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2022-06-01 07:02:12, Jamal Tuschick

Kapitalistisches Systemversagen

„Dass die tiefste kulturelle Revolution durch den Einzug der Marginalisierten in die Repräsentation ausgelöst wurde - in der Kunst, der Malerei, der Literatur, überall in den modernen Künsten, in der Politik und im sozialen Leben im Allgemeinen. Unser Leben wurde durch den Kampf der Marginalisierten um Repräsentation verändert.“ Stuart Hall

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„Faschismus ist ein wiederkehrendes Symptom des Systemversagens im Kapitalismus.“ Paul Mason

Katja Kippling, Paul Mason © Jamal Tuschick

Politische Klimakatastrophe

In dem Aufsatz „Keine Angst vor der Freiheit“ erzählt Paul Mason von seinem Vater, einem Mann, der in seinem Milieu keine herausragende Stellung einnahm und mit der Kumpel-Akzeptanz über die Runden kam, die sich die Bergarbeiter im englischen Leigh gegenseitig einräumten. Der alten Mason hatte die Depression der 1930er Jahre als Kind erlebt und prophezeite 1980 als Großbritannien „in die Rezession schlitterte: Wenn eine weitere Depression kommt, werden die Rassenvorurteile zurückkehren“.

Der Journalist Mason benennt die Pfeiler seiner Herkunftskultur: „Hass auf alles, was mit den Reichen zu tun hatte, Misstrauen gegenüber allem, was von draußen kam, und Ablehnung gegenüber all jenen, die dem marktwirtschaftlichen Denken Vorrang vor dem menschlichen Anstand gaben.“

Mit diesem Rahmenprogramm hatte man Jahrzehnte sozial gewirtschaftet und so eine Gemeinschaft in Gang gehalten, die sich zwischen Gruben, Kneipen und Vereinen zu behaupten wusste. Die Gruppenidentität wirkte wie ein Ausschlussverfahren, dass alle distanzierte, die als Verderber des Gemeinwesens wahrgenommen wurden. Das betraf Handelsvertreter, Kredithaie und Mieteintreiber, die nach dem Zechensterben in den Arbeiterquartieren kleine Unternehmen etablierten, Reinigungs- und Sicherheitsfirmen sowie Sonnenstudios, mit denen sich das organisierte Verbrechen verband. In der Umgebung florierten Daseinsvarianten von überschuldeten Drogenkonsumenten.

Mason beschreibt seine Heimatstadt als eine Hochburg der Labour Party, die in der Thatcher Ära der „fremdenfeindlichen Rechten“ in die Hände fiel.

„Einige haben die Kultur des Widerstands gegen das Kapital durch eine Kultur der Revolte gegen Globalisierung, Zuwanderung und Menschenrechte ersetzt.“

Weiter weg von ihrem wahren Feind können diese Leute ihre Wut nicht ausleben. Mason erinnert daran, wie Foucault Thatcher und Reagan ankündigte: als Industriezerstörer. Die strategische Spaltung der Arbeiterklasse in Traditionalisten und Abtrünnige diente in erster Linie einer Schwächung der Gewerkschaften (Mason). Fortan war jeder „Unternehmer seiner selbst“ (Foucault).

Damit kann Masons Vater nichts anfangen. Eine Arbeiterkultur ohne Kontakt zur Arbeit, ist ihm nicht beizubringen. Die Paradoxie nistet sich in Leigh ein. Der Kredit, chinesische Billigsachen und Migranten in der Nachbarschaft produzieren die Bilder des Alltags und des Kinos. Eine Reihe englischer Filme der 1990er Jahre erzählen die Geschichte. Hooligans, die vor der Deregulierung ihrer Lebenswelt der üblichen Sozialkontrolle unterworfen waren, übernehmen heruntergekommene Gebiete, kassieren Schutzgeld, führen Clubs und handeln mit Drogen. Sie absolvieren steile Karrieren und kratzen frühzeitig die finale Kurve. Leigh liefert die englische Variante zu Updikes (überlebensgroß einer Stadt namens Reading im US-Bundesstaat Pennsylvania nachempfundenen) Brewer, dem Hauptschauplatz der Rabbit-Tetralogie. Interessant ist die Wikipedia-Charakterisierung von Reading.

