Hochamt der Liebe
Es ist tierisch heiß in deinem Büro. Die Luft steht. Mein Top klebt am Rücken, ich habe keinen BH mehr an. Die Entscheidung war spontan, intuitiv, ein Vorgriff auf das, was zwischen uns läuft. Wir schreiben an einer vorläufigen Grammatik unserer Nähe. Ich spüre die Freiheit unter dem Stoff und deinen Blick, der meine Spitzen hart werden lässt. Alles kriegt jetzt einen Rhythmus, einen Puls. Du sagst nichts. Du musst nichts sagen. Du bist in meinem Innersten angekommen. Ich stelle mir vor, dich mit deinem historischen Titel anzusprechen, in vollem Ernst, nicht, um mich kleiner zu machen, sondern um dich auf meinem Traumplateau zu begrüßen. Dich weiß ich befähigt zum Hochamt der Liebe. Mein Navigationssystem hat jede Silbenspur gespeichert, die du jemals für mich gelegt hat. Jetzt ist da nur noch Berührung, Spannung, Präsenz.
Ich weiß, was ich will. Ich will Professorin werden. Ich will mich durchsetzen in einer Welt, die nicht auf mich gewartet hat. Ich will klug sein, präzise, unmissverständlich noch im Fußnoten-Flow. Wir reden über tierische Fernwahrnehmung. Über die ozeanischen Resonanzkörper der Wale. Ihrer Befähigung zur akustischen Kommunikation über Tausende Kilometer via niederfrequente Schallwellen. Du sagst etwas, und ich kriege Gänsehaut. Ich reagiere auf etwas, dass mein Ohr nicht hört, mein Körper im Ganzen aber schon. Ich nehme es wahr als Vibration, Druckgefühl, Unruhe oder eben Gänsehaut. Niederfrequente Töne wirken direkt auf den Körper, auf das Zwerchfell, das Nervensystem und die Organe. Sie lösen Angst, Erregung, Präsenz aus. Ich glaube, dass du solche Prozesse steuern kannst. Das macht dich für mich zu einem modernen Magier. Du nutzt die niederfrequenten Anteile deiner Stimme, um Vertrauen und Verlangen auszulösen. Da bin ich mir sicher. Schwingung und Resonanz - Schamanentrommel, Didgeridoo, OM-Chant. Das sind Werkzeuge der niederfrequenten Kommunikation. Blauwale und Buckelwale erzeugen extrem tiefe Gesänge, die durch das Meerwasser mit erstaunlicher Effizienz reisen. Diese Laute, die weit unterhalb der menschlichen Hörgrenze liegen, können sich über mehrere tausend Kilometer hinweg ausbreiten, da sie kaum vom Wasser absorbiert werden. Der Ozean wirkt wie eine akustische Linse: In der sogenannten SOFAR-Schicht bewegen sich die Schallwellen nahezu verlustfrei. Manche Wissenschaftler vermuten sogar, dass sich Wale über globale Entfernungen hinweghören können, mit einer Art planetarischem Echolot.
Zwischen Sprache, Körper, Evolution und Intimität … das Büro des Sprachmeisters liegt im ältesten Trakt der im Mittelalter auf den Grundmauern eines Klosters aus der Merowinger-Ära zunächst als Ritterkolleg gegründeten und nach militärarchitektonischen Vorgaben erbauten Universität. Die Außenmauern bestehen aus meterdicken Quadern. Die Pforte zur Klause des Dekans, historisch des Sprachmeisters, ist massiv wie eine Kerkertür. Coles Reich gleicht einem Museum. Die Regale stammen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Das Bücheraufkommen evoziert botanische Begriffe wie Wildwuchs, Dickicht und Dschungel. Das sind wuchernde Formationen: gestapelt, geschichtet, ineinandergeschoben wie archäologische Sedimente.
Ein Giacometti-Replikat steht auf der Fensterbank, das Tageslicht fällt durch bleiverglaste Scheiben. Ich sehe in einen klandestinen, der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Innenhof mit Efeu und Steinbrunnen. Die Welt scheint weit weg. An einer Wand hängt eine alterspatinierte Karte der indoeuropäischen Sprachentwicklung neben dem gerahmten Faksimile eines Briefs von Artaud. Auf einem Mahagonischränkchen steht ein Globus von Vincenzo Coronelli, gefertigt 1688 in Venedig - einer der prachtvollsten Himmels- oder Erdgloben der Frühen Neuzeit. Coronelli war Kartograf, Franziskaner und Gelehrter am französischen Hof, seine Globen blieben Königen vorbehalten. Ludwig XIV. war ein Kunde. Das Kunstwerk ist handkoloriert und liefert eine präzise Schilderung des damaligen Weltbilds - inklusive mythologischer Figuren, Seeungeheuern, Windrosen und astrologischen Symbolen. Ein Glasplattentisch und ein abgewetztes Ledersofa aus den 1970er Jahre gehören zu dem eklektizistischen Ensemble. Ich warte auf den Augenblick, in dem wir beide uns zum ersten Mal auf der Couch derangieren. In Gedanken öffne ich mich dir schon jetzt und das hat eine erstaunlich intensive Wirkung. Es ist, als würdest du mich zärtlich berühren. Ich hauche meine Liebesworte in dein Liebesohr, wenn auch nur in meiner Phantasie.