MenuMENU

zurück

2026-01-26 07:30:19, Jamal

Lebendige Kosmologie

Meine Phantasie jazzte den Schauplatz unserer Liebe zu einem Thingplatz der First Nation hoch. Später wurde meine Imagination von der Realität eingeholt. Der Pfad, kaum mehr als eine staubige Erinnerung in der Landschaft, führte uns zwischen bizarr schroffen Felswänden hindurch. Endlich öffnete sich die Enge. Wir erreichten eine ovale Ebene, gesäumt von Wacholder, Eiben und Basalt.
Die Luft schien eine höhere Dichte zu haben.  

Es war ein heiliger Ort der Ancestral Puebloans. Über Generationen hinweg waren hier Ratssitzungen abgehalten und die Verbindung zu den Geistern aufrechterhalten worden.  

Petroglyphen bezeugten den Fleiß, mit dem das kulturelle Pedal getreten worden war. Spiralen, Tierspuren, Sonnenräder. Geschichten, erzählt mit Werkzeugen aus Obsidian. Ein Gedächtnis, älter als jede Sprache, die heute noch gesprochen wird. Hier war Kunst kein Ausdruck von Individualität, sondern Gottes- und Gemeinschaftsdienst. Jeder Strich ein Gebet, jedes Symbol ein Anker in der kosmischen Ordnung.

Wir befanden uns auf dem Kaibab-Plateau. Permischer Kalkstein, vor 270 Millionen Jahren in einem flachen Meer abgelagert. Millionen Jahre Verdichtung, Verschiebung, tektonische Hebung lagen unter unseren Füßen. Das Sichtbare verblendete den 1,7 Milliarden Jahre alten Vishnu-Schiefer. 

Die Altersangabe lag jenseits meiner Vorstellung. Was wir sahen, war jung im Vergleich. Ein Augenblick der erweiterten geologischen Gegenwart. Ein flüchtiges Flimmern. Der Vishnu-Schiefer entstand, als sich heiße, mineralreiche Sedimente und vulkanische Ablagerungen am Grund eines urzeitlichen Meeres absetzten. Druck und Hitze wandelten Ton, Asche und Sand metamorph um in kristallinen Schiefer. Die Erde presste ihre frühesten Kapitel in diese dunklen Tafeln.

Gemeinsam mit dem Zoroaster-Granit, der einst als glühende Masse den Schiefer perforierte, bildet der Vishnu-Schiefer das geologische Fundament der Schlucht - die Vishnu Basement Rocks. Sichtbar sind sie nur da, wo der Colorado River sich am tiefsten eingegraben hat.

Der Schiefer ist präkambriisch. Das Gestein stammt aus einer Zeit, als es noch keine komplexen Lebensformen gab. Keine Pflanzen. Keine Insekten. Keine Vögel. Nur Feuer, Wasser, Druck.
Die Kräfte, die sie formten, überliefern sich in titanischen Verwerfungsspuren. Ich studierte gefaltete, zerbrochene, polierte Flächen. Sie waren das schwarze Fundament von allem. 

Das brüllende Schweigen des Anfangs - wir schlugen unser Lager nahe dem Abgrund auf, dort, wo die Haut der Welt aufbrach. Der Stein vibrierte wie ein Instrument, das jemand lange vor uns angeschlagen hatte.

„Berühr ihn“, flüsterte ich.

Du tatst es. Deine Finger streiften ehrfürchtig das Gestein.

„Hier beginnt das Vergessen“, sagte ich, und legte deine Hand auf meine Brust. „Und auch das Erinnern.“
Du wolltest etwas sagen, ich unterbrach dich.
„Nein. Jetzt nicht denken. Nur spüren. Lass den Stein sprechen.“

Ich knöpfte mein Hemd auf, ließ es über meine Schultern gleiten. Ich legte mich für dich auf den warmen Felsen, da, wo sich zwei Platten überlagerten. Das war eine tektonische Narbe, eine geologische Kreuzung.
„Hier hat sich die Welt geöffnet.“
Ich zog dich auf mich.

