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2026-01-26 08:42:36, Jamal

Zwischen Erkenntnis und Hingabe

Und als der Nachhall meiner Lust sich in der Weite verlor, war da dein und mein Atem. Eingetaktet in den Atem der Natur. Du lagst halb auf mir und spieltest mit meinen Spitzen wie ein verträumter Gott. Darf ich das sagen? Ich betete dich an, wenn auch auf einem Hochsitz eigener Göttlichkeit. 

Ein Falke zog über uns Kreise.

Erosion als Form der Wahrheit - Wir übernachtete in der El Tovar Lodge, einem 1905 im National Park Rustic-Stil erbauten Hotel. Die Manier entsprach einer Mischung aus Schweizer Chalet, norwegischer Jagdhütte und viktorianischem Hotel. Dunkles Holz, schwere Balken, Ledermöbel, Tierpräparate, handgemachte Kronleuchter. Theodore Roosevelt, Albert Einstein, und Oprah Winfrey hatten hier übernachtet.

Ein Gewitter zog über das Plateau. Die Luft war voller Wacholderaromen. Das Hotel lag zweitausend Meter über dem Meeresspiegel und bot dramatische Ansichten und Ausblicke.

Wir versanken in Fauteuils, in denen schon amerikanische Regierungskrisen besprochen worden waren. Die El Tovar Lodge hatte einen Salon mit Kamin, massiven Möbeln und kolonialen Navajo-Decken-Dekor. Tadellos gekleidete Ehepaare erfüllten sich in diesem Raum einen Lebenstraum. Ein Grandseigneur blätterte zerstreut in einer National Geographic. Zweifellos beschäftigte ihn das jüngste Paar vor Ort. Er verschattete sein Interesse. Ich prüfte die zusätzliche Aufmerksamkeit. Sie bot einen Nebenreiz, auf den ich leicht verzichten konnte. Manchmal berührtest du mich liebevoll.

Erotische Zeichensetzung/Zärtliche Heimsuchung - Shaman’s Gallery  

Ein Weg abseits der Routen. Keine Informationstafel, kein Souvenirshop, kein Asphalt. Nur ockerrote Erde, blauer Himmel und vorzeitliche Stille.

Die Vermilion Cliffs fügen sich ins Colorado Plateau. Sie erstrecken sich südlich des Paria River, zwischen dem Marble Canyon im Osten und dem Kaibab Plateau im Westen. Die rotleuchtenden Sandsteinreliefs sind Ablagerungen eines urzeitlichen Dünenmeeres. Für indigene Völker zählen die Klippen zu den heiligen Orte. Sie sind Portale zu Räumen, in denen die Welt durchlässig wird für Kräfte, die außerhalb des Sichtbaren liegen.

Nach Tagen im Grand Canyon gingen mir die Sprachbilder aus. Alles war wenigstens grandios. Die Schöpfungsidee in Stein - der erdgeschichtliche Auftakt im Querschnitt - die Gewöhnung an das Sakrale setzte ein.

Der Grand Canyon war eine kosmische Narbe. Die Zeit konnte sie nicht schließen. Ich fühlte mich den Phänomenen in diesem Epochenlabyrinth verwandter als meinen Herkunftsverhältnissen. Ich erforschte dich, bewegt von der Frage, ob unsere gemeinsame Initiation der Ausgangspunkt einer harmonischen Ehe sein könnte. Ich tastete mich vor, so weit zufrieden mit deiner Brautwerbung. Du gabst mir keinen Grund, fürchten zu müssen, für dich nicht die Schönste und Klügste auf Erden zu sein. Du trugst mich auf deinen Gedankenhänden. Mein Glück lag dir am Herzen. Meine Lust war dein Pläsier. 

Ich empfing dich mit all meinen Sinnen. Jedes Zeichen war bedeutsam.  

Ich liebte unsere erotische Zeichensetzung. Sie war so sublim, dass sie sogar mein Zahnfleisch entflammte.

Wind in Wacholderbüschen. Ich trug das schwarze Tuch am rechten Handgelenk. Seit Tagen hattest du es nicht mehr ins Spiel gebracht. Jetzt tat ich es. Du konntest nicht wissen, was es bedeutete. Schließlich wusste ich es selbst nicht.

Du hattest mich auf die Spur von Kodes und Fetischen geführt und mir eine Kultur intimer Verabredungen erschlossen. Erst jetzt bemerkte ich, dass du deine Schlangenlederstiefel mit den bramarbasierenden Texasemblemen trugst. Die Stiefel widersprachen deinem Stil. So präsentierten sich US-amerikanische Bohrinselingenieure, aus der Arbeiterklasse aufgestiegene Pfauenmännchen, die ihren Pariagelüste an jenem all-inclusive-Daseinsbuffet nachgaben, das ihre Vorfahren verfehlt hatten.

War es eine Frage, eine Antwort, ein Statement, ein Hinweis? Träumtest du von einem Arrangement unter der sengenden Sonne, bei dem die Stiefel zur Inszenierung gehörten?

Dann standen wir vor Shaman’s Gallery.

Die Shaman’s Gallery ist eine Wand im Tuckup Canyon, einem abgelegenen Seitencanyon des Grand Canyon. Dort findest du prähistorische Piktogramme, die vermutlich vor dreitausend Jahren von Schamanen geschaffen wurden. Die Bilder zeigen extravagante Kopffüßler und Steinzeit-ETs. Sie bilden einen Prospekt zwischen mythisch und mystisch.