Postjuveniles Gebirgspetting
„Das westliche Paradies konstituiert sich aus der Hölle (des globalen Südens).“ Heiner Müller
Ich erinnere mich … es war kurz vor Sonnenuntergang. Der Himmel brannte nicht nur. Er glühte. Du sagtest nichts, und ich ahnte, dass dies einer jener Orte war, an denen wir uns schweigend lieben würden.
Der Colca Canyon in der südperuanischen Provinz Caylloma, in der Region Arequipa. Ich habe ihn tausend Mal auf Bildern gesehen, aber nichts, wirklich nichts, bereitet dich auf dieses Gefühl vor. Du findest dich in einem Geschichtsbuch der Erde wieder. Seite für Seite in Gestein geschrieben.
Der Colca Canyon zählt zu den spektakulärsten geologischen Fenstern. Seine Entstehung ist das Ergebnis von Hunderten Millionen Jahren tektonischer Gigantomanie, Vulkanismus und Erosion. Die ältesten Formationen, darunter uralte Metamorphite und Granitgesteine, stammen aus dem Paläozoikum. Überformt wurden sie von Sandstein, Schiefer, Kalkstein und vulkanischen Ablagerungen. Die Gegend war schon alles - tropisches Meer, reliefstarke Küstenregion und hochalpines Flusstal.
Die Farben wechselten mit dem Licht. Von Zinnober zu Ocker, von Sand zu Asche. Und in der Tiefe, fast wie ein flüsternder Gedanke, wand sich der der Río Colca.
Millionen Jahre Erosion hatte die Schlucht entstehen lassen. Du wusstest das. Für dich war es Wissenschaft, für mich Poesie. Ein Gedicht des Wassers und der Zeit.
Dreihundert Millionen Jahre geologische Schichtung, sichtbar in einem einzigen Blick.
Als wir tiefer stiegen, auf einem Inkapfad, begann ich, den Canyon zu hören. Es war nicht der Wind und kein Tier, sondern die Abwesenheit von menschlichem Dominanzlärm. Ich fühlte mich richtig bemessen. Endlich einmal in einem Maßstab, der ehrlich war.
Du deutetest auf eine Stelle mit Felsgravuren – Petroglyphen in einer schattigen Felsspalte. Zeichen der Collagua und Cabana, der ursprünglichen Bewohner des Colca-Tals. Ihre Geister waren noch da, spürbar in der Art, wie der Stein die Hitze hielt oder wie sich ein Echo auf den eigenen Herzschlag übertrug.
Das alles war magisch. Wir gedachten der Collagua. Sie waren die „Menschen des Canyons“ und existierten in Weilern entlang des Río Colca. Der Fluss war eine Arterie ihrer Erinnerungsanatomie.
Erosion und Erotik
In den Dimensionen der geologischen Zeit ist der Colca Canyon jung. Vor Millionen Jahren begann der Río Colca, sich in das Andenplateau zu schneiden. Der Fluss ist bis heute der wichtigste Architekt der Schlucht. Ihm helfen Regen, Frostsprengungen und Schuttlawinen.
Erosion schließt ein komplexes Zusammenspiel von Wasser, Zeit, Gravitation und Klima in eine Begriffsklammer. Der Canyon ist gegenwärtig 70 Kilometer lang, bis zu 3.400 Meter tief und mitunter mehrere Kilometer breit. Früher war der Río Colca wild, heute fließt er reguliert und relativ konstant, mit spürbaren Folgen für Flora und Fauna.
Die Region ist seit wenigstens 12.000 Jahren besiedelt. Zu den frühesten bekannten Kulturen zählen die Collagua und Cabana, deren Felsgravuren, Terrassenanlagen und Keramik nicht nur touristisch-pittoresk erhalten sind. Für die örtliche Bevölkerung ist der Canyon ein heiliger Ort.
Wir suchten einen schattigen Rastplatz und stärkten uns mit unseren Vorräten. Wir verließen uns darauf, vollkommen ungestört zu sein. Ich konnte es kaum erwarten, dass du das Spiel eröffnen würdest. Warum ich nicht einfach anfing? Weil es so erregend war, dich manövrieren zu sehen; zu erleben, wie du die ersten Akzente setztest. Gleich würde die erotische Deckenbeleuchtung aufflammen. Ich wollte dir nicht vorgreifen.
Es waren die Details. Stets waren es die Details.
Ein Wispern ging durch die Bäume, kaum hörbar, als würde die Natur den Atem anhalten. Du bewegtest dich mit dieser stillen Sorgfalt, die nur wenige besitzen. Ich wartete voller Vorfreude. In meiner Leidenschaft hätte ich sofort kommen können.
Du wolltest einen Raum erschaffen; du wolltest inszenieren. Eine Verschmelzung von Naturmonumentalität und Sinnlichkeit lag nah. Ein Blick von dir genügte, um das Licht zu verändern. Nicht heller, nicht dunkler, nur wärmer. Wie eine Einladung. Ich spürte, wie mein Puls sich dem Rhythmus deines Atems anpasste. Du nahmst das Tempo aus jeder Geste. Wie deine Fingerspitzen über meinen Busen strichen, noch ohne mich zu berühren. Wie deine Stimme mich vibrieren ließ. Du schriebst ein Gedicht auf meine Haut nur mit deinem Atem. Ich war bereit, jede Zeile auswendig zu lernen.
Du wolltest dich in mich eingraben wie der Colca in den Canyon. Wachsam patrouilliertest du an meinen Grenzen. Begierig darauf, dass mir eine Regung entkam, die zu meinem verborgenen Wesen gehörte. Ich sollte über meine Ufer treten. Oh, wie gern wollte ich es. Erst jetzt ging deine Hand unter dein Hemd. Ich trug es als Flanellflagge der Liebe. Du untergrubst die Formbügel meines Büstenhalters.
„Lass mich auf der Stelle kommen, Liebster“, bat ich dich.
Ich genoss deine Lustfreude.
„Warte, lass uns gemeinsam kommen, meine Süße.“
Du bedeutetest mit einem Blick, was du wolltest.
Ich öffnete deine Hose und befreite dein Glied. Es schnellte mir entgegen.
„Jetzt,“ sagtest du.
Wir küssten und rieben uns in einem Akt postjuvenilem Gebirgspettings.