Osaka
Eine fast noch jugendliche Mutter von Zwillingen, die abwechselnd schliefen und jammerten. Ein französisches Pärchen, das versuchte, sich auf Englisch japanisches Vokabular beizubringen. Mein Nachbar unternahm einen Gesprächsanlauf in seiner Muttersprache und brach ihn selbständig ab.
Es gab kein kostenloses Essen. Jetstar eben. Wir bestellten uns ein Bento-Set, das erstaunlich gut war. Reis, Teriyaki-Huhn, eingelegtes Gemüse. Wir aßen mit Stäbchen, klar, das konntest du auch. Du flüstertest mir etwas ins Ohr, das ich nicht wiederholen werde. Die Flugbegleiterin mit dem Lockenpony behielt uns im Auge. Ich glaube, sie fand mich attraktiv. Ich lehnte mich an deine Schulter, der neue Duft stieg von meinem Hals auf. Ich spürte deinen Atem.
Osaka empfing uns mit Nieselregen und dem typischen Flughafenbeton - Kansai International, erbaut auf einer künstlichen Insel, ein technisches Wunderwerk. Ich fror fast, als wir ausstiegen. Ich war glücklich.
Wir nahmen den Nankai Airport Express. Nicht den schnellen Rap:t, sondern den normalen Zug. Der Rapid Airport Express bestand aus Art-Déco-Waggons und war reservierungspflichtig.
Mehr Zeit, mehr Blicke, mehr Nähe. Der Wagen war sauber und angenehm klimatisiert. Ich lehnte mich an dich. Du sahst aus dem Fenster, ich betrachtete dein Spiegelbild. Die Fahrt führte über Brücken, durch Vororte. Ich registrierte akkurat gestutzte Hecken und Stromleitungen wie Notenlinien am Himmel. Wir fuhren durch Viertel, in denen Pachinko-Hallen zwischen den Wohnmaschinen klemmten. Die Rummelplätze ließen mich an notgelandete Raumschiffe denken.
In Namba stiegen wir aus. Die Stadt roch nach Sojasauce, Beton und Sommerregen. Du navigiertest souverän, ich ließ mich führen. Unser Hotel lag zwischen Dotonbori und Shinsaibashi in einer stillen Nebenstraße - da, wo die grelle Neonsignatur urbaner Hauptschlagadern nur noch als Reflex auf den nassen Pflastersteinen flackerte.
Papierwände. Holzböden. Minimalistische Vitrinen mit Keramiken. Flache, fast schwebende Lampions. Die Welt war in warmes Licht getaucht. Etwas Neues begann.
Im Innenhof plätscherte ein Brunnen zwischen runden Steinen und Bambus. Jedes Detail war durchdacht, dem Sakralen zugewandt und unauffällig schön. Mein Körper erinnerte sich an etwas, das er nie erlebt hatte.
Hinter dem Rezensionstresen stand ein junger Mann in Uniform, das Haar akkurat gescheitelt, die Haltung tadellos. Er verbeugte sich leicht, kaum mehr als ein Atemzug Bewegung - formell, aber nicht distanziert. Du sprachst mit ihm. Ich stand einen Schritt hinter dir, betrachtete die feinen Bewegungen deiner Schultern, dein Profil, die Art, wie du mit wenigen Worten Raum schufst. Ich mochte, wie du dich in fremder Umgebung bewegtest: zurückhaltend und beherzt zugleich. Insgeheim hatte ich dir Rilkes Panther zugewidmet, wenn auch in optimistischer Lyrik. Für dich gab es keine Stäbe und dein Blick war niemals lebensmüde.
Ein Duft von frisch gebrühtem Tee lag in der Luft, gemischt mit dem Aroma von Zedernholz. Der Stadtlärm blieb hinter den Shoji-Wänden. Du nahmst die Schlüsselkarte entgegen, verbeugtest dich leicht und wandtest dich mir zu.
„Komm“, sagtest du eindringlich. Du hattest so eine Art, Dinge in der Öffentlichkeit zu sagen, die im Bett ihre eigene Bedeutung bekamen.
Die Zimmerkarte klickte leise. Das Zimmer war kühl. Du zogst die Vorhänge auf. Die Dächer Osakas lagen unter uns wie ein Meer aus Beton und Neon. Ich zog meine Schuhe aus und verschwieg dir einen Moment des Ankommens. Dann feierten wir den Augenblick gemeinsam in einer Umarmung.
Wir aßen in einem Izakaya, versteckt in einer Seitengasse. Eine rote Laterne beleuchtete den Eingang. Das sanfte Zischen des Yakitori-Grills. Wir saßen auf Hockern am Tresen, Schulter an Schulter, und bestellten Hähnchenspieße mit süßer Sojasauce, eingelegte Lotuswurzel und gebratene Aubergine. Kein Zweifel, du kanntest dich aus. Dabei hattest du mir erzählt, nie zuvor in Japan gewesen zu sein. Warst du ein Agent? Plötzlich kam mir diese Idee.
Dotonbori war der pulsierende Wahnsinn. Der Glico-Mann, tanzende Krabben, Leuchtreklamen wie Schreie in Farbe. Kleine Tempel. Windspiele. Ich hielt deine Hand und fühlte mich wie in einem grell-süßem Traum. Ich empfand Lust und Vertrauen und erbat heimlich noch mehr. Hattest du damals einen Plan für später? Wolltest du mich heiraten?
Der Tag klebte an unserer Haut, der Nacht gehörten unsere Schatten.
Der Glico-Mann ist das Leuchtbild eines laufenden Athleten mit erhobenen Armen, das seit 1935 über dem Dōtonbori-Kanal prangt. Es ist eine Werbung der Firma Ezaki Glico, Hersteller von Süßwaren wie ‚Pocky‘. Der Läufer hat sich zu einem inoffiziellen Wahrzeichen Osakas entwickelt. Effektvoll pulsiert er in wechselnden Farben.
Dōtonbori ist Osakas wildes Herz. Neonreklamen, Fastfood-Stände auf diversen Fressmeilen, grelle Restaurants mit überdimensionalen Krabben, Oktopussen und Kugelfischen. Er riecht nach Sojasauce, frittiertem Teig und einer Brise Meer.
Abseits der Magistralen verbergen sich stille Gassen, schwach illuminiert von Papierlaternen. Sie bildeten sakrale Zwischenräume, gegliedert von Shintō-Schreinen und Zen-Gärten.
Osaka war einst das Handelszentrum Japans. Die Küche der Nation. Hier floss der Reichtum an Fisch, Reis und Ideen durch die Kanäle. Schon im 16. Jahrhundert war Osaka eine boomende Metropole mit Lagerhäusern, Markthallen und Theatern.
Während Tokio das Herz der Politik wurde, blieb Osaka das Herz des Volkes: ehrlich, direkt, genussfreudig, schmutzig und stolz. Die Menschen hier sprechen Kansai-ben, einen Dialekt mit Humor, Wärme und Biss.