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2026-01-25 17:23:42, Jamal

Nachtbericht

„Spinnwebhandschrift, lang und fein nachgezogen, mit stiller Verachtung und Resignation: ein junger Mensch von Rang.“ James Joyce, Giacomo Joyce

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„Was die Form des Werkes betrifft: Es hat keine. Es ist flüssige Lava. Es ist verrückt, dunkel und verzehrend. Aber nimmt diese unerhörte Lästerung der Vorsehung nicht mit der unvergleichlichen Autorität der Prophetie den letzten und nahen Schrei des menschlichen Gewissens vor seinem Schöpfer vorweg?“ Léon Bloy über Les Chants de Maldoror

Isidore Ducasse (1846–1870), der sich selbst als Comte de Lautréamont stilisierte und bereits in jungen Jahren den poète maudit kultivierte, schuf unter den Auspizien der Pariser Kommune ein singuläres Werk. Es antizipierte nicht nur den Surrealismus, sondern kündigte auch den Schrecken des Schwarzen Jahrhunderts an. Es fungierte wie ein Katechismus für alle Arten anarchischer Apotheosen. Wer in den letzten hundert Jahren literarisch auf schreckliche Weise wild sein wollte, berief sich auf den Comte – also auf einen Studienabbrecher, der zunächst anonym und auf eigene Kosten veröffentlichte.

„Im Herbst 1868 veröffentlichte Ducasse den ersten Gesang anonym und auf eigene Kosten.“ Wikipedia

Die Rezeption der Gesänge des Maldoror setzte mit erheblicher Verzögerung ein; danach aber riss sie nie mehr ab. Die Editionsgeschichte und ihre Wirkung liefern zahlreiche Beispiele verspäteter Auslieferungen. 1869 tauchte der Titel im Verlagsprogramm des Brüsseler Verlegers Albert Lacroix auf, gelangte jedoch nicht in den Buchhandel. Ducasse starb ein Jahr später, nachdem sein Debüt faktisch nicht erschienen war.

Ich hatte in der Abtei Mont-Saint-Michel eine pornografische Version der Gesänge entdeckt. Die Abtei überragt eine Bucht im Wattenmeer der Normandie. Sowohl die Gegenreformation als auch die monarchistische Restauration, die der Französischen Revolution entgegenwirken sollte, bezogen von Saint-Michel wichtige Impulse.

Gemeinsam mit Professor Goya frönte ich (die brillante Philologin) den Obszönitäten dieser geheimen Version. Der nordhessische Halbgott CC ist in Goya inkarniert. Sein zentrales Organ ist ein Werkzeug der Aufklärung. Damals wusste ich nichts von seiner Unsterblichkeit. Ich hielt Goya für einen Sterblichen, der zumindest einlöste, was andere nur versprachen.

Meine Intelligenz entfaltet sich auf dem Drahtseil meiner Erregung. Sex war ein Medium meines Talents.

Ich lebte in einer Ordnung, die von Goya diktiert wurde. Wie gesagt: Ich hatte keine Ahnung. Er kontrollierte meine Kleidung, und ich hielt jedes einzelne Stück für frei gewählt. Unberührt von Goya blieb allein mein philologisches Genie.

Ich trug schwarze Spitzenwäsche. Auch Goya war längst nackt. Er sah aus, als sei er von Michelangelo gemeißelt worden. Der Uneingeweihte würde ihn einen perfekten Mann nennen, doch Goya war mehr als ein Mann.

Ich erlebte einen Rausch der Hingabe, während Goya mir jedes Vergnügen gewährte. Ein Mangel an Dominanz und Ausdauer ist die Ursache sexueller Katastrophen – ebenso wie die postkoitale Erschöpfung des Mannes.

Mir fehlte die Verlässlichkeit männlichen Begehrens in fast allen Konstellationen – außer bei Goya. Ich war die führende Expertin in Deutschland, wenn es um Wanda von Sacher-Masoch ging. Ich zählte zu den Koryphäen der Rezeption von Uwe Johnson, James Joyce, Samuel Beckett, William Seward Burroughs und Jürgen Ploog.

„Du bist göttlich“, sagte ich, ohne zu ahnen, wie recht ich hatte.

Die Schriften über Lautréamont umfassten rund 6000 Titel. Viele Autoren fragten sich, wie „automatisch“ Ducasses Schreibstil war. Stichwort: Écriture automatique. Ré Soupault erwähnt irgendwo ihren Ehemann Philippe Soupault, „der 1917 als Genesender nach dem Militärdienst die ‚Cantos‘ in einer malerischen Pariser Buchhandlung unter dem Begriff ‚Mathematik‘ entdeckte.

Das Werk wurde zur großen Entdeckung der Surrealisten. Gesellschaftlich gesehen hätte man den Renault-Erben Philippe Soupault sogar Marcel Proust zugetraut. Soupault hätte den Surrealismus aus der Portokasse finanzieren können. Er war zu nobel für den Emporkömmling André Breton, der Soupault dummerweise verunglimpfte.
Proust bezog sein Bier aus dem Ritz. Seine Geräuschempfindlichkeit war legendär. Er beschaffte sich Informationen auf ungewöhnliche Weise. Manchmal erbat er während einer morgendlichen Autofahrt von einem hübschen Domestiken einen Nachtbericht. Er interessierte sich für die Farben der Federn an Damenhüten. Einer seiner Informanten war Soupault, der wie Marcel der Sohn eines bedeutenden Arztes war. Soupaults Bruder Robert, selbst Chirurg, widmete Marcels Bruder eine Abhandlung. Die Kollegen lernten sich im Kurort Cabourg-Balbec kennen, den Marcel Proust berühmt gemacht hatte. Der Künstler, noch ein Junge, gibt sich in seinen Sommerferien als abgeklärter Beobachter. Er bemerkt die „unfreundlichen“ Hügel am Strand von Balbec. Er verortet den Bahnhofsvorsteher „zwischen Tamarisken und Rosen“. Er lächelt auf den „künstlichen Marmor“ der monumentalen Treppe im Grandhotel herab, in dem er logiert. Er vermutet, dass der Direktor, „ein dicker Mann im Smoking“, eine „kosmopolitische Kindheit“ genossen hat.