Ozeanisches Samttuch
Ich folgte meinem Kleingeschriebenen weiter in meinem Tagebuch, sorgsam darauf bedacht, jeden Platz des Seitenweiß zu nutzen. Schnörkelblaue Erinnerungswellen, die aus dem Erleben heraus aus mir flossen, für ein Danach an anderen Orten, die ich mir nicht mehr ohne dich vorstellen wollte.
Wir wollten von Cairns nach Osaka. Es gab Direktflüge. Mich erstaunte das. Kein Umstieg in Brisbane oder Sydney? Du zucktest bloß mit den Schultern:
„Cairns ist das Tor zum Great Barrier Reef. Japaner lieben es, für ein Wochenende herüberzufliegen.“
Verglichen mit Sydney oder Narita ist Cairns International Airport ein kleiner Flugplatz. Nur ein Terminal für internationale Flüge, zwei Start- und Landebahnen, 3.196 Meter misst die längere. Sie ist lang genug für Großraumflugzeuge wie die A330, mit der wir fliegen sollten. Jetstar betrieb die Strecke - eine Low-Cost-Airline, Tochtergesellschaft von Qantas. Kein Luxus, aber funktional.
Warum hatte eine Stadt mit knapp über 150.000 Einwohnern einen internationalen Flughafen? Cairns wurde 1876 gegründet, ursprünglich als Hafen für den Goldtransport aus den Atherton Tablelands. Später diente sie auch als Umschlagplatz für Zuckerrohr, Bananen und andere Agrarprodukte aus dem tropischen Hinterland. Lange blieb Cairns eine regionale Stadt, eine Drehscheibe für Queensland, weit entfernt von nationaler Bedeutung.
Cairns liegt näher an Papua-Neuguinea und Südostasien als an Melbourne oder Perth. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs das Bewusstsein für die Nähe zu Asien. Cairns lag plötzlich nicht mehr am Rand des Kontinents, sondern in Reichweite eines anderen Kontinents.
Nach dem Check-in - effizient, korrekt, entspannt - setzten wir uns in das Café hinter der Sicherheitskontrolle. Es hieß, glaube ich, Reef Bean. Wir tranken Flat White aus Pappbechern. Du zücktest das schwarze Tuch. Es war unser erster Fetisch. Ich sah dich fragend an. Wolltest du es mir anlegen? Sollte ich?
„Was wünscht du dir?“, fragte ich.
„Bind es einfach um den Hals.“
„Erregt dich das?“
Ich neckte dich ein bisschen. Dabei gefiel mir das Spiel und dein Einfallsreichtum so gut. Ich setzte mein Kinn auf die Hand und betrachtete dich. Du warst bei weitem nicht mehr so kontrolliert wie an unserem Anfang. Gehörte es zu einem Liebespaarschicksal, Dinge auf die Spitze zu treiben? Deine Vorgänger waren nach einer kurzen Phase der Lebhaftigkeit in ihre Schneckenhäuser zurückgekehrt. Der Mangel an Liebesausdauer war nicht nur beklagenswert, sondern auch beleidigend gewesen. Ich dankte dir jeden Tag für deine erotische Aufmerksamkeit.
Oh ja, jetzt ein Quickie zur Bekräftigung unseres Lustschwurs.
Wir stöberten im Duty-Free-Bereich. Parfümwolken mischten sich mit dem scharfen Geruch von Whiskey und Sonnenöl. Ich testete einen Duft von Issey Miyake … aquatisch, floral. Ich identifizierte oder halluzinierte Lotus, Rose, Freesie, Maiglöckchen, Moschus.
Du sagtest:
„Das Parfum passt zu dir.“
Amüsiert beobachteten wir eine Japanerin, die Koala-Magnete in Zehnerpacks kaufte.
Das Boarding begann pünktlich am Gate 7. Das Flugzeug, ein Airbus A330-200, in der typischen Jetstar-Lackierung, silbern mit orangefarbenem Stern. Zwei Triebwerke, Rolls-Royce Trent 700. 303 Sitze, alle Economy. Du am Fenster, ich in der Mitte. Neben mir saß ein greiser Japaner mit Gamsbart am Hutband und einem Stapel National-Geographic-Hefte auf dem Schoß, von denen er keines aufschlug.
Die Flugbegleiterinnen trugen beige Kostüme mit orangen Akzenten, schmale Röcke, enge Blazer. Sie präsentierten sich als ikonisch. Eine von ihnen, Mitte dreißig, lockiges Pony, australischer Akzent, fragte, ob wir zusammen reisten. Ich sagte Ja. Du legtest deine Hand beiläufig auf mein Knie. Das war ein Statement und es gefiel mir.
Das typische Grollen der Triebwerke. Ich liebte diesen Moment, wenn der Boden unter den Rädern verschwindet. Wir durchbrachen die Wolken, und die Küste von Queensland verschwand in der Ferne. Das Riff lag wie ein zerbrochenes Smaragdcollier auf dem ozeanischen Samttuch.