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2022-06-03 05:49:30, Jamal Tuschick

In den 1950er Jahren fungierte Arno Schmidt als „Schreckensmann“ des Feuilletons. Er stellt sich mit seinen Urteilen quer. So zieht der Streitbare die Aufmerksamkeit skeptischer Zeitgenossen auf sich. Dem NATO-kritischen Nonkonformismus dient er als Galionsfigur.

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„Das Erlebnis eines Düsenjägers kann mir Goethe nicht vorweggenommen haben.“

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Den Adalbert Stifter des Nachsommers charakterisiert Schmidt als „sanften Unmenschen“.

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„Das war eine der wichtigsten Stunden in meinem Leben.“ Hans Wollschläger nach der ersten Begegnung mit Schmidt

Altfränkische Abdeckung

Im Anbahnungsgespräch präsentiert sich der Verleger Ernst Krawehl als Teilhaber eines Familienunternehmens. Um dessen Bestandskraft nicht zu schmälern, sei er mit seinem Bruder übereingekommen, dass jener nur heiraten und eine Familie gründen dürfe.

Das altfränkische Arrangement soll Schmidt mit den Worten quittiert haben:

„Welch tolle Einfälle, wie bei Dynastien.“

Nur der Firmenführer kann sich nach den bürgerlichen Spielregeln fortpflanzen, der andere muss dem Großen und Ganzen zuliebe ledig bleiben. Der Ausgleich gestattet ihm dann immerhin eine spleenige Lebensweise.

Sven Hanuschek spricht von einer „originellen Deck-Erklärung“. Schmidt sei der Legendencharakter der unverlangten Erklärung nicht aufgegangen.

Sven Hanuschek, „Arno Schmidt“, Biografie, Hanser, 45,-

Autor und Verleger werden sie einig. 1956 erscheint „Das steinerne Herz“* im Stahlberg Verlag. Krawehl wirkt da als vorherrschender Gesellschafter. Schmidt gegenüber unterstreicht er seine Entscheidungsreichweite.

*Ich-Erzähler Walter Eggers beklagt den „Rüstungsalp Adenauer“. Die radikale Westbindung verstelle alle Aussichten „auf eine Wiedervereinigung in absehbarer Zeit“.

Eggers bescheinigt den Führern der freien Welt „Altersfrechheit (und) … greisenhaften Eigensinn“. Der Protagonist zieht im Geist der Friedensbewegung vom Leder. Er kritisiert das Restaurationsklima und die Rosenzuchtphilosophie der Adenauer-Republik auf dem Peak der Fresswelle.

Die Wiederbewaffnung, die Verweigerung der Einsicht in die Kriegsschuld, das Zurückdrängen der Frauen aus der Erwerbsöffentlichkeit und ein staatlicher Antikommunismus bilden die Hauptantriebe einer weitreichenden Regression, die sich im Heimatfilm spiegelt.

Man scheucht die Frauen zurück an den Herd. Weibliche Berufstätigkeit zählt zu jenen Übeln, die einer „Auflösung der Familien“ Vorschub leisten.

Joyce und Schmidt

Zunächst treffen die schließlich notorischen, in der konkreten Nachkriegszeit jedoch diskussionswürdigen Vergleiche mit James Joyce einen Autor, der Joyce nicht kennt. Mich überrascht die Information. Bis eben glaubte ich, Schmidt sei mit Joyce im Handgepäck zum Mond der Literatur geflogen. Tatsächlich verdankt er die Bereicherung seinem Verleger. Krawehl schenkt Schmidt 1956 eine deutsche und eine englische Ausgabe des „Ulysses“.

Schmidt erkennt Joyce‘ Größe sofort an. Er mäkelt, schmälert, filetiert und fintiert nicht. Kurz, er verzichtet auf den üblichen Eiertanz der Abgrenzung mit den Mitteln der Herabsetzung.

Allerdings gilt das nur für den überragenden Kollegen. Der Übersetzer Georg Goyert kriegt sein Fett weg. Schmidt findet „haarsträubende Fehler“. Die Abrechnung mit dem braven, in seinen Grenzen untadeligen Goyert stößt eine öffentliche Debatte an. Dabei fährt man auch dem schäumenden Kritiker in die Parade. Der Jagdschriftsteller Hans Liepmann weist Schmidt einen im Furor begangenen Fehler nach, den der Korrigierten gewiss keinem anderen durchgehen ließe; sich selbst jedoch schon. Goyert meldet sich auch selbst und beweist Satisfaktionsfähigkeit auf der ganzen Linie. Er nimmt den Angriff mit erstaunlichem Humor. Es gelingt ihm sogar, Schmidts Inquisitor-Pose zu karikieren; ein Zeichen, dass er nicht zu sehr getroffen wurde.

Schmidt liefert Vorzeichnungen für ein bundesrepublikanisches Kolossalgemälde, das ihn als Kongenialen neben Joyce und einen Spieler, der noch in den Kulissen schlummert, als begnadeten Adoranten zeigt.

