu Boden. Ich registrierte ein eingeprägtes Distelmotiv auf dem olivgrünen Einband.