Am Westufer zwischen Nussdorf und Unterach
Das schwarze Tuch… Ich erinnere mich noch genau, wie du mich angesehen hast, als wir in der Boutique standen. Ich trug ein cremefarbenes Baumwollkleid, knielang und luftig. Du hast meinen Anblick genossen und ich habe so getan, als wäre ich mir deiner Lust im Augenblick nicht bewusst. Du warst… eine echte Kraft in meinem Leben. Oft musste ich nur an dich denken, um die Erregung zu vernehmen, ja so empfand ich es. Ich vernahm mein Begehren, es sang in mir sein schönes Lied. Als ich zuließ, dass du das Seidentuch um meinen Hals legst, veränderte sich etwas in den Auen meiner Lustlandschaft. Mein Atem stockte. Ich ließ die Flamme schießen. Ja, ich vertraute dir blind.
Vielleicht ahnest du es. Vielleicht auch nicht. Ich bin nie in meine Liebhaber gedrungen. Ich wollte schließlich auch nicht, dass sie sich an mir mit seelischer Erbenszählerei vergriffen. Ich habe den Tuchfetisch auch mit anderen Liebhabern genossen. Jedes Mal glaubten sie, sie seien die ersten, die einzigen. Und deshalb war es leicht für mich, jedes Mal wieder von vorn anzufangen. Ich spielte dieses Spiel so gern. Ich in der Rolle einer Frau, die sich auf einen neuen Fetisch einlässt, weil der Mann es so wünscht. Es war nie Gehorsam, sondern stets nur Spiel. Ich hatte die Wahl. Ich entschied. Du warst mein Gefährte, wie vor dir andere. Weißt du noch, beinah zum letzten Mal sind wir uns am Attersee begegnet, ein halbes Jahr nach unserer großen Reise.
Am Attersee
Das Hotel lag am Westufer zwischen Nussdorf und Unterach und bot einen Ausblick auf das Höllengebirge, der als Sehenswürdigkeit gehandelt wurde. Die Phänomene ordneten sich im Spektrum einer perfekten Kurbadkulisse.
Der See war ein Gigant. Der Landesgrößte. Unfassbar tief mitunter.
Die Horizontlinie markierten verschiedene Blau.
Du hattest in Wien noch eine Präsentation und wolltest erst am Abend kommen. Für dich war es einer dieser durchgetakteten Tage, die kaum Raum zum Atmen ließen.
Lindenblüten aromatisierten die Luft. Ich setzte sich ans Ufer, befreite meine Füße von den Sandalen und ließ sie baumeln. Das war eine Hommage an kindliche Saumseligkeit. Das Wasser war kälter als erwartet. Ich sah bis auf den Grund.
Manche sagen, der See merkt sich deine Träume.
Später flanierte ich nach Weyregg. Ich kannte die Geschichte vom versunkenen Kloster zu Weyregg. Die Mär vom grundreinen Glockengeläut. Vom Klang aus der Tiefe.
Ich war empfänglich für mythologische Alltagsüberschreibungen volkstümlicher Provenienz. Ich trug ein Sommerkleid, das weniger wog als der flüchtigste Gedanke. Es war ein Fluss aus Baumwolle, elfenbeinfarben, mit kaum sichtbaren Stickereien entlang des Ausschnitts. Die Träger waren schmal, der Rücken frei. Der Stoff zeigte eine Tendenz zur Transparenz und schmiegte sich an die Taille wie eine zärtliche Hand. Das Kleid sagte: „Ich kann es kaum erwarten, dass du kommst.“
Manchmal war der See ein gleißender Spiegel. Die Römer hatten die Ufer als Rastplatz entlang der Handelsrouten zwischen Lauriacum (heute Enns) und dem Alpenraum genutzt. Im 19. Jahrhundert avancierte der See zu einem Magneten des Bildungsbürgertums. Gustav Klimt malte hier einige seiner berühmten Landschaften, die Sommerfrische wurde Kult. Die Dörfer rund um den See - Weyregg, Seewalchen, Steinbach - besaßen noch Anmutungen des Habsburger Belle Époque-Flairs.
