Archaische Zeitlinie /Transkontinentaler Walkabout
Die spanischen ‚Eroberer‘ nannten ihn Gran Cañón. Sie verstanden nichts. Ihre Nachfolger übertrafen sie vielleicht noch auf den Feldern der Ignoranz und der Menschenverachtung. Die angelsächsischen Landvermessungen, Enteignungen und Staudamm-Hybris zerschnitten nicht nur die Landschaft, sondern auch die Zeitlinien der autochthonen Völker. Der Fluss, einst wild und unreguliert, wurde gezähmt, korrigiert, eingesperrt - und mit ihm die Erinnerungsräume der Havasupai, Hopi, Hualapai, Navajo und Zuni.
Wir liebten uns auf der warmen Erde, geformt von tektonischer Spannung und von Erosion. So reihten wir uns ein in eine Gemeinschaft der Gläubigen, für die hier alles sakral war.
Das Dämmerungsblau verschleierte rotglühende Klippen. Die Schatten von Raben zogen kreisend ihre Muster über unseren Lagerplatz. Auch das war ein Zeichensystem.
Die Luft flimmerte von der Tageshitze, doch im Tal regte sich die Kühle der Nacht. Wind fuhr in deinen Schopf, als hätte der Canyon selbst ihn berührt.
„Die Zeit“, sagtest du. „ist keine Linie. Sie ist sedimentär. Sie rieselt.“
Alles war Gnade und Glück. Ich liebte das Gefühl, dem Ursprünglichen anzugehören.
„Hörst du das?“, flüstertest du.
„Sipapu.“
Das Hopi-Wort für jene Öffnung, die in ihren Kivas eingelassen ist. Zugang zur Unterwelt. Ausgang der Menschheit.
Die Hopi glauben, dass wir aus der Unterwelt kommen. Aus einer älteren Seins-Schicht und aus einer gescheiterten Ordnung. Der Grand Canyon ist die Sipapu der Menschheit. Nicht im Geist monumentaler Metaphorik. Da, wo der Colorado sich mit der jungen Erde vermählt, liegt die Bruchstelle.
Ich wollte dich schon wieder in mir spüren. Du warst mein Schamane, auch wenn ich nicht den Mut fand, dir das Lied meiner heimlichsten Erwartungen vorzusingen. Die Havasupai erzählen von einem Volk, das einst in Harmonie mit dem blauen Wasser lebte. Der Fluss war ein Wesen. Eine göttliche Präsenz. In dieser Kosmologie entstand die Welt in einer Vereinigung von Wasser, Wind und Stein. Der Mensch gesellte sich als Geist dazu. So ergab sich eine Dualität von Natur und Geist. Wer diesen Pakt ehrte, vernahm die Sprache der Steine.
Ich hörte sie flüstern. Vishnu-Schiefer, Zoroaster-Granit, Tapeats-Sandstein, Bright-Angel-Schiefer: jede Schicht war ein Zeitalter. Ein Weltalter. Ein abgebrochener Versuch. Eine aufgegebene Ordnung. Unsere Berührungen erinnerten in diesem Augenblick an eine Zeit, bevor alles voneinander geschieden wurde - die Körper von der Erde, das Wasser vom Geist, der Mensch von seinen Ahnen.
„Wenn wir lieben, ohne Anspruch, wenn wir hören, ohne zu nehmen, öffnet sich die Sipapu in uns“, sagtest du.
So wurde unser Körpergespräch zum Ritual … zur Erweiterung des transkontinentalen Walkabout. Du warst nicht zufällig in meinem Leben. Wir waren Aufgaben füreinander. Ich bat dich, dich meiner Mitte liebevoll zu widmen. Ich dachte an die Hopi-Kiva, unterirdisch, kreisrund, mit einem Dach aus Himmelslicht. Vielleicht war dies unser Kiva. Plötzlich wusste ich es. Du warst meine Sipapu, meine Prüfung, mein Über- und Zugang zur nächsten Welt. Ich kam mit einem kosmischen Dank auf den Lippen. Du zogst mich auf dich und streicheltest meine Brüste. Obwohl du in mir warst, fühlte ich mich in dir verankert. Ich spürte deinen genitalen Puls und identifizierte ihn als göttlichen Atem.
