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2022-05-20 07:48:33, Jamal Tuschick

„Sie haben sich nur gestritten, aber nie miteinander geredet.“ Issak Babel

Weißer Dschungel

Joseph Conrad stellte das koloniale Gefüge der Welt nicht in Frage. Seine auf die Horizontlinie fokussierten Helden bewegen sich zwar in unerschlossenen Räumen, bleiben seelisch jedoch im weißen Dschungel. Die Kolonisierten erscheinen bei Conrad in sämtlichen Auffaltungen so holzschnittartig wie Skulpturen. Es sind Verdinglichte, Manipulierte; Figuren, die sich einengen lassen, so wie die auf dem dubios deklarierten Seelenverkäufer Patna Zusammengetriebenen, achthundert von einer „anspruchsvollen Religion“ aus ihren Urwaldeinöden aufs offene Meer hinausgetriebene Pilger.

Der Kapitän, ein „deutscher Renegat“, bezeichnet seine Passagiere als „Vieh“. Er präsentiert sich im dreckigen Pyjama und trinkt von morgens bis abends Bier. Im Weiteren versäumt er das Nötige, bis zur finalen nautischen Niederlage. Er verliert sein Patent.

Joseph Conrad, „Lord Jim“, Roman, neu übersetzt von Michael Walter, Hanser, 36,-

Joseph Conrads Titelheld Jim, dessen Familiennamenlosigkeit zweifellos metaphorisch zwischen Nobody und Runaway gelesen werden soll, gerät als erster Offizier der Patna in den Sog der Deklassierung. Sein seemännisches Versagen steht außer Frage. Auch an der moralischen Schuld lässt sich nicht rütteln. Allein es fehlt die Delinquenz, um den Sack zuzumachen.

Der alte Seebär Marlow, die Stimme seines Herrn und Schöpfers Conrad, findet Jims „verbrecherische Schwäche“ gravierender als die im Kontext verletzter Sorgfalts- und Aufsichtspflichten naheliegenden Verbrechen, regelmäßig verübt von (in den Tropen) heruntergekommenen, verrohten und verwahrlosten Agenten imperialer Interessen.

Christliche Selbstkritik

Jims verbotene Feigheit, seine hysterische Reaktion auf eine Havarie, löst da keine Häme aus, wo Marlow als profunder Zeitzeuge das Terrain sondiert. Er ist gekommen, um einen bis eben unbescholtenen, für ein redliches Dasein anscheinend besonders prädestinierten Pfarrerssohn unter der Marter christlicher Selbstkritik leiden („sich winden“) zu sehen. Doch Jim bewahrt die Ruhe. Er zeigt schon, was ihn fortan auszeichnet. „Er hielt direkt auf einen zu, die Schultern leicht gebuckelt“, mit der paradoxen Attitüde eines zurückhaltend vorrückenden Stiers. Die „verbissene Selbstbehauptung“ ist Eingeständnis und Zurücknahme zugleich.

Hier ist keiner, der mich richten kann, suggeriert der Auftritt in maritimem Weiß. Das Weiß als Signal einer Sehnsucht, in den Zustand der Gnade zurückversetzt zu werden.

Mit der Schilderung der tadellosen Fassade eines Geächteten, der zugleich hohes Ansehen genießt, Jim verkörpert den auf Dauer an Land gegangener Seemann, (er verdient gutes Geld als Schiffsklarierer) beginnt der Roman. Aber ich, der ich nicht zu hoffen wage, dass Sie Lord Jim nicht wenigstens ebenso gut kennen wie ich, will mich heute auf eine Nebensache kaprizieren, und mehr noch, der Nebensache eine Kleinigkeit vorausschicken.

Abgestandene Sehnsüchte/Seelisches Sodbrennen

Sie erschien als Meisterin ihrer Verhältnisse. Hinter ihr lag ein gewöhnliches Mittelklasseleben in Scherben. Die Trauerränder wirkten längst wie Dekor. Nennen wir sie Karolin Müller. Karolin nahm die Vernichtung durch das Alter leicht. Noch hatte sie schöne Beine, wie sie selbst fand, und das seelische Sodbrennen behandelt sie mit Alkohol.

Karolin war zu souverän, um sich mit Komplimenten abspeisen lassen zu müssen, die von den abgestandenen Wünschen schlecht alternde Männer inspiriert waren. Jahre sah man sie beinah jeden Abend im „Vertigo“. Die Bierbar mit einer 1970er Jahre-Patina und einem verlässigen Soundtrack für die Vernachlässigten ersetzte den Marianne-Rosenberg-Himmel auf Erden nicht nur für Karolin.

