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2022-06-13 08:04:12, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Die Geschorenen

Sie ist neu und weiß es nicht besser. Niemand hat sie gewarnt. Niemand kümmert sich um sie. Man ignoriert sie. Da die Entscheiderinnen schweigen, wagt es keine aus dem Ensemble der Unterworfenen, Siegried mit einer einladenden Geste entgegenzukommen. Daran gewöhnt, links liegen gelassen zu werden, wählt sie einen Platz nah der Lehrerin, sich unter dem Schirm durchsetzungsfähigen Wohlwollens wähnend.

Nichts weiß Siegried, die Tochter einer mit neunzehn verwitweten Mutter, die selbst nie etwas anderes war als eine im Regen stehengelassene Debütantin; darauf wartend, dass ihr einer die Tür aufhält, den Arm reicht und ihr das Finanzamt vom Leib hält.

Kooperation ist Kollaboration. Wer mit dem Feind fraternisiert, wird geschoren. Das steht in dieser Schule an jeder Wand.

Ahnungslos trotzt Siegried dem Komment. Sie will sich gewiss keiner Autorität widersetzen. Frau Jon fürchtet Siegrieds manierliches Wesen. Mit so einer empfänglichen Schülerin kann sich eine Lehrerin in diesem Höllenkreis nur Ärger einhandeln. Solange sie die Raubeinigkeit der Politischen nicht tadelt, besteht eine Aussicht auf Überleben. So lange muss die dämliche Jon lediglich die Ahndung kleinerer Verfehlungen fürchten.

Siegried bemerkt das Verhältnis von Peripherie und Zentrum auch in Goethes biografischer Geografie. Frankfurt und Weimar sind epochale Hotspots. Noch in der Topografie spiegelt sich Goethes titanische Geltung.

„Des Menschen Wohnung ist sein halbes Leben.“ Das schrieb Goethe in einem Brief vom 30. Dezember 1795 an den Maler und Freund Johann Heinrich Meyer. Mit ihrem Wissen setzt sich Siegried dem Unmut der Klasse aus.

*

Ein Buchen- und Eichensaum schirmt charmant den Gründerzeitklotz ab. Siegried fühlt sich lost in der fremden Umgebung. Wie ein zurückgedrängter Schluckauf meldet sich das Unbehagen, um in Angst überzuschnappen.

Siegried rät sich zu Optimismus. Tapfer lächelt sie einem Drachen entgegen. Doris, die Politischste aller Politischen, findet die Prügelstrafe im Geist einer Kulturrevolution jederzeit angemessen für unbotmäßige Schülerinnen nicht weniger als für die Lehr/Leerkörper.

Man sieht ihr das nicht an. Der Radical Chic könnte sonst was illustrieren. So oder so kann Siegried den Kode nicht knacken. Sie kommt von einem anderen Stern. Das ist nicht ihre Welt. Wie sehr nicht, davon hat sie immer noch keine Ahnung. Wie auf ein geheimes Kommando hin verstellen plötzlich sieben Befehlsempfängerinnen Siegried den Weg.

„Wo er einen Spaß macht, liegt ein Problem verborgen.“ Goethe über Lichtenberg

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„Wer nicht kann, was er will, soll wollen, was er kann.“ Leonardo da Vinci

Le châtiment de tonte de la chevelure d‘une femme. Zwei Stunden später erfüllt die Gemaßregelte gesenkten Hauptes und mit grob geschorenem Kopf ihre vorläufig letzte Strafpflicht. Siegried übergibt Doris ein schlichtes Schreibheft. Die Formel „Kooperation ist Kollaboration“ füllt die ersten beiden Seiten in Siegrieds unglücklichster Schönschrift.

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Auf das Schulgelände gelangt man durch ein Portal, das wie ein Triumphbogen anschlusslos in der Gegend herumsteht. Die Form schlägt den Zweck. Daneben liegen Sport- und Parkplätze und, geschützt von einem Heckenrechteck, ein Pool, groß genug, um Wettkämpfe darin auszutragen.

Siegried trägt einen Schammantel, der sie fast ganz verbirgt. In der Ruhe, die man ihr lässt wie einem halbtoten Tier, das ebenso gut verenden wie überleben kann, sucht sie nach Begriffen, die es ihr erlauben, sich zu bewahren. Ihre Glatze weist sie als Geächtete aus. Man kann sich an ihr vergehen. Der Beweis ist erbracht worden. Sollte sich Siegried in eine Form bringen, die sie zum Widerstand befähigt, wird das als Sklavinnen-Aufstand in die Annalen eingehen. Aber wäre das nicht egal?

Siegried geht Doris aus dem Weg. Doch auch Doris fehlt die Unbefangenheit, mit der sie sonst alle überrollt. Sie ahnt Siegrieds Reserven. Diese Delinquentin lässt sich nicht nach Schema F unterjochen.

„Als Terroristin handelt, wer als Hersteller des Todes auf kurzem Weg und als Ausbeuter der Schockwelle nach der Handlung auftritt.“ Frei nach Sloterdijk, Hegel bemühend.

Noch lief Doris keine Feindin von Format über den Weg. Vielleicht sieht sie die Zeichen deshalb nicht. Schon huscht Siegried in einen toten Trakt des Schulhauses, um im Verborgenen … ein verheißungsvoller Schmerz …

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Siegried entzieht sich mit überfordernden Beschäftigungen den Nachstellungen; diesem schwelenden, überwollenden Interesse an ihrer Person unter Laborbedingungen. Nicht alle Unterworfenen lassen sich gleich weit treiben. Alle möglichen Strategien zur Vermeidung des Schlimmsten kursieren. Gedemütigte verachten Gedemütigte. Jene, die über alle Grenzen in der totalen Aussichtslosigkeit versacken, lösen Angst und sogar Hass aus. Um geht die Angst vor Ansteckung mit Schwäche. Jene, die als Gehilfinnen der Tyranninnen die Seite wechseln konnten, investieren enorm in eine heroische Fama.

Siegried misstraut dem Programm gewalttätiger Gewaltopfer. Intuitiv stellt sie eine (sprachanthropologisch gestützte) Behauptung auf: Das Tier, das wir sind, ist ein Tier, das sich die Welt erzählt.