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„Das war eine der wichtigsten Stunden in meinem Leben.“

Das verkündet Hans Wollschläger nach der ersten Begegnung 1958 mit jenem Meister, den zu rühmen, er fortan nicht müde wird. Schmidt erhebt nicht nur Goyerts Nachfolger im Amt des Joyce-Übersetzers in den Adelsstand. Er setzt sich auch selbst ein Denkmal, das in jeder Dekade größer wird, bis es in der schlichten Feststellung gipfelt: dass es in Deutschland keine hundert Leserinnen gäbe, die Schmidts Billett fürs Pantheon, namentlich Zettel’s Traum, zu würdigen die Intelligenz besäßen.

Geboren am 2. Februar 1882, machte James Joyce mit der Veröffentlichung des „Ulysses“ seinen vierzigsten Geburtstag 1922 zum Meilenstein der Literaturgeschichte. Suhrkamp nahm zuletzt den Geburtstag und das Jubiläum eines Großmeisters der Moderne zum Anlass für eine weitere Ausgabe der sagenhaften Wollschläger-Übersetzung aus dem Jahr 1975. Hans Wollschlägers Auftritt als Übersetzer evozierte das Kolossal einer postumen Kollaboration, wenn nicht sogar einer Transition aus der anderen Welt; so als sei Joyce wegen Wollschläger noch einmal vom Olymp gestiegen, um dem einsamen Titanen im Zwergenland BRD mit Eingebungen auf die Sprünge zu helfen und ihm die richtigen Deutungsnoten zu soufflieren.

Obwohl ich beinah ein Kind noch war, blickte ich der „neuen Übersetzung“ des „Ulysses“ mit den hochgespannten Erwartungen eines erfahrenen Lesers entgegen. Die vor ihrem (mehrmals herausgeschobenen) Erscheinen in den Himmel gelobte Publikation trumpfte mit einer marktschreierischen Ankündigungsgeschichte auf. Sie gebar ihr eigenes Gerücht. Angeblich sei es Hans Wollschläger in seiner Eigenschaft als Übersetzer gelungen, dem Jahrhundertwerk nicht bloß kongenial gerecht zu werden, sondern überdies mehr Bedeutungsebenen herauszuschlagen als in dem hyperträchtigen Text bisher ins Gespräch gebracht worden waren. Wollschläger kursierte als einäugiger Solist unter lauter blinden Elfenbeinturmbewohner:innen. Ehrfürchtig sprach die Gemeinde von der „Wollschläger-Ausgabe“.

Einzelgänger der Kunstfreiheit

In den 1950er Jahren ahnt noch niemand etwas von Schmidts künftiger Reichweite. Schmidt fungiert als „Schreckensmann“ des Feuilletons. Der Biograf zitiert den Großfeuilletonisten Hans Schwab-Felisch, der eine bizarre „Kulturferne“ bei vielen Aposteln der Wiederaufrüstung unter den Vorzeichen der Westbindung entdeckt. Schwab-Felisch unterstellt den Prinzipalen keine Kunstfeindlichkeit im engen Sinn. Vielmehr konstatiert er eine Verwunderung darüber, dass die verbriefte Kunstfreiheit auch genutzt wurde.

Schmidt fehlt im Galionsfigurenkabinett der verfeinerten Trümmerliteratur, in dem Aichinger, Eich und Heißenbüttel herausragende Rollen spielen, während die rheinisch-katholische Böll-Ästhetik eine anschlussfreie Muster-Ikonografie begründet.

Aus der Ankündigung

Sven Hanuschek legt die erste grundlegende Biografie über Arno Schmidt vor – mit überraschenden Entdeckungen aus dem Nachlass des Schriftstellers

Er stilisierte sich zum Einzelgänger in der Heide, seine Leserschaft versteht sich bis heute als verschworene Gemeinschaft: Und doch hat es Arno Schmidt zum Klassiker der Moderne gebracht. Bis jetzt aber fehlte noch eine grundlegende Biografie, die auch dem umfangreichen Nachlass gerecht wird. Sven Hanuschek hat eine Fülle neuer Quellen ausfindig gemacht, die einen neuen, umfassenden Blick auf Schmidts Persönlichkeit eröffnen, auch wenn sie damit manch vertraute Mythen entzaubern. Und er hilft bei der Orientierung in einem riesenhaften Werk, das zu den Höhepunkten der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts zählt. Nicht nur Arno Schmidts Gemeinde hat schon lange auf eine solche Biografie gewartet.

Zum Autor

Sven Hanuschek, geboren 1964, ist Publizist und Professor am Institut für deutsche Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien bei Hanser Elias Canetti (Biografie, 2005), bei Zsolnay Laurel und Hardy (Eine Revision, 2010), außerdem ist er einer der Herausgeber von Elias Canettis Briefen, die 2018 unter dem Titel "Ich erwarte von Ihnen viel" erschienen sind. Er lebt in München.