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2026-01-20 14:34:19, Jamal

Monogamie außerhalb der Ehe

Wenn wir träumen, woran erinnern wir uns dann? Wohin führt die Anthropologie, die uns im Blut liegt? Ganz bestimmt lassen wir in Hunger und Schmerz, im Vertrauen und in Verachtung die Bibel und Babylon, die Sintflut und den Anfang der Sesshaftigkeit hinter uns. Wir kehren zurück in verborgene Täler, die Gruppen Schutz boten und der Isolation Vorschub leisteten und gelangen sogar darüber hinaus noch in der Flüchtigkeit eines Gedankens, in einem schnellen Urteil, einer vortrefflichen Reaktion als Verkehrsteilnehmer, einem unvernünftig erscheinenden Unbehagen, einem Anflug von Ekel so wie in plötzlicher Zuneigung. Endlich geraten wir auf eine Kreuzung, auf der vor dreißigtausend Jahren Leute von robustem Wesen bald zum letzten Mal ihre Spuren hinterließen. Diese Beunruhigung träumen wir vielleicht, sie könnte überlebt haben in Angst und Verachtung als stammesgeschichtlichem Erbe. Die längste Zeit waren wir nicht unangefochten unter uns Ähnlichen. Wir sind zu unserer Stellung im Verlauf einer kulturellen Beschleunigung gekommen, die erst vor vierzigtausend Jahren einsetzte. Was, wenn ein alter Rivale wieder hochkäme von den Brettern seiner Niederlage? Er wäre doch nur für die Dauer eines Wimpernschlags groggy gewesen.

Harkan passte seine Preise den finanziellen Möglichkeiten der Kunden an. Mit einem Blick erfasste er die Spielräume. Seit Jahr und Tag stand er mit seinem Gemüse vor der Zoo-Passage. Aus einem Schacht strömten die Verbraucher zur Auslage. Auch Straßenbahnen hielten förmlich davor.  

Es gab Leute, die bloß einen Apfel brauchten, den sie mit Kennermiene angelten, am Ärmel polierten, um dann wie in einem Spot die Zähne ins Fruchtfleisch zu schlagen. Andere hatten für große Familien einzukaufen und schleppten Harkans 1-B-Gemüse tütenweise weg. Das war im Ostend Alltag. Jede Lebensäußerung wurde gedeckt von echter und vorgetäuschter Gleichgültigkeit der Übrigen. Man ging einfach vorbei. An den Junkies im Windfang der Passage. An den vor Fremdheit und Zurückweisung wie Gestauchten, in ihren Gehzelten Verborgenen.

Trinker beschützten ihre Gesichter.

Lara kam vorbei, sie arbeitete in der Methadon-Ausgabestelle der Malteser, ihr letzter Chef war als Hochstapler aufgeflogen. Ein Junkie, der den Arzt (eine Weile) perfekt gespielt hatte. Nun leitete Lara die Einrichtung. Sie ignorierte ihre Kundschaft, sie ließ sich sehenden Auges bescheißen. Sie betete den Herbst in einem Rollkragenpullover herbei.   

An einer Hauptverkehrsstraße wähnte sich Harkan an der frischen Luft. Er nannte die frische Luft einen Vorzug seiner Arbeit. Nur an den kältesten Tagen verlor er seine Gemütlichkeit. Dann fing sich der Wind im Verschlag, die Eilenden im grauen Frost nahmen eine sich selbst umarmende Jammergestalt wahr.

In jenem Sommer verdunstete jeder Gedanke an Kälte. Großkalibrige Gangster quartierten sich in Hotels mit klimatisierter Lobby ein. Solche, in den tiefen Lagen der Stadt gärenden Geschichten an die große Glocke zu hängen, war für mich mehr Leidenschaft als Gelderwerb. Ich pflügte die Stadt mit meinem Willen zum Herausposaunen. In den Schneisen wucherte Hass. Ich ging nur bewaffnet unter die Leute und liebte es, so gefährlich zu leben. Ich war furchtlos bis zum Wahnsinn und doch noch nicht einmal schwindelfrei. 

Lara und ich ließen Harkan zurück und begingen die Wallanlagen. Süchtige grüßten den blonden Engel der Malteser. Wie viele Drogenhelferinnen war auch Lara eine halbe Junkie. Der Underdog in ihr schlug ständig an. Lara konnte sich nur gehen lassen, wenn keine Bürgerlichkeit im Spiel war. Sie verkehrte fast intim mit den lottrigsten Typen. Zwei Brüder umkreisten uns wie wilde Hunde. Die Jungen lebten seit Jahren auf der Straße, sie hatten beide einen schweren Hau, überstanden sich aber gut im brüderlichen Schutz- und Trutzbund.

Lara behauptete, dass die Jungen etwas gesehen hatten als Kinder in einem Krieg. Dazu Flucht und Vertreibung. Diese Jungen würde keiner mehr auf eine gesellschaftliche Bahn kriegen, Lara war für sie sowohl Mutterersatz als auch Objekt der Begierde. Die Drei verständigten sich in einem tierischen Kode.

„Kannst du sie nicht abschütteln?“ bat ich.

Lara stieß einen Pfiff aus und die Jungen stoben davon.