„Reading war der Sitz der Eisenbahngesellschaft Reading Railroad, die im Jahr 1833 ihren Betrieb aufnahm. Reading ist eine typische Industriestadt des Nordostens (Rust Belt), die in den letzten Jahrzehnten mit den Problemen des Strukturwandels zu kämpfen hatte. Einer der Hauptwirtschaftszweige ist traditionell die Fertigung von Brezeln, dem Reading den Beinamen The Pretzel City verdankt: Bis heute bestehen vier Brezelbäckereien in der Stadt. Die Bevölkerung besteht heute zu 58,2 % aus Hispanics, die überwiegend aus Puerto Rico stammen und über New York in die Stadt kamen.“

Identität braucht einen Ort

Der Verlust des Habitats durch Verslumung signalisiert einer aufgegebenen Klasse ihre Bedeutungslosigkeit. Auf dem Gipfel der Wertlosigkeit hat man keinen Ort mehr vor der Schanze. Man fürchtet den Gerichtsvollzieher und kommt nicht weiter als bis zur nächsten Pfandleihe. Nun ist egal, ob man seinen Gegner kennt oder verkennt; man ist so oder so zu schwach. An diesem Punkt des Desasters kommt der Brexit. Mason schreibt, dass „27 Prozent der Schwarzen und 33 Prozent der asiatischen Briten für den Brexit stimmten“. Die ethnisch differenten Vermarkter:innen ihrer Arbeitskraft (im globalen Wettbewerb) begreifen nicht, wer und was sie einschränkt.

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Bis heute faszinieren mich Distinktionsgewissheiten kleiner Leute, die den Bogen nie überspannten und sich auf der Kirmes jedes Jahr öffentlich übergaben, ohne Ansehensverluste hinnehmen zu müssen. Das sozialdemokratische Wir hatte hundert Jahre Arbeitskampf in der Industriegesellschaft auf dem Buckel, vom Informationszeitalter hatte noch kein Mensch gehört. Was uns konstituierte, lag in der Vergangenheit. Wir vernahmen lediglich das Brausen der Gegenwart.

Wolfgang Streeck, auf den sich Oskar Lafontaine gern bezieht, schreibt: „Die Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft erwies sich als weit kleiner als die untergehende Industriegesellschaft; so wuchs die Zahl der nicht mehr Gebrauchten, der Überschussbevölkerung.“

Die Dorfsozialist:innen meiner Kindheit

Die Dorfsozialist:innen, denn Sozialist:innen waren sie in ihren Herzen, wenn auch reaktionäre, rassistische, schwerfällige, anti-internationalistische Sozialist:innen, erkannten die Reiter:innen der Apokalypse nicht. Ihnen erschien der langsam aufkommende Hedonismus für den Hausgebrauch degoutant. Das bleibt deshalb interessant, weil da ja jene Grünen herkommen, die heute die SPD mühelos in den Schatten stellen, und ihre bürgerliche Herkunft in schwarzgrünen Bündnissen feiern.

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In den 1970er Jahren, so Mason, verstand man die Devise „Nie wieder nicht als Ziel, sondern als Tatsache. Der Faschismus war Geschichte“.

Daran erinnert Paul Mason in seiner aktuellen Analyse.

Paul Mason, „Faschismus. Und wie man ihn stoppt“, aus dem Englischen von Stephan Gebauer, Suhrkamp, 20,-

Noch in den 1990er Jahren glaubten viele, der Rechtspopulismus wirke „wie eine Brandmauer“ gegen den Faschismus. Heute wissen wir, dass der Rechtspopulismus eine Säule illiberaler Bündnisse ist, die - so wie in den Vereinigten Staaten unter Trump oder in Brasilien - die Funktionstüchtigkeit freiheitlicher Gesellschaftsordnungen verblüffend schnell untergraben.

Die „Qualität der Demokratie“ leidet in einer politischen Klimakatastrophe.

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Mason glaubt, dass sich der Faschismus jenen anbietet, die „in Prozessen der sozioökonomischen Desintegration“ nach einem Anker in „ethnischen Monokulturen“ suchen.

Bald mehr.