Mafiöse Weitsicht
Nichts sollte uns mehr überraschen als der funktionierende Alltag. Aber das überrascht uns nicht. Etwas macht uns glauben, wir hätten einen Anspruch auf Wärme im Winter. Obwohl all die Geflüchteten am Rand unserer Strecken die Kunde von der permanenten Dysfunktionalität weitertragen.
Angeregt von Antonio Gramscis Erkenntnissen, ist Beatrices Vater Deodato Gaggini - seines Zeichens der Pate von P. - schon von zehn Jahren dazu übergegangen, die auf Lampedusa gestrandeten und von ihm eingesammelten Migrantinnen nicht zu missachten. Deodato versteht den Mehrwert des kaum halbwegs fairen Umgangs als Bollwerk gegen die Konkurrenz. Ihm ist man gewogen. Die Plantagenarbeiterinnen springen jederzeit für den Boss in die Bresche. Im Hinterland mafiöser Weitsicht entsteht eine neue Wehrkultur.
Die Geflüchtete Clarice Carangaria hat es weit gebracht im Gaggini-Imperium. Sie führt die gruppi di fuoco an und bewacht die wichtigste Person auf der Liste ihres Chefs.
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Nando wanzt an. Beatrice spürt einen Schwächling unter dem Imponierputz des Muskelmännchens alter Schule, und anstatt belustigt zu sein, empfindet sie die durchsickernde Schwäche fast schmerzhaft als Belastung. Die Schwäche weht sie an wie der Veilchenduft eines Inkontinenten. Beatrice kapiert nicht, warum ihr Vater Nando ein Mandat gegeben hat; wieso dieser Niemand aus Crotone im Kabinett der Gaggini-Schießknechte einen namentlich gekennzeichneten Platz einnimmt.
Was für ein Fake von einem Killer, denkt Beatrice mit diskret gerümpfter Nase. Obwohl jung an Jahren, weiß die Tochter des Paten schon, dass Schwäche gefährlicher ist als Stärke; und dass man nicht nur intelligente Freunde braucht, sondern auch intelligente Feinde, um in einem gedeihlichen Check & Balance nicht auf die schiefe Bahn von Fisher's Runaway Selection zu geraten.
Hypertrophie ist eine kompensierende Geste. In der Wahrheit sind wir alle leptosome Ausdauerjäger, es sei denn, wir sind bloß Kackvögel.
Beatrice schüttelt Nando ab.
„Verpiss dich", sagt sie mit süßer Schärfe. Man kann das mit Humor nehmen. Es klingt jedenfalls nicht so böse wie es gemeint ist.
Verpiss dich. Wäre ich Supermarktleiterin, würde ich dich noch nicht mal die Einkaufswagen zusammenschieben lassen. Mit der Schärfe der Fortpflanzungsbereiten sondiert Beatrice das genetische Territorium, in das sie von ihrem Vater eingewiesen wurde. Das ist deine Wiese, Baby. Da darfst du wählen. Im Übrigen ist die Welt zu gefährlich.
Der Witz ist, ich meine, allein deshalb lohnt es sich, diese Geschichte zu erzählen, dass Beatrice ihrem Vater glaubt. Mehr noch. Sie weiß, dass er recht hat. Das weiß sie natürlich nicht aus Erfahrung. Woher denn? Mein Gott, Beatrice ist zwanzig.
Also, woher weiß sie das? Ich sage, das ist Herrschaftswissen. Das hat Beatrice im Blut. Da ist kein demokratischer Filter, der sie verlangsamt. Sie ist eine Prinzessin, und das ist ein Job, dem Beatrice vorbildlich gerecht werden möchte.
Sie steigt in ein Taxi, es ist Samstag kurz vor halbzwölf im letzten prä-pandemischen Jahr. Die Leibwächterinnen schmeißen sich in ihre Limousinen und starten die Verfolgung. Don Gaggini würde sie eigenmächtig köpfen, wären sie so saumselig, Beatrice aus den Augen zu verlieren.
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Man kann alle Achttausender seines persönlichen Sex-Himalaya erklommen haben und doch die höchste Erfüllung verfehlen, weil sich ihre Voraussetzungen im Nebel verbergen. Eines Morgens erwachte Beatrice mit der Erkenntnis, dass das Entscheidende für sie das Explizite ist. Der größte erotische Reiz liegt für sie in der Sprache.
Für Beatrice ist jede sexuelle Interaktion so schön wie die Narration, die den Akt bekränzt. In einem bettwarm-schläfrigen Augenblick im letzten prä-pandemischen Sommer assoziiert sie ein prestige-prächtig geschmücktes, frisch aufgeworfenes Grab. Sie sieht sich auf einer großbürgerlichen Beerdigung mit berühmtem Trauerredner. Beatrice sitzt neben ihrem Professor, er schiebt eine Hand unter ihren Po und das löst genug aus, um komplizenhaft aufzurücken.
Überall drohen die Fallstricke des Mechanischen. Ein falsches Wort, dessen Redundanz offenbart, wie unverbindlich der Sprecher zur Sache kommt, verkürzt die erotische Startbahn so, dass Beatrice nicht abheben kann.
Ein wortlos durchgeturnter, orgastisch finalisierter Akt bleibt eine trostlose Angelegenheit. Etwas kann öde sein und trotzdem mit einem Orgasmus enden. Die Lust hat ihr eigenes Alphabet, jeder muss noch einmal von vorn anfangen, sobald er sich selbst gegenüber persönlich werden möchte.