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2026-01-23 17:12:34, Jamal

Das Lächeln der Guillotine

Thunderbolt beobachtet die Revolution in Paris für die Virginia Gazette. Er war schon alles Mögliche, jetzt ist er Journalist. Er residiert am Place de la Révolution (heute Place de la Concorde) im konfiszierten Palais des Herzogs von Crillon. Am Tag der Niederschrift köpft man den König direkt vor der Tür auf dem größten Platz der Stadt. Thunderbolt macht ein Vermögen mit der Vermietung seiner Balkone und Terrassen an Schaulustige, die das Vergnügen der Hinrichtung mit Aristopunk steigern.

Als Veteran des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges ist Thunderbolt nichts weniger als zimperlich und schon gar nicht royalistisch. Karikaturen zeigen ihn unter ätzenden Überschriften als reitenden Boten der (oft als Brand dargestellten) Weltrevolution. Vorbemerkungen zu einem nie ausgeführten Gedicht tragen den Titel „Das Lächeln der Guillotine“. Thunderbolt begrüßt den Zeitpunkt von Ludwigs Enthauptung mit einer Feder in der Hand, der Zigarre im Ohr und einem Speichellecker zu seinen Füßen. Für ihn ist Tabak das „Geschenk Amerikas an Europa“. Er vermutet allerdings auch eine Verminderung der permanenten Umsturzbereitschaft „in der alkaloiden Sphäre“.

Dem Henker widmet Thunderbolt einen Aufsatz. Charles-Henri Sanson zählt zu den berühmtesten Männern Frankreichs. Er versieht sein Amt ohne Freude, doch mit Fleiß. Er hat in Paris keinen Kollegen. In den 1790er Jahren richtet er im Akkord hin. Er exekutiert Gegner und Anhänger der Revolution ohne Ansehen der Person. Das Amt ist im Erbgang auf ihn gekommen und geht so weiter.

Thunderbolt nennt Paris die größte Favela Europas. Seinen Lesern begegnet er von oben herab. Nur wer belehrt werden will, wird mit Thunderbolts Prosa glücklich. Alle anderen müssen sich von der Überheblichkeit des Autors abgestoßen fühlen.

Bis zur Revolution erhielten nur Schranzen das königliche Privileg, ein Casino/Freudenhaus zu führen. Damit ist Schluss, trotzdem betreiben und besuchen diese Orte 1793 dieselben Leute wie zuvor. Damit hält sich Thunderbolt wochenlang auf. Er stiefelt durch die Akademien der Liederlichkeit und berichtet von Schnapphähnen mit am Leib schmählich verborgenen Waffen und manchen Compagnien. Aus der derangierten Oberschicht Gefallene machen es ihm leicht. Für einen Louisdor kann man die Nacht durchtanzen. Parolen und Klopfzeichen dichten das Geschehen gegen die Revolutionswächter ab. In den Verließen des Vergnügens kursieren noch die Titel des Ancien Régime. Gräfinnen treiben die Kuppelei soweit, dass sie ihre Töchter anbieten. Thunderbolt findet die entmachtete Aristokratie halt- und bedeutungslos. Dass sie so schlapp und verworfen die Revolution einfach überleben wird, um bei der nächsten Restauration förmlich wieder aufzuerstehen, ist für den Vorgänger von Gertrude Stein und Ernest Hemingway (als Amerikaner in Paris) unvorstellbar.