Solange sie gearbeitet hatte, war sie klargekommen mit der Lächerlichkeit symbolischer Gehaltserhöhungen. Ihre Ehe war ein Witz gewesen. Ich muss Ihnen nicht erzählen, wo die Tragik sich verbarg. Jedenfalls gab es diesen Abend, da sagte Karolin:

„Mich hat an „Lord Jim“ immer nur Big Brierly interessiert.“

Big Brierly

„Als Jim … sich bemühte, über diese Begebenheit die strikte Wahrheit zu berichten, sagte er von dem Schiff: ‚Was das Ding auch gewesen sein mag - die Patna fuhr so leicht darüber weg, wie eine Schlange über einen Stock kriecht.‘“

Die Männer, die über Jim zu Gericht sitzen, sind keine Eiferer. Sie erleben ihren Dienst an der britischen Krone als Bürde. Den herausragenden Kopf des amtlichen Trios „langweilt die Ehre“ in der leidigen Angelegenheit den Ton der Intelligenz anzugeben. Big Brierly, mit zweiunddreißig bereits Inhaber „eines der besten Kommandos im „Eastern Trade“, attachiert bloß als nautischer Beisitzer. Den Polizeirichter charakterisiert eine Engelsgeduld. Darin erschöpft er sich.

Conrad ändert den Kurs seiner Geschichte, indem er einigermaßen unmotiviert seinen Stellvertreter auf Erden, Charles Marlow, und den brillanten Brierly als Männer durchgehen lässt, die ihrer Verantwortung zu genügen wissen. Brierly unterlief nie ein Fehler, heißt es. Von Selbstzweifeln weiß er nichts.

Nach der Verhandlung flippt Jim kurz aus dem Erzählvisier. Conrad legt sich Brierly vor, wie der Elfmeterschütze den Ball. Der „Günstling des Glücks“ regelt noch rasch seine Angelegenheiten, dann begeht er Selbstmord nach Seemannsart. Fast zum Schluss sagt er:

„Umwege bringen nichts.“

Nichts könnte befremdlicher sein als diese Volte. Der vermaledeite Jim, nun ein Paria der westlichen Welt, nimmt sich die Freiheit, ohne Unrechtsbewusstsein weiter zu wursteln. Wie aus dem Ei gepellt klariert er sich durch die Südsee. Seine billige Selbstachtung trägt er wie eine Monstranz vor sich her, während der (vermeintlich tadellose, in Wahrheit aber grundschäbige und rassistische) Brierly sang- und klanglos in Vergessenheit gerät. Nur ein ewig zurückgesetzter Untergebener aus Brierlys Offiziersriege und der unvermeidliche Marlow kauen an der Sache herum. Sie memorieren die hohe Meinung, die Brierly von sich besaß. Der Hochmut ist ein Klacks im Vergleich zu Brierlys Bereitschaft, das Recht - nicht zuletzt mit rassistischen Argumenten - zu brechen. Dazu bald mehr.

Bedürfnisloser Mut - Jim als hoffnungsvoller junger Mann

Den halb entlaufenen und halb ins Ungewisse gestoßenen Pfarrerssohn lenkt die Verachtung jener, denen es gegeben ist, „inmitten von Fährnissen zu glänzen“. Das zeigt sich zuerst auf einem Schulschiff der Handelsmarine.

Der nachnamenlose Debütant mit dem anonymisierenden Rufnamen glaubt, er sei so stark und stumpf wie ein walisischer Ackergaul. Unerschrocken bereist er Regionen, „die seiner Phantasie bereits vertraut sind“.

„In seinen lichten Momenten überschätzt er seine Gleichgültigkeit.“

Sein bedürfnisloser Mut isoliert den Helden in Joseph Conrads Roman „Lord Jim“ von der Gier, die das Dasein Vieler bestimmt und der braven Bereitschaft, sich wie jedermann korrumpieren zu lassen. Aus Höflichkeit der Menschheit gegenüber will man nicht aus dem Rahmen der moralischen Gewöhnlichkeit fallen.

Jims Weg ist vorgezeichnet. Erfahrene Navigatoren kennen die Route lange vor Jim. Er trägt ein nicht für jeden sichtbares Kainsmal, dass das totale Scheitern signalisiert, während die meisten eine „ungebrochene Energie, das Temperament (des Briganten) und die Augen (eines) Träumers“ bemerken.

„Eingestimmt auf die ewige Stille des östlichen Himmels“, verweigert sich Jim „einem rigiden (kolonialen) Pflichtverständnis“.

Aus der Ankündigung

Jim zieht als Schiffsausrüster umher. Als Erster Offizier auf einem Pilgerschiff beging er einen schrecklichen Fehler, der ihn Ruf und Laufbahn kostete. Nach langen Reisen erreicht er die entlegene Insel Patusan im Indischen Ozean und erwirbt sich das Vertrauen der Einheimischen, die ihn als Friedensstifter hoch verehren. Aus Jim wird Lord Jim. Doch dann tauchen Piraten auf, und sie scheinen zu wissen, wer er wirklich ist. Joseph Conrads berühmtester Roman hat viele Facetten: eine psychologische Charakterstudie über einen, der vom Heldentum träumt und doch moralisch versagt; eine mitreißende Abenteuererzählung; und nicht zuletzt eine erschütternde Parabel auf die Zerstörungswut des Kolonialismus.

Joseph Conrad wurde 1857 als Józef Teodor Nałęcz Konrad Korzeniowski in Berdytschiw, Ukraine (damals Russisches Kaiserreich), geboren und starb 1924 in Bishopsbourne, Grafschaft Kent, England. Er ist einer der größten englischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Bei Hanser erschienen die Neuübersetzungen „Die Schattenlinie“ (Roman, 2017) und „Lord Jim“ (Roman, 2022).