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2026-01-26 07:21:22, Jamal

Die Glocke

Die Sonne schiebt sich durch den Frühnebel wie ein freundlicher Gedanke. Über den Feldern liegt der Duft von Heu, gemischt mit den Aromen von Lavendel und aufgeheiztem Staub. Die Kirchturmuhr von E. schlägt neun. Ich bedenke die Geschichte der Glocke. Sie ist älter als das Rathaus. Die Alten sagten, wenn sie schlägt, höre man nicht nur die Stunde. Man höre, was wahr ist. Sie wurde 1603 gegossen, im Auftrag einer Bäuerin namens Lenka, die nach dem Tod ihres Mannes einen Großteil ihres Erbes für „eine Glocke, die auch die Toten weckt“ gespendet hatte. Die Legende ging so: Ihr Mann war während eines Raubzugs im Schlaf erschlagen worden. Seitdem glaubte sie, dass das Läuten einer Glocke nicht nur der Ehre Gottes, sondern auch dem Schutz der Menschen dienen müsse - ein Weckruf gegen Unachtsamkeit, gegen das Verschlafen des Lebens. Die Glocke war in Kassel gegossen und mit zwei Ochsen nach E. verbracht worden. Sie überstand Kriege, Blitze, Plünderungen und eine geplante Einschmelzung im Zweiten Weltkrieg, der sie nur entkam, weil sie die Bürger von E. unter der Führung ihres Bürgermeisters Gerster aus dem Glockenturm auf einen Dachboden schafften. Ein Sprung in der Form verlieh ihr einen Ton, den die Eingesessenen liebten. „Unsere Glocke lügt nicht“, sagten sie.

Ich kenne jene Aufzeichnungen, die der Glocke gewidmet sind und im Heimatmuseum verwahrt werden. Briefe, in denen Soldaten die Glocke erwähnen, als Ade beim Abmarsch. Oder ein Tagebucheintrag von 1912, in dem jemand beschreibt, wie ihm das Läuten im Nebel „wie ein warmer Gottesatem“ vorkam. Innerlich verneige ich mich vor dem Ahnenaberglauben. Die Glocke hat die Hürde zur Ewigkeit überwunden. Sie gehört zum Diesseits und zum Jenseits, wie die Eder, wie die Hügel, wie der Wind, der in den Kronen der Linden kobolzt.

„Die ersten fanden den Tod, die zweiten hatten die Not, und die dritten erst das Brot.“

An dem Ederzufluss Marschbach, der zugleich einen Ortsteil von Ederthal bezeichnet, leben aus Harta (Ungarn) vertriebene Protestanten. Sie leiden unter den Erbkrankheiten Methämoglobinämie und Chorea Huntington. Ihre Kolonie erinnert an Moonshiner Habitate in den Appalachen. Der Kasseler Historiker Cornelius Blattschneider schreibt in seiner Marschbacher Saga: In verwaisten Gebieten von Ungarn, Slowenien und dem Banat siedelten ab dem 17. Jahrhundert Deutsche. Vielfach verlangte die Staatsräson das katholische Glaubensbekenntnis. Protestanten mussten konvertierten oder in protestantische und tolerante Territorien ausweichen. So erklärt sich ein Endpunkt der sogenannten Schwabenzüge in Harta an der Donau. 1723 kamen die ersten ev. Deutschen und ließen sich auf den Ländereien des Diplomaten Pál Ráday nieder. Nach Fünfundvierzig wurden 287 deutschstämmige Familien deportiert. Einige fanden den Weg nach Ederthal-Marschbach. Da waren sie so unwillkommen wie daheim.

Ein Enkel der Pioniergeneration von 1723 emigrierte nach Kentucky in Amerika. Er lebte wohl eine Zeitlang in Obhut der First Nation. Jedenfalls gründete er mehr als eine Familie und brachte sehr verschiedene Nachkommen hervor. Im 19. Jahrhunderte überquerte ein Enkel den Atlantik, um sich mit der Lebensart seiner Ahnen, amerikanisch frank vertraut zu machen.

Ich bin eine späte Nachfahrin der Edelfrauen zu Itter. Wer wüsste nicht, dass Gepa von Itter als Gumbert von Warburgs rüstiger Witwe 1129 in Arolsen just jenen Augustiner-Chorherren-Stift ins Leben rief, der beizeiten zum geistlichen und räumlichen Zentrum der Waldecker Grafschaft wurde. Da stand die Itterburg im Ittergau schon ein paar hundert Jahre. Ich weiß mich verwandt auch mit den Schwalenbergs. Ein Schwalenberg und eine Itter machten den ersten Grafen von Waldeck. Bis zum Ende der Itters 1356 infolge einer an Heinemann III. vollbrachten Meuchelei gehörte Ederthal selbstverständlich zur Herrschaft Itter so wie auch Marschbach am Arsch der Welt. Wieder schlug Kurmainz zu und nahm in Besitz, was die Landgrafschaft Hessen nicht fassen konnte. Wenige Jahre später brachte Otto von Waldeck den Gau kurz an sich. Wer aufgepasst hat, erkennt das Schema. Im nächsten Durchgang geht die Chose an die Philipps von Hessen-Rheinfels und wird zu einem Gegenstand des Streits unter Brüdern. Siehe Hessischer Bruderkrieg von 1469.