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2026-01-23 17:21:01, Jamal

Kulturbruch

Napoleon führt ein schrankenloses Leben, bis man ihn nach Toulon ruft, wo er einen Général de brigade in unzulänglicher Garderobe aus sich macht, übrigens mit der kompletten Bagage, einschließlich Maman, Joséphine de Beauharnais und dem Vicomte de Barras als Entourage. Joséphines Mann diente der Revolution als Opfer. Die schöne Witwe, eine Gutsherrentochter aus Martinique, legte sich zum Mörder ihres Gatten. Inzwischen hat Politkommissar Barras sie seinem Protegé ans Herz gelegt. Napoleon kämpft neben dem soliden Pichegru, einem zum Priesteramt befähigten Mathematiklehrer, und dem emporgekommenen, extrem schneidigen Bauernspross Fürst Essling aka Masséna. Pichegru wird sich von Napoleon noch zum Tyrannenmord aufgestachelt fühlen und doch nicht zum Zug kommen.

Sur la ligne de feu übertrifft Napoleon alle an vorausschauender Kaltblütigkeit. Die Republikaner gehen nach seinem Plan vor. Im ersten Schritt beunruhigt das Belagerungskorps mit wenigen Kanonen die alliierte Flotte. Hood lässt zur Beruhigung der Lage eine Stellung am Ufer einnehmen - Fort Mulgrave. Er rüstet die Befestigung mit schweren Geschützen und vertraut auf eine Besatzung von achthundert Mann. Von da an versucht die Allianz republikanische Belästigungen auf vorgeschobenen Posten zu unterbinden. In der Folge ergibt sich ein Hin und Her, das die Vorteile der Royalisten perforiert. Napoleon tranchiert Verbindungslinien im Partisanenstil - hit & run. Anstatt einen Sturm abzuwarten, um ihn dann abzuweisen, kommt man vor die Tore (und an Land) und liefert sich Scharmützel. Die republikanische Armee übernimmt (die zur Bekämpfung einer Seestreitmacht eingerichteten) Redouten und Forts bei Toulon und distanziert die alliierte Flotte. Sie zwingt die Marine zu einer Entblößung der Stadt. Am 19. Dezember gibt Hood Toulon preis und zieht sich auf See zurück.

Man verwendet Napoleon weiter in Paris, er dient auf dem Topografischen Amt.

Nach Robespierres Hinrichtung 1794 beginnt in den Regierungsgremien eine Ära der Rotation und Jonglage mit Bausteinen der repräsentativen Demokratie. Die Verbürgerlichung der Revolution verlegt die Gewalt von links nach rechts. Eine Jeunesse dorée macht Jagd auf Jakobiner. Die Entmachteten kehren zu außerparlamentarischen Kampfformen zurück, können sich aber nicht mehr durchsetzen. Im Oktober 1795 erheben sich in Paris Königstreue, Napoleon leitet die Beschießung der Empörten. Der General spielt den Bluthund der nouveaux riches, den im Verlauf der Revolution zu Vermögen gelangten Liebhabern des schönes Scheins (und Gegnern des Tugendterrors). Seine Feldherrenerfolge halten Frankreich in Bewegung, die republikanische Armee ist ein revolutionärer Faktor. Als Garant der von Monarchien umstellten Republik lässt sie sich nicht einschränken, anders als klerikale Restaurations- und frühkommunistische Umsturzbestrebungen. Napoleon schafft (Satelliten-)Staaten, siehe den Frieden von Campoformio 1797. Achtundzwanzigjährig vertritt er Frankreich in Verhandlungen mit dem letzten Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, dem Habsburger Franz II. Er zerlegt Italien und reicht Franz ein Stück. Zwei Jahre später stößt er seinen Gönner Barras vom Balkon der Macht in die Verbannung.

Napoleon vergleicht sich mit Alexander. Er sieht sich als Vorstand der Könige. Er will die Regierungschefs wie Botschafter (als ihm allein verpflichtete Lehensmänner) in Paris versammeln und ihre Staatsarchive in einer Bibliothek zusammenfassen. Napoleon vermutet auf seiner Seite ausreichend Gravitation. Thunderbolt nicht. In einer vernichtenden Einschätzung zählt er Napoleons Schwächen. Ich kehre Allgemeinplätze. Thunderbolt findet Napoleon lediglich robust, er vermisst wahre Größe. Er bezieht sich auf Claire de Vergennes, Dame du palais und Gattin des Kammerherrn. Napoleon komme ohne Takt aus. Er verstünde nur Militärisches und gäbe einer Kamarilla-Politik allein deshalb den Vorzug, weil er jedwede Legitimation als Begrenzung seiner Machtvollkommenheit betrachte.

Das ist hilflos gedacht, Claire zittert vor ihrem Arbeitgeber. Sie hängt von Napoleon ab.

Thunderbolt nicht. Er achtet auf die kleinen Gleichgewichtsstörungen des großen Mannes. Napoleon kann sich nicht amüsieren, ihn langweilt das Unterhaltungsprogramm für Fürsten. Thunderbolt erkennt in der höfischen Langeweile ein besonderes Versagen. Napoleon erlaubt es keinem, geistreicher zu sein als er. Er übernimmt Gewohnheiten geschlagener Häuser, etwa die Defiliercour mit Knicks und Diener. Er verwirft und erneuert überkommenen Repräsentationspomp.

Er weigert sich, den Ansprüchen der besten Künstler zu genügen. Das ist ein Kulturbruch. Kein Bourbone würde von seinen Pflichten als Mäzen dermaßen ablassen. Zugleich ahmt Napoleon aristokratische Artigkeit falsch nach. Schwerwiegender erscheint Thunderbolt Napoleons fadenscheiniges Verhältnis zum Esprit public. Er lenkt die öffentliche Meinung mit Lügen. Journalistisch fängt er Filterblasenstimmungsbilder ein. Stets gibt er (postfaktisch) dem Effekt den Vorzug. Wahrhaftigkeit bedeutet wenig. Napoleon lehrt das Volk zwischen den Zeilen zu lesen. Das Theater wird zum Informanten. Das ist gut für das Theater und schlecht für die Kunst, sagt Heiner Müller. Thunderbolt erkennt in Napoleons Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit das Hauptversagen. Wer sich Lügner hält, kann nur belogen werden. In diesem Fazit nimmt Thunderbolt Napoleons Niedergang vorweg. 1813 beweist Napoleon dem Fürsten Metternich in Dresden, dass er bereit ist, seinen Egoismus über französische Interessen zu stellen. Anders als ein geborener Fürst, dessen Rang am unglücklichen Ausgang einer Schlacht keinen Schaden nehme, sagt Napoleon, dürfe er nicht verlieren.