Wir empfingen uns. Als wir später schweigend nebeneinander lagen, fühlte ich mich zum ersten Mal in meinem Leben richtig erzählt.
Vom Walkabout zum Hopi-Dance
Schliefst du? Dein Atem ging gleichmäßig, deine Hand hielt meine sehr fest. Ich schloss die Augen. Und dann sah ich ihn. Einen Greis, gehüllt in ein Gewand aus Borke und Leder, das Silberhaar geflochten und mit Weißkopfadlerfedern geschmückt. Gestützt auf einen Stock, stand er auf einem Felsvorsprung über dem Abgrund. Ich erkannte in ihm einen Hopi-Seelenführer, obwohl ich nie zuvor einen Weisen der First Nation gesehen hatte.
Die Hopi leben im Land der Tafelberge. Sie sind das friedliche Volk. Seit Jahrhunderten trotzen sie Wind, Dürre und Wandel - nicht mit Waffen, sondern mit Geduld, Weisheit und tief verwurzelte Spiritualität. Ihre Geschichte wurde nicht geprägt von Eroberungen, sondern vom Bewahren des Gleichgewichts, des Wissens und der Beziehung zwischen Menschheit und Geisterwelt.
Die Hopi kennen keine Trophäen, wie sie in kriegerischen Kulturen gesammelt werden. Ihre Ehrenzeichen sind nicht Beutestücke, sondern Botschafterinnen der geistigen Welt: geschnitzte Katsina-Puppen, bemalt in symbolistisch aufgeladenen Farben, weitergereicht von Generation zu Generation als Lehrmittel, als Segen, als Verbindungsgüter. In zeremoniellen Tänzen erwachen die Katsinam zum Leben.
Statt Helme oder Schwerter tragen die Hopi Masken aus bemaltem Holz, Federschmuck und Rindenbast, die jedem Tänzer nicht nur eine Rolle, sondern eine Verantwortung übertragen. Diese rituellen Gewänder werden in Ehren gehalten, nicht als Trophäen der Macht, sondern als Zeichen vitaler Verbundenheit.
Ihre Architektur spiegelt ihr Weltbild. Die Kivas sind Speicher und Bühne spiritueller Siege. Stets dreht sich das sakrale Geschehen um Erkenntnis, Beharrlichkeit und Gemeinschaft.
„Du bist am Rand der vierten Welt,“ verkündete der Schamane. „Dies ist nicht Traum. Dies ist Erinnerung.“
Er führte mich in einen Kreis mit spiralförmigen Mustern, eingezeichnet im Sand.
„Die Welten wechseln, wenn der Mensch das rechte Maß verliert.“
Er berührte mit seinem Stock den Mittelpunkt der Spirale.
„Du bist gekommen, um dich zu erinnern. Du bist willkommen.“
Hinter ihm erschien ein Hirsch mit sieben Geweihspitzen, gefolgt von einer Schlange mit kupfernen Augen. Ein Kolibri gesellte sich dazu.
„Diese sind deine Zeugen.“
Der alte Mann deutete auf mein Herz.
„Du hast vergessen, was du wusstest, bevor du sprechen konntest. Der Canyon aber erinnert dich an deinen Weg durch die Welten.“
Ich wollte fragen, ob das eine Prüfung sei, aber der Alte schüttelte den Kopf, bevor ich sprechen konnte. Und dann lag ich wieder in deinem Arm unter den Sternen. Im ersten Licht des Morgens erschien ein Hopi mit seinem Maultier. Er sagte:
„Der Ort hat euch wiedererkannt.“
Aus einem Beutel zog er ein Bündel, eingewickelt in Rinde, gebunden mit Gras. Er legte es vor uns ab.
„Für den Rückweg. Ihr werdet es brauchen.“