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2026-01-23 15:46:10, Jamal

Chimborazo

Sechs Jahre nach Alexander von Humboldt erreichte Fürchtegott Thunderbolt im August 1808 den Fuß des Chimborazo. In seinen ursprünglich geheimen, allein dem kurhessischen Fürsten vorbehaltenen Aufzeichnungen meldet er „seit Menschengedenken untätige Feuerspeier“ in der Nachbarschaft des Chimborazo. Thunderbolt erwartete einen Ausbruch des Cotopaxi. Ein Gletscher bemäntelte den Krater. Feuer und Schnee trafen auf unwahrscheinliche Weise zusammen. Alexander von Humboldt beschrieb, wie ein erdgeschichtlicher Hochofen rasend schnell seinen Krater vom Schnee befreite.

„In dunkelroter Gluth erhob sich die Feuersäule des aufsprühenden Schlackenregens zu gewaltiger Höhe. Der Berg empörte sich so furchtbar, dass man seine Beschwerde (im kolumbianischen) Honda vernahm.“ 

Eine leichtfertige Bestellung von Feldern in gefährdeten Gebieten konnte hundert Jahre lang gute Erträge bringen, dann schoss von jetzt auf gleich glühender Auswurf die Hazienda zu Klump und paradiesische Myrtengärten und Orangenhaine verdampften.

Thunderbolt bemerkte auf Almen weidende Lamas - und Vagabunden, vor denen er sich hinter einer Reihe Steindauben verbirgt.

„Die Dauben überstanden Dolmen.“

Die Versprengten erreichten die neolithischen Artefakte. Thunderbolt erwartete, Zeuge eines gefährlichen Blödsinns zu werden. Seine Erwartungen wurden übertroffen.

„Nun tanzten die Männer gegen Bäume und Felsen, während ihre Gefährtinnen mit wachsender Expression im Kreis sich bewegten, zu den Aufforderungen einer Trommel.“

Thunderbolt setzte seine Wanderung im Osten von Ecuador fort. Er notierte: „Der Boden lag wüst. Die Felder gaben die traurigsten Begriffe von indigener Indolenz. Der Mais wuchs allenfalls zwei Fuß hoch und brauchte dreizehn Monate zum Gedeihen. Rinder liefen frei auf Weiden, die Gemeindeeigentum waren.“

Thunderbolt erreichte die ehemalige Inkahauptstadt Quito. Die Stadt lag so im Verborgenen, dass er hineinläuft wie in eine Falle. Sie erinnerte Thunderbolt an ein Alpendorf. Man baute nicht hoch wegen der Erdbeben und wohnte im ersten Stock zweigeschossiger Häuser. In Parterre waren Läden und Werkstätten. Kein Karren taugte für die steilen Pisten.

Der zwölffache Vater Alfonso diente sich dem Touristen als Träger an. Thunderbolt bemerkte - nun in Begleitung - Ruinen, „im Zustand fortgeschrittener Verwitterung“. Was gut und fest stand, zeigte Vorlieben der Renaissance. Was schlecht war, bewies „die schwache Seite des Barocks“.

Der Protestant Thunderbolt verweigerte dem katholischen Kolonialdekor die Anerkennung. Der Ritter versprach ein alter Junggeselle zu werden, pingelig inspizierte er Fassaden und vermisste Ornamente wie in Moskau, Glanzziegeln wie in Lima, Mosaike wie sonst wo. 

Er lobte Fresken und beschuldigte Altäre der Arroganz. Seine Wahrnehmung denunzierte Quito. Eine Militärkapelle unterhielt das Publikum vor dem Palast des Erzbischofs, Thunderbolt fand die Musik „geschwätzig“, die Uniformen der Musiker „pompös“. Ihm fehlte die gute Volksschule. In einem produktiven Sinne tätig, war kein Mensch. Die Leute waren in Erwartung von Naturkatastrophen fatalistisch. Damen ließen sich, wann immer es ihnen angezeigt erschien, innezuhalten, von dem Mädchen, welches sie stets begleitete, einen Teppich unter die Sohlen legen und mitunter die zur Ambulanz gehörende Sitzbank aufstellen.