Wir kamen in einen kleinen Garten am Eschenheimer Turm. Hier hatte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Stadtphysikus Johann Christian Senckenberg den Stiftsgarten als ersten Botanischen Garten Frankfurts anlegen lassen. Später wurde die Anlage in die Siesmayerstraße verlegt. Wie mit Gewalt schien die Bauwut vor den Wällen zum Stehen gebracht. Ich wusste, dass ein Wallservitut die Bebauung einschränkte.  

Zum ersten Mal besuchte ich gemeinsam mit Lara Norbert Nasenschweißens im letzten Jahrtausend als Kleinkunstbühne gegründetes, zum Frankfurter Burgtheater hochgejazzten Gernegroß.  

*

Akustische Textaufnahme ist nicht jedermanns Sache. Die meisten Leute reden lieber selbst. Um sich was erzählen lassen zu können, muss man Eigenschaften so kultivieren wie eine Landschaft. Das Urwüchsige bleibt auf der Strecke. Auch das innere Gelände muss gerodet und mit Disziplin eingefriedet werden. Fortgeschrittene kontrollieren ihre Körpersprache. Sie stellen die Mimik ein und erscheinen undurchdringlich.

Das sieht man manchmal bei älteren Männern, wahren Loriotgestalten, die sich während einer Lesung vor der Umgebung abschließen, als wollten sie das mit ihrer Anwesenheit dokumentierte Interesse in der Art, anwesend zu sein, dementieren. Pensionierte Studienräte könnten sie sein oder Richter im Ruhestand. Ich stelle mir vor, dass sie auch dann mit Krawatte zu Tisch gehen, wenn sie allein essen.

Solche Leute traf man auch im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters bei Veranstaltungen, die im Ganzen ein Publikum anzogen, das offenbar von jedem zeittypischen Gestaltungsaufwand verschont bleiben wollte. Die Termine gingen in prosaischer Foyeratmosphäre wie Kurkonzerte über die Bühne. Ein Schauspieler las aus einem Roman und damit hatte sich das.

Eines Abends las Michael Thomas aus „Januar“ von Iris Jiménez. Die Geschichte findet unter einem Wildlederhimmel statt. Am andalusischen Anfang kämpft ein wilder Hund mit einem Hofhund. Ein aristokratischer Salon-Republikaner auf der Flucht beobachtet den Kampf in Erwartung der Niederkunft einer zur Schwägerin aufgestiegenen Magd. Seine Empfindungen sind rustikal wie Eichenmöbel. Sein Bruder, der Bauer, ist verschollen. Francos Spanien ist ein Sack voll schmutziger Geheimnisse. Der Waffengang hat die Gesellschaft einen Blick auf ihren Grausamkeitsvorrat werfen lassen. Abgestiegener Adel arrangiert sich mit Emporkömmlingen, die in der franquistischen Etappe reich wurden; während andere „Sieger“ sich im Rinnstein wiederfinden: wie jener Schuhputzer aus Salamanca, der seinen Namen mit einem „del“ eigenmächtig aufwertet. Mit dem Groll des Vaters in den Fäusten, gewinnt ein Sohn seinen ersten Kampf. Ein verfemter Arzt liest Roman in der leeren Praxis. Die Bäuern gebiert, der Schwager tritt an die Stelle des Gatten. Er stirbt bald „kerngesund“ nach einer Zeit sturer Leidenschaft. Man war nicht füreinander vorgesehen gewesen, die sozialen Reflexe hatten auf der ganzen Linie versagt und folglich etwas Unerhörtes zugelassen.

Thomas zog die Wucht aus den Wörtern und zeigte sie vor. Das war ein Kraftakt, der Adern hervortreten ließ. Ich saß neben Lara, die zum Erbeben gut roch und nicht zeigen wollte, wie entzückt sie war. Am nächsten Abend las sie selbst - als erste Autorin von fünf - in der „Alten Patrone“ am Judensand. Nach ihr traten Meinecke und Lottmann auf. Beide bestanden auf Zuständigkeit für Themen, die in den guten Zeiten des Kursbuchs zum westdeutschen Diskurshype taugten. Sie kontrollierten den Mittelstand. Ihre Prosa wirkte wie ein Radar, der Erneuerungsphänomene erfasste, die dem regulären Lauf der Dinge Energie zuführten.

Lottmanns Ende der Achtziger erstmals publizierter und damals sehr gelobter Roman „Mai, Juni, Juli“ war gerade noch einmal erschienen. Lottmann haderte mit sich und dem Podium. Zu seinem Personal gehörten „falsche Konfirmanden“, „real existierende Trauerklöße“ und „prä-pubertierende Individual-Anarchistinnen“, kurz „Krüppel im Krebsgang“.

Meineckes Helden kannten solche Leute auch, aber sie gaben sich mit ihnen nicht ab.

Das Veranstaltungsmotto lautete: „Kanaken, Ossis und andere Deutsche“. Zaimoglu las mit Jana Simon um die Wette. Die beiden trafen sich in einer extremen Perspektive. Ein paar Tage zuvor hatte ich Simons Opa besucht, der in der Steinzeit des literarischen Prenzlauer Bergs der neuen Lyrik publizistische Beine gemacht hatte, zu befragen. Simon las aus „Denn wir sind anders“. Sie erzählte, dass Ostberliner Gangs ihre Rituale aufeinander abstimmten. Hooligans, die eine DDR-Kindheit verband, grüßten sich wie die „Ethnokids“ im Westberliner Melting Pot. Ich machte mir Notizen, in Zaimoglus „German Amok“ gab es Stichworte für eine exquisite Tirade.