„Du bist jung, so wie ich“, sagte ich. „Aber das, was durch dich spricht, kennt mich schon lange.“

Du warst so beschlagen. Mit dir war jedes Ziel ein Gipfel. Stets wusstest du Bescheid. Geschichte auf den Avantgarde-Höhen des Dekolonisierungsdiskurses, Geologie, Geografie, Hydrologie. Dazu kam eine beinah schamanische Wahrnehmung. Spielend erreichtest du die Visionsebene, wo sich die Phänomene überlagern.

„Lieb mich“, sagte ich. Ehrlich gesagt, dachte ich in diesem Augenblick auch an den Fluss und seine Steine. An Wind, wie er den Staub hebt. Ich dachte, oder fühlte vielmehr lyrisch.

Oh Zeit, du große Töpferin, formst uns im Ton des Lebens.

Dein Verständnis war ohne Worte. Dein Becken fand meinen Rhythmus. Deine Hände lasen mich wie Gestein: Schicht um Schicht, Jahr um Jahr. Ich war Eruption und Poesie. Du warst Gravitation und Geduld.

Ich kam in der Obhut deiner Zärtlichkeit. Ich wollte dir so guttun, wie du mir.

„Was wünschst du dir?“, fragte ich. Die Grenzen zwischen Fleisch und Fels, Zeit und Vorzeit, lösten sich auf in meiner Phantasie. Ich wähnte mich in einer Lücke zwischen jenen Welten, die allein den Menschen bestimmt sind - als Reviere mit beschränkter Aussicht. Ich dachte an den Fluss. An seine Sprache aus Schleifen, Kurven, Schnitten. Du berührtest mich, aber da warst nicht nur du. Wenigstens ein Ahnengeist umgab dich. Deine Hände glitten über meinen Rumpf, während ich mich neu begriff. Ich war Vishnu-Schiefer, durch mich floss alles Wissen und Sein, das es gab. Die Havasupai sagen, der Fluss sei ihr Gedächtnis. Er entscheide des Menschen Schicksal. Ich hörte Trommeln aus einer anderen Zeit. Wir gehörten der Zeremonie des Lebens. Der Canyon verlor seinen schillernden Landschaftscharakter. Er war ein Körper. War Tempel und Ahne. Plötzlich begriff ich: mein Workabout war in Australien nicht zu Ende gegangen. Vielleicht durfte ich fortan mein Dasein in mytho-poetischen Räumen verbringen. 

Im Verständnis der Hopi und Havasupai ist der Canyon eine Öffnung zur Unterwelt, aus der wir kommen. Die Schöpfungsgeschichte beginnt im Keller der Erde.

Ich war vom australischen Dreaming in die amerikanische Emergence gereist. Ich drehte mich in deinen Armen. Jetzt war ich wieder ganz bei dir. Heimlich leistete ich Abbitte für meine Abschweifungen. Ja, mit dir hatte ich nicht nur spirituellen, sondern sogar schamanischen Sex. Ich öffnete mich für dich vorbehaltsloser als für jeden anderen. Es fiel mir leicht. Ich sang das Lied des Begehrens in deiner Lieblingstonart und als du kamst, bedankte ich mich für das Glück, das ich dir schenken durfte. Später gab es niemanden mehr, der das in mir hervorrufen konnte. Vielleicht ahnte ich das. Jedenfalls nahm ich dich so begierig in mir auf wie ich nur konnte.  

Pfade aus Stein und Schweigen - Ich gedachte Clarence Dutton (1841 - 1912), einem Geologen und ‚Entdecker‘. Für Dutton war der Grand Canyon nicht bloß ein geologisches Phänomen, kein bloßes Spiel aus Schichten, Gestein und Erosion. Er war ein gewaltiger Tempel der Erde - ein heiliger Ort, der nicht nur den Verstand berührte. Er glaubte, dass nur die Sprache der Mythen sagen könne, was das Auge sah: Tempel des Vishnu und Shiva, Türme des Ra, Throne Wotans - Namen, entlehnt den großen Mythologien der Welt, nicht um der Wissenschaft willen, sondern um der Würde und Zeitlosigkeit dieser Landschaft gerecht zu werden. Dutton war ein Vertreter jener Zeit, in der Wissenschaft und Poesie noch gemeinsame Wege gingen. Für ihn war Geologie nicht nur Analyse. Sie war eine romantische Lesart der Erde, ein symbolisches Offenbarungsbuch aus Stein. Gewiss spürte er, was wir empfanden: dass es Orte gibt, die sich jeder Erklärung entziehen.