Der Attersee liegt in einer tektonischen Mulde, die von eiszeitlichen Gletschern vertieft wurde. Die umgebenden Berge bestehen aus Dachsteinkalk. Eine Sage erzählt vom Wassermann. Er bewohnt eine Kristallhöhle und bewacht einen Schatz. Leichtsinnige zieht er in den Tod. Verheiratet ist er mit einer Sirene, der man ein Verhältnis mit dem Drachen nachsagt, der im Höllengebirge haust.
Gesäumt von einem Kranz mächtiger Kastanienbäume lag das Café direkt am Wasser. Auf dem Schild über der Tür stand in geschwungenen Lettern: „Café Seeblick - seit 1898“.
Ich wählte einen Platz auf der Veranda. Ich setzte mich an einen Tisch mit Marmorplatte und gusseisernem Fuß. Die Kellnerin sah nach Ferienjob aus. Ich bestellte einen Verlängerten und Marillenkuchen.
Wenig später stand ein feines Mokkaservice mit Goldrand vor mir. Der Kuchen dampfte. Die Marillen glänzten unter dem Gitterteig. Ein Klecks Schlagobers schmolz am Tellerrand.
Ich war zu schön, um lange unangesprochen zu bleiben. Ein Panamahutträger im Leinenanzug nahm sich die Freiheit.
„Verzeihen Sie, gnädige Frau“, sagte er. „Darf ich raten? Marillenkuchen - noch warm?“
Ich hob eine Braue.
„Richtig. Aber raten Sie nicht weiter, sonst wird es persönlich.“
Er lachte zuversichtlich.
„Ich verspreche diskrete Zurückhaltung - ganz im Stil der alten Schule. Ich bin nur ein Liebhaber guter Cafés. Und schöner Nachmittage.“
Theatralisch ließ er den Blick schweifen.
„Darf ich mich vorstellen? Jules - Jules von Ehrenthal. Zumindest früher, im Theaterprogramm stand es so. Heute bin ich nur noch ein Stammgast mit Geschmack.“
„Von Reichenau“, erwiderte ich knapp. „Meine Familie kennt man hier in der Gegend, obwohl ich natürlich aus Deutschland stamme.“
„Das ehrt Sie. Und macht mich ein wenig neidisch.“
Er setzte sich nicht, blieb einfach stehen, würdevoll wie ein Kellner in einem alten französischen Film, doch mit dem Lächeln eines Mannes, der weiß, wann er auf verlorenem Posten steht.
Er bestellte einen kleinen Schwarzen, ohne zu fragen, ob er bleiben dürfe.
„Wissen Sie“, sagte er, „die Sonne fällt heute so schön auf Ihren Tisch, die Marillen leuchten nur Ihretwegen.“
„Flirten Sie mit mir?“
„Mit dem Leben.“
„Ich sage Ihnen jetzt mal etwas, das Sie auch nichts angeht. Ich liebe einen Mann, den ich vor Ablauf der nächsten Stunde in meinem Hotelzimmer erwarte, so süchtig wie ein Teenager.“
Die feurige Ansprache erregte mich. Der ausgediente Schauspieler zog sich mit einem schiefen Grinsen zurück. Ich aber konnte es jetzt kaum erwarten, in der provisorischen Intimität des Hotelzimmers dir entgegenzufiebern. Ich wollte nicht länger die Zeit im Café totschlagen oder sich sonst wie ein Sommerfrischevergnügen abringen.
…
Ich blieb in meinem Kleid. Nur die Unterwäsche legte ich ab. Mein genitaler Puls pochte so stark, dass ich die Beine zusammenpresste. Sie wollte erst kommen, wenn du da sein würdest. Entflammt von einer kleinen Berührung. Ich imaginierte deine Hand auf meinem Po, deine Härte an meinem Bauch. Es ging beinah über meine Kraft, doch dann klopfte es endlich an die Tür, ich warf mich in deine Arme und spürte sofort, dass es dir nicht anders